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12. Juni

Grimaud – D14xD61xN98xD98a – Saint Tropez – D98axN98 – Saint Maxime – Saint Raphael – Cannes – Antibes – Nice (139 km)

Die Nacht war dem Quartier entsprechend sehr gut. Ich habe fast wie in einem Bett geschlafen. Demzufolge natürlich ziemlich lange. Rasch auf, alles zusammengepackt und los. St. Tropez ruft und Brigitte Bardot. Na, die wohl weniger. Wo ich heute auch lang fahre und ob ich einen Abstecher nach St. Tropez mache oder nicht – das wird eine Fahrt vorbei an den Liegeplätzen, Jachten, Grundstücken und Villen der Reichen. Also, warum soll ich ausgerechnet diesen Ort auslassen?

Ein paar Happen zum Frühstück sind rasch zwischen die Kiemen geschoben. In der Stadt wird Zeit für eine Rast sein. Ich breche auf, und bis vier Kilometer vor St. Tropez bietet sich nichts Außergewöhnliches. Dann kommt eine Kreuzung, vielmehr ein sehr großer Ringverkehr, und dann bekomme ich das Gefühl, dass doch viele Autofahrer dasselbe Ziel wie ich haben. Und dass überdurchschnittlich viele von ihnen eine ganze Menge Geld haben, jedenfalls diesen Eindruck vermitteln wollen. Man sieht es an den Marken, die sie fahren. Das sind häufig keine Urlauber, sondern Ausflügler. Na ja, am Samstag und bei diesem Wetter. Es liegt nicht so fern.

Und dann bin ich da. Es ist etwa neun Uhr, und die Fahrt durch die sehr engen Straßen ist bereits ein Gedränge zwischen Menschen und Autos. Aber irgendwie bewegt sich alles, wenn auch gemäßigt. Die meisten bleiben dabei unaufgeregt, nicht alle. Märkte und Läden werben um Kunden, und zumindest die Märkte tun dies sehr erfolgreich. Ich brauche nichts, schon gar keinen Trödel oder Klamotten, und ich denke auch, dass ein solcher Touristenmagnet vielleicht nicht der geeignete Ort ist, um sich günstig zu verproviantieren. Gemächlich fahre ich dann durch enge Straßen, ja, es mögen sogar Fußgängerpassagen sein. Hier herrscht relative Ruhe, aber auch in den hinteren, durchaus gepflegten Straßen – die Stadtreinigung ist emsig bei der Arbeit – beginnen die Geschäfte. Ich fahre zum Ufer am Hang eines Hügels am nordöstlichen Rand der Stadt. Hier sehe ich dann auch eine Luxusjacht, durchaus eine mehrstöckige Geldanlage in weiß. Ich mache Frühstück. Gelegentlich kommen ein paar Touristen, und wie ich hören kann, aus verschiedenen Ländern. Da sind z.B. Polen, Deutsche natürlich, Franzosen sowieso. Teilweise gucken sie nur mal auf die Bucht, schießen Fotos von sich und dem Panorama – wobei zumindest letzteres nur begrenzten fotografischen Wert hat, weil die Luft nicht sehr klar ist. Ich stopfe mich voll, als gäbe es den ganzen Tag nichts mehr zu essen, vor allem trinke ich etwas zu viel. Aus dem Gefühl heraus, jetzt einen ungünstigen Schwerpunkt zu besitzen, einen unkomfortablen wenigstens, lege ich mich auf meiner Bank erst mal zur Ruhe. So viel Zeit muss sein. Schließlich bin ich hier nicht auf der Flucht und liege sehr gut »im Rennen« – nicht so sehr, was den heutigen Tag betrifft, sondern mehr meinen Routenfortschritt, verglichen mit dem Vorhaben, jeden Tag im Schnitt 125 Kilometer zu fahren. Nur die letzten beiden Tage haben – diesen Makel muss ich einräumen – mich glatt 140 Kilometer zurückgeworfen, einen Tag eben; denn 24 Stunden verbrachte ich bei Pfirrmanns, und das schmälert den Tagesdurchschnitt ganz schön, aber schon allein, weil ich mit dieser Wertung bei fast allen Menschen auf Unverständnis stoße, muss ich mich dazu zwingen, auch andere Maßstäbe, etwa Erlebniswerte, Begegnungen oder Bilder der Natur, gelten zu lassen.

