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11. Juni

Six-Fours-les-Plages – Toulon – N97xD554xD29xD12 – Pierrefeu-du-Var – D14 – Collobrières – Col de Taillude – Grimaud (77 km)

Das wird natürlich kein typischer Reisetag. In einem frisch bezogenen Bett aufzuwachen ist erst mal nicht der Standard, den ich auf Achse gewöhnt bin. Auch nicht, so lange zu schlafen. Schließlich nicht, danach ein gepflegtes, nicht nur von der Menge, sondern vor allem zeitlich ausgedehntes Frühstück einzunehmen, na ja, Dinge eben, die wohl ein »normaler« Urlauber so unternimmt, bevor er zu den kleinen Abenteuern und Erlebnissen des Tages aufbricht.

Herr Pfirrmann hat Besorgungen auf dem Markt zu machen. Dazu fährt er nach Sanary. Mit dem Auto und mit mir. In Sanary war ich zwar schon am Vortag, aber ich war dort nur durchgefahren, weil ich ohnehin recht spät in Toulon angekommen war und nicht mit Sightseeing zusätzlich Zeit vertrödeln wollte. Das kann ich jetzt tun, bekomme auch noch Erklärungen aus erster Hand. Wieder erstaunen mich die Preise für Kirschen. Das ist doch wirklich der Hammer: 10 Mark das Kilo. Dabei wachsen sie gleich um die Ecke. In der Nähe von Remoulins haben sie noch 10 Francs gekostet. Aber ich muss sie ja nicht nehmen. Herr Pfirrmann nimmt sie. Wir wollen uns in einem Reisebüro nach den Abfahrtszeiten von Fähren nach Korsika erkundigen. Herr Pfirrmann hilft mir, stellt die Fragen: Wann und wo fahren Fähren nach Bastia? So und so, erfahre ich, auch hier von Toulon, aber das passt zeitlich nicht. Nachtfähren gibt’s jedenfalls nicht, mit denen ich die Überfahrt und eine Übernachtung günstig zusammenlegen könnte. Also werde ich von Nizza aus fahren; viel besser passt das allerdings auch nicht. Aber ich kann’s mir ja noch überlegen. Erst als ich schon längst wieder aus dem Reisebüro herausgekommen bin, fällt mir ein, dass es auf Korsika ja noch andere Häfen gibt, die vielleicht zu anderen Zeiten angelaufen werden. Na ja, das wird wohl hoffentlich nicht das einzige Reisebüro bis Nizza sein. Ich kann vielleicht auch mal selbständig fragen.

Wir fahren jedenfalls erst mal wieder zurück; denn das Mittagessen muss noch zubereitet und natürlich verzehrt werden. Ich unterhalte mich mit den Pfirrmanns. Es geht um Leben und Wohnen in Südfrankreich, um das Klima, um das Recht (Immobilien, Steuern etc.), um das Gesundheitswesen, und währenddessen kümmere ich mich um mein Gepäck. Meine Power-Bars sind noch nicht wieder so richtig trocken, aber es geht. Ich kann sie einpacken, und so langsam gewinnt die Ladung wieder kompakte Konturen. Was ich allerdings alles vorgehabt hatte an Reinigungen, Pflege und Wäsche, ist ziemlich ausgefallen. Die Faulheit hat gesiegt.

Nach einer Nachmittagspause mache ich mich gegen 15 Uhr an den Aufbruch. Ich bin allerdings noch keine zehn Meter vom Hof, als es einen tierischen Schlag im Vorderrad tut – und der rechte Lowrider ist hin; er hat sich in den Speichen verheddert. Die Tasche hat sich dabei natürlich auch verabschiedet. Zum Glück nur auf die Straße. Sie ist unbeschädigt. Ich halte kurz an, biege des Teil notdürftig zurecht, hänge die Tasche wieder an und hoffe auf gut Wetter. Aber das hält nicht lange an. Schon wenige Kilometer später, noch nicht in Toulon, passiert mir dasselbe wieder – diesmal mitten auf der Straße, wesentlich unpassender. Da ist leider nichts mehr zu retten. Der Lowrider muss ab – bzw. seine Reste. Die Tasche hänge ich an den Gepäckträger, sozusagen eine Etage höher. Jetzt ist der Aufbau etwas schief, aber wo habe ich auf dieser Fahrt schon mal Eitelkeit gezeigt? Also werde ich doch hier nicht damit anfangen. Trotzdem ist es schief. Und der Schwerpunkt ist für rasante Talfahrten auch nicht mehr so günstig wie bisher.