Es wird zehn Uhr. Nun aber weiter! Als ich wieder auf der Hauptstraße bin, über die ich in den Ort hineinfuhr, preise ich mich weise, doch verhältnismäßig rasch aufgebrochen zu sein. Der Frühaufsteher hat es gut, ihm fällt das Gold der Morgensonne umsonst in den Hut, erinnere ich mich an eine Geburtstagskarte mit Scherenschnittmotiv von Omi. Da war ich noch ein kleiner Schuljunge. Heute wusste ich ehrlich gesagt auch nicht so sehr die Morgensonne zu schätzen – die war eh schon längst über die Hügel gestiegen, als ich mich auf die Beine machte. Es war mehr die verhältnismäßig saubere Luft, die ich auf der Herfahrt hatte. Jetzt dagegen herrscht hier ein Paradoxon: »Ruhender Verkehr«. Na ja, da müssen sie halt ein bisschen Geduld haben, bis die ersten wieder draußen sind. Ich mache den Anfang. Wobei man ja nicht sagen kann, dass St. Tropez eine Sackgasse darstellt und irgendwann zwangsläufig »voll« ist, wenn immer mehr hineinfahren. Aber de facto ist es wohl so; denn wer tatsächlich eigentlich woanders hin will, fährt nicht hier lang.

Nach fünfzehn Minuten gelange ich zu der Erkenntnis, dass es Leute gibt, die etwas spät aufgestanden sind, dann solche, die zu spät aufgestanden sind, und schließlich noch solche, die außerdem entweder unendlich geduldig oder naiv sind. Fünf Kilometer lang ist die Schlange, und sie hat sich während meiner ganzen Vorbeifahrt vielleicht um 50 bis 100 Meter bewegt. Man kann also mit linearer Extrapolation ausrechnen, meinetwegen auch mit dem Dreisatz, wie lange es dauern wird, bis der im Moment Letzte die Stadt erreicht, vorausgesetzt jedoch, dass die »Einsickergeschwindigkeit« sich nicht ändert, wobei zu befürchten ist, dass alles eher noch ein weniger langsamer wird. Naiv nenne ich es, wenn jemand solche Überlegungen nicht anstellt, wenn er in Besitz einer Karte ist, aus der glasklar hervorgeht, wie lang der Weg noch sein wird. Und es ist ganz zweifelsohne entspannender Urlaubs, wenn ich in die Gesichter schaue, von denen die einen gleichmütig, die anderen genervt, kaum eines jedoch fröhlich ist. Aber wieso denn auch? Gucke ich vielleicht fröhlich? Ich gebe zu, hier noch am ehesten, nämlich vor lauter Schadenfreude. Vielleicht kriegt ihr hier mal was vom eigenen Dreck ab, Cabriolet oder Sportwagen hin, Limousine oder Geländewagen her!

Weiter geht die Fahrt. Einen ganzen Tag lang habe ich Gelegenheit, mir ein Bild von der Côte d’Azur zu machen. Es ist kein makelloses Bild, beileibe nicht. Eine endlose Kette von Hotels, Eisläden, Restaurants, Wohnungen, Datschen, Stränden, Autos. Sicher, es gibt kaum Betonburgen. Man bewahrt in einigen Belangen Maß, und zweifellos ist meine Perspektive dadurch verzerrt, dass ich auf der Straße unterwegs bin und dem größten meiner Ärgernisse am nächsten, den Autos. Es ist kein Stopp and Go, schon gar kein Stau auf der Küstenstraße. Dazu gibt es einfach zu viele Alternativen im Hinterland, allen voran die Autobahn. Die Leute fahren auch nicht rücksichtslos, sie rasen nicht. Sie machen nicht überdurchschnittlich viel Gestank. Aber sie sind allgegenwärtig. Nach einer Weile kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass hier mal eine viertel Stunde lang einfach kein Motor brummt oder knattert. Und dann überlege ich mir, was mir wichtig ist beim Wohnen. Ich würde hier nicht einmal meinen Urlaub verbringen wollen, geschweige denn einen Wohnsitz gründen. Vielleicht könnte ich eine Ferienwohnung für Ausflüge ins Inland mieten, aber sie müsste einen angemessenen Preis haben, und was hier als angemessen definiert wird, kann ich in den Aushängen einer Immobilienagentur studieren, und zwischen deren Wünschen und meinem Angebot liegen Welten! Wie kann das nur angehen? Gibt es wirklich so viele Sonnenanbeter auf dieser Welt? Gewiss, das Hinterland hat seine Reize gegenüber Stränden, wo es nur den Sand und das Wasser gibt und dicht bebautes Hinterland, womöglich zwischen Teutonen und Engländern aufgeteilt. Aber trotzdem! Ist vielleicht der Frühling hier ein Geheimtipp, wenn nur Einheimische hier sind – doch sind sie das? Jedenfalls verlassen einige von ihnen ihre Villen im Sommer. Und der hat ja noch gar nicht angefangen, ebenso wenig der Urlaub, die Ferien. Was hier wohl in vier Wochen abgeht? Na gut, jetzt ist Wochenende, das verschärft die Situation sicherlich ein wenig.

Die Strände muss ich selber testen. Schließlich kann ich sonst nicht mitreden. Gut ist, dass es kleine Strände sind. Das macht schon mal eine nette Optik. Es können nicht ganze Völker aufeinander hocken, nur Großfamilien vielleicht. Mein Problem ist der gute Einblick auf die Strände. Wie soll ich hier ohne Badehose baden, ohne gesehen werden? Also, im Grunde ist nicht das Gesehenwerden mein Problem, sondern der Gedanke, ich könnte bei anständigen Menschen Empörung verursachen. Im Grunde habe ich ja nichts zu verbergen, und abgesehen davon, dass ich gemessen am Sonnenschein unverschämt ungebräunt bin – außer im Gesicht, am Hals und an den Händen natürlich –, dürfte ich wohl auch keine so anstoßende Erscheinung bieten, aber das wische ich jetzt beiseite. Am Ende bin ich ein paar Tage lang in dieser berühmten Gegend herumgefahren, genauso lange an diesem blauen Wasser entlang – und nicht ein einziges Mal hineingestiegen. Schon, um das zu verhindern, steige ich in den glühenden Kies hinab…, nein, Sand würde ich das nur aus größerer Entfernung nennen, lasse meine Hüllen fallen und sehe zu, dass ich ins Wasser komme, weil es da nicht gar so heiß ist. Warm schon, so gehört sich das. Und sauber. Was sind das für Storys, dass das Mittelmeer ein Notstandsgebiet sei? Klar, hier mündet gerade kein Fluss, und ob es da draußen noch ein paar Fische gibt, weiß ich natürlich auch nicht. Aber ich betreibe keine Studien. – Noch ein Grund, hier keinen Urlaub zu machen: Quallen und scharfe Muscheln. Das übersehe ich jetzt geflissentlich, ein paar Schwimmstöße müssen schon sein. Die Gäste auf der nahen Caféterasse ignorieren dafür liberal meinen Nudismus. Na, das wäre ja auch noch ein Highlight, wenn sich deswegen jemand echauffieren würde.

Vor mir liegt Cannes. Das Einzige, was ich mit dieser Stadt verbinde, sind Filmfestspiele. Die sind heute nicht, also muss wohl der Abglanz davon reichen. Er gibt was her. Die Stadt ist reich, zumindest ihre Einwohner oder Gäste, und sie zeigen es. Hotels, eines größer und prunkvoller als das andere, auch ein Casino, obwohl ich noch gar nicht in Monaco bin, und Autos: Ferraris, BMWs, nicht nur der Z3, sogar ein Z1. Aber ansonsten ist es eine Stadt, gedrängt an den Berg und somit nicht verschwenderisch mit ihrem Platz, wenn auch die Uferpromenade sehr breit und für Spaziergänger einladend ist. Sobald ich diese jedoch verlasse und auf den Hauptstraßen weiter in Richtung Nizza vordringe, wird das Bild wieder autobestimmt. Nein, kein Stress. Dazu bin ich doch zu viel aus Deutschland gewöhnt, aber es ist halt nicht schön.