Auf den Schreck lehne ich mich erst mal im Schatten der Straßenbäume an eine Grundstücksmauer und mache die mitgenommenen Kirschen alle. Als ich dann so langsam meine Ruhe wieder gefunden habe, geht es weiter. Wie weit mich der Weg heute noch führt, ist völlig offen. Wer weiß, was noch alles kommt. Der Weg durch Toulon ist jedenfalls lang. Erst führt die Straße lange am Hafen vorbei. Da liegen nicht nur Jachten, sondern auch ausgesprochen alte Kähne. Hier soll eine Werft geschlossen worden sein. Könnte sein.

Als ich dann in Richtung Osten in einer endlosen Autoschlange unterwegs bin (wo wollen die alle nur hin? Ach ja, es ist Freitag, und das Wochenende beginnt), fällt mir ein, dass ich hier noch mal nach einem Reisebüro schauen könnte. Nach einigen Kilometern werde ich fündig. Also, man kann sagen, was man will, aber hier bin ich echt deplaziert. Ich bin durchaus nicht wie ein normaler Kunde gekleidet, und nachdem ich meine Auskunft erhalten habe, muss die Dame auch noch zur Kenntnis nehmen, was sie sich wahrscheinlich von Anfang an gedacht hat: Der bringt kein Geld. Ich weiß jetzt aber, dass ich auch nach I’lle-Rousse übersetzen kann, was mir zeitlich wesentlich besser in den Kram passt.

Auf der Karte ist nördlich von Toulon der Mont Faron eingezeichnet. Dort steht auch etwas von Super-Toulon, und dorthin führt eine schmale verschnörkelte Straße. Sieht interessant aus. In der Realität ragt dann aber in der Nachmittagssonne so etwas wie der Zuckerhut von Rio in den Himmel, und da vergeht mir die Lust. Irgendwie sieht das auch nicht so grün aus wie auf der Karte. Muss ja vielleicht nicht sein. Jetzt sieh mal zu, dass du aus der Stadt herauskommst, denke ich. Das ist hier nicht so mein Ding. Es zieht sich hin.

Auf der Fahrt nach Pierrefeu vergreife ich mich schon wieder an Kirschbäumen. Einmal hängen die Früchte etwas höher, und mir bricht ein Ast dabei ab. Mist! Das hätte ja nun nicht sein müssen. Hoffentlich hat es keiner gesehen. Pierrefeu liegt sehr schön am Hang. Eine flach ansteigende Straße windet sich durch die Kurven des großen Dorfes, als müsste sie wer weiß welche Höhen erklimmen. Aus den Cafes schauen die Patriarchen auf meine Vorbeifahrt. Was sie wohl denken? Freitagnachmittag, hätte ich ja was Besseres zu tun… Solch eine sinnlose Schinderei! Wenn ihr wüsstet, Jungs, Schinderei ist was anderes als dieser Hügel. Aber rasch verschwinden sie aus meinem Blickfeld, und ebenso rasch wohl ich aus ihrem. Radfahrer kommen hier sicherlich öfter vorbei.

Was ich jetzt mache, ist Bereisen des Hinterlandes. Der Fahrradreiseführer hat es empfohlen. Ob es besser ist als die Küste, weiß ich nicht, aber dort war es zwischen Marseille und Toulon immer belebter geworden, und hier ist es zumindest grün und ruhig. Ganz langsam gewinnt die Straße an Höhe. Zuerst scheinen die Hänge rechts und links der Straße mit Buschland bewachsen zu sein, aber bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass das doch ausgewachsene Bäume sind. Es sind ganz merkwürdige Bäume. Nach einer Weile stehen sie nämlich auch unmittelbar an der Straße. Sie haben einen schwarzen, unten dünnen Stamm, und dann kommt – wie aufgepfropft – ein dickeres Stück, dessen Borke eher grau ist, und dann verzweigt der Stamm auch wie bei jedem normalen Baum. Zwar habe ich noch nie eine Korkeiche gesehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Bäume Korkeichen sind. Das muss ich mir dann doch mal etwas näher betrachten. Ich lehne das Fahrrad an einen Baum und nehme die Borke eines ungeschälten Baumes in Augenschein. Es muss ja wohl so sein, dass die Bäume nur von ihrer Borke befreit werden, denn nähme man ihnen auch gleich noch die lebende Rinde, würden sie eingehen. Warum die dann so schwarz ist, werde ich wohl nicht herauskriegen, aber vielleicht gibt es nur Verfahren zur Ernte, die den Baum letztlich doch irgendwie verletzen, und der Saft des Baumes trocknet so dunkel ein. Aber wer weiß? Ich hole mein Messer heraus, um mir ein Stück Originalborke mitzunehmen. Das wird ein teurer Versuch. Das Messer bricht nämlich ab. Scheiße! Und Kork habe ich trotzdem nicht. Wie soll ich denn jetzt all die Dinge bewerkstelligen, die ich bislang mit diesem Messer erledigt habe? Da nur die vordersten anderthalb Zentimeter flöten gegangen sind, beschließe ich, den Rest vorerst zu behalten. Vielleicht ist er ja doch noch zu etwas gut.