Nizza kündigt sich schon von weitem an. Ein Komplex von mehreren vielstöckigen Gebäuden, im Kreis angeordnet und an der Peripherie des Kreises einige Male von vielleicht 20stöckig bis zum Boden abfallend und wieder aufsteigend, wie in der Art eines runden Turmes mit dreieckigen Zickzack-Zinnen, prägt das Bild. Ich fahre näher heran, um es mir genauer anzuschauen. Ein endloser Strand beginnt, und Nizza scheint dort sein Wochenende zu verbringen. Auf Deutsch: Es ist was los hier.

Ich komme an einem Notarztwagen vorbei. Ein dicker Mann hat anscheinend einen Herzinfarkt bekommen, und die Helfer versuchen bislang vergeblich, ihn wiederzubeleben. Einer kümmert sich um eine verzweifelte Frau. Es ist Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie dicht auch ich mich auf dem Asphalt immer an die Grenze zwischen Leben und Tod begebe, aber ich halte nicht an.

Rechts kommt der Flughafen. Auf der Karte sieht er aus wie ins Meer hinausgebaut. Aber das kann natürliches Land sein. Wieder folgt eine lange Strandpromenade. Schön finde ich sie allerdings nicht so sehr. Ich habe auch keinen richtigen Blick mehr dafür, denn es wird Abend, und ich muss mich erstens um die Fährverbindung nach Korsika kümmern und zweitens um eine Übernachtung. Ein Hotel wäre doch nicht schlecht, auch wenn dies hier eine teure Gegend ist und eine Stadt dazu. Aber zuerst die Fähre. Am Hafen erfahre ich, dass die Auskünfte in Toulon korrekt waren und wo es am nächsten Morgen los geht. Nun also die Übernachtung. Im ersten Hotel werde ich weitergeschickt. Das zweite schreckt mit Preisen über 300 Francs. Und dann kommt auf dem Weg, den ich fahre, erst mal keines mehr. Ich habe Nizza schon fast in Richtung Monaco verlassen, als links eine Privatunterkunft wirbt. Sie liegt irgendwo oben am Berg. Na ja, mit besonderen Kletterleistungen habe ich mich heute noch nicht hervorgetan. Also hinauf! Im Zickzack geht es »in« den Berg. Vor der Pension kommen mir Bedenken. Es ist nach neun, dies hier ist doch eine sehr bürgerliche Unterkunft, fast ein normales Wohnhaus, und so geschieht es, als ich klingele: Nous sommes complètes. Na, und? Wo ich einmal auf halber Höhe bin, fahre ich gleich weiter. Der Überblick über die Bucht wird immer besser, der Himmel immer dunkler. Ich stelle mich auf eine Freiluftübernachtung ein, und es kommt jetzt vor allem darauf an, diese Option so komfortabel wie möglich wahrzunehmen. Da ist eine Baustelle, allerdings eine sorgfältig eingezäunte, dort ist eine andere, aber die ist sehr gut einsehbar, und so erreiche ich schließlich das Ende des Wohngebiets, wo ein Schild eindeutig darauf hinweist, dass abends das Betreten des Parks am Gipfel des Berges verboten ist – und Camping natürlich sowieso. Einverstanden, erstens befahre ich nur, und zweitens habe ich kein Zelt. Ist ein Schlafsack vielleicht schon ein Camp? Ganz oben sehe ich ein Schild, das eine Jugendherberge anzeigt. Na, das wär’s noch! Nichts wie hin! Es geht auf der anderen, der Hafenseite, wieder hinab. Na, hoffentlich ist da noch a Platzerl frei. Um zehn komme ich an. Draußen ist Nacht, drinnen sieht es nicht direkt nach Überbelegung aus, aber dies hier ist der Empfang und der Gesellschaftsraum, und vielleicht sind die Kindlein alle schon im Bett. Eine ganze Weile kommt erst mal niemand. Und dann erscheint jemand, um mir zu sagen, dass alles voll sei. Was soll ich da machen? Nachschauen vielleicht? Immerhin: Wochenende, Samstagabend um 22 Uhr – das ist nicht ausgeschlossen. Also wieder zurück auf den verbotenen Berg. Ich mache noch ein Nachtfoto von der hell erleuchteten Stadt und suche mir dann abseits der Straße am Rande einer Fläche, auf der vielleicht mal Boule gespielt wurde, einen Liegeplatz. Das ist hier zwar nicht erstklassig, aber welcher Gast dieser Stadt hat schon so viel frische Luft und einen solchen Ausblick?

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