Wahrscheinlich sollte ich Fahrrad fahren, statt Kork zu ernten. Das kann ich doch relativ gut. Und die Straße ist ideal für die gemäßigte Fitness. Flach steigt sie an, bis nach ca. 25 Kilometern der Pass bei gut 400 Metern Höhe erreicht ist. Der Blick über die Wälder ist sehr schön, und die untergehende Sonne berührt auf der westlichen Seite des Passes, auf der ich jetzt in Richtung St. Tropez hinunterfahre, nur noch die Spitzen der Berge. Wenn ich die Stadt überhaupt noch heute erreiche, dann jedenfalls nicht mehr unter Fotografierbedingungen. Meine weitere Fahrt wird im Schatten verlaufen, und das bedeutet, dass spätestens 20 Minuten später die Dämmerung einsetzt, und dann muss ich mir was für die Nacht suchen. Große Auswahl besteht jetzt nicht mehr. Auf den nächsten 15 Kilometern ist kein Ort verzeichnet, aber solange geht’s auch leicht bergab. Das macht Spaß. Ein Schild preist Kastanienmarmelade an. Was soll denn das sein? Und wer wohnt in dieser Einsamkeit, um ausgerechnet so was zuzubereiten? Ich will keine Kastanienmarmelade.

Eine halbe Stunde später erreiche ich eine Gabelung, überquere einen Fluss und habe noch zwölf bis 15 Kilometer bis St. Tropez vor mir. Das wird finstere Nacht. Da tut sich links eine verlockende Alternative auf: Ein Zeltplatz. Ich fahre weiter bis zum Eingang und stelle das Fahrrad an der Rezeption ab. Als erstes studiere ich die Preisschilder. Übernachten mit Zelt ist teuer. Aber ich habe ja keins. Auto und Caravan führe ich auch nicht mit. Da müssten sich die Kosten eigentlich in Grenzen halten. Aber zunächst interessiert mich, ob es hier auch Duschen und Toiletten gibt. Sonst kann ich mich nämlich auch irgendwo in die Pampa legen. Es gibt sie. Inzwischen ist trotz der fortgeschrittenen Zeit das Personal auf mich aufmerksam geworden. Die Frau spricht sogar deutsch, und zwar sehr gut. Sie unterbreitet mir ein Angebot, das eher an den Preis für fünf Nächte erinnert, und darum melde ich Zweifel an. Sie klärt mich darüber auf, dass das Zelt im Preis enthalten ist. Ich erwidere, dass ich aber gar keines habe und unter freiem Himmel zu schlafen gedenke. Das kommt ihr anscheinend ziemlich abwegig vor, jedenfalls erklärt sie, dies seien Zeltmietpreise, und ich müsse ein Zelt mieten. Das hatte ich aber gar nicht vor, weil ich doch keins brauche, auch keine Lust habe, eins aufzuschlagen, und eben auch Geld sparen möchte. Sie schlägt mir vor, mir das Zelt erst mal anzusehen. Widerwillig gehe ich mit. Sie führt mich zu einem ziemlich großen Zelt, allemal ausreichend für vier Personen und ausgestattet mit Liegen und Matratzen. Der Preis wird jetzt verständlicher und realistischer, und ich sage ihr das auch, damit sie mich nicht als Preisdrücker ansieht. Darauf macht mir die Frau ein Sonderangebot, und ich beschließe, die Angelegenheit als ein Billighotelzimmer zu betrachten, mit Außenborddusche sozusagen, nehme an und bezahle auch gleich. Nach einer Dusche und der Unterbringung meines Gefährts gleich neben meiner Liege mache ich es mir gemütlich.

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