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10. Juni

E.I.A. (Marseille) – D559 – Col de la Gineste – Cassis – D559xD141 – la Ciotat – D559 – Bandol – Sanary-sur-Mer – D559xD616xD16xC? – Fabregas – D16 – Six-Fours-les-Plages (82 km)

Nach dieser ungewöhnlichen Nacht wache ich etwas später auf. Es stellt sich heraus, dass meine lange Suche nach einem überdachten »Quartier« Sinn hatte, berechtigt war, denn es regnet. Es nieselt zumindest. Es ist ein Wetter, bei dem man eigentlich keine Lust hat, Fahrradreisen durchzuführen, zumal der Himmel alles andere als viel versprechend aussieht. Aber alles kann man halt nicht haben: Unterhaltsame und abwechslungsreiche Nächte und auch noch schönes Wetter tagsüber.

Dennoch fahre ich nach einen kleinen Frühstück los. Für heute habe ich mich in Toulon angemeldet, und das sind ungefähr noch 80 Kilometer. Erfahrungsgemäß wird das erst am Nachmittag was, weil die Strecke bis 12 Uhr selten 40 Kilometer überschreitet. Das ist fast ein Naturgesetz. – Ich verlasse den Campus oder jedenfalls das ganze Gelände, das im Zusammenhang mit der Uni, oder welcher Art sonst diese Bildungseinrichtung sein mag, steht. Die Ausfahrt aus Marseille setzt sich somit fort, wo ich sie gestern im Stockfinstern unterbrochen habe.

Der feine Niesel lässt gelegentlich nach, hört zuweilen ganz auf. Eigentlich geht das Wetter. Es kann mich nicht durchnässen. Dafür heize ich selbst zu stark von innen. Unter einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, ist es sogar recht geeignet. Man muss sich nur mal vorstellen, ich würde hier bei 30 oder gar 35 Grad in der Vormittagssonne den Berg hinaufkurbeln. Das wäre doch mindestens schweißtreibend und demzufolge natürlich auch ein kleines bisschen anstrengender als so. Also, 35 Grad sind früh am Morgen natürlich kaum vorstellbar. Aber psychologisch würde sich vielleicht die Landschaft erwärmend auswirken. Es ist jedenfalls trostlos kahl. Nur ein paar Büsche haben ihre Wurzeln in den hellen Fels treiben können. Bäume scheinen hier nicht genug Boden gefunden zu haben. Die Ursachen können natürlich sehr verschieden sein. Ich vermute, dass es hier schon seit der Römerzeit so kahl aussieht, aber wie sich die Dinge darstellen, hat die Menschheit aus deren Fehlern nichts gelernt, jedenfalls machen sie heute wieder den gleichen Unsinn, allerdings in industriellem Maßstab und zumindest dort, wo sie selbst gerade nicht ihr zu Hause haben.

Der morgendliche Berufsverkehr kommt mir entgegen. Da habe ich die Richtung ja gut gewählt. Aus Marseille scheint kaum jemand heraus zu wollen. Der Gegenverkehr stockt dafür umso häufiger. Die langsame Auffahrt nutze ich für Rückblicke auf die Stadt. Besonders erquicklich ist die Aussicht allerdings nicht. Zum einen sind die Satellitensiedlungen keine Augenweide und zum anderen verhindern die tief hängenden Wolken und der Niesel, dass ich sehr weit sehen kann. Einerlei, Marseille war ohnehin nur für den Transit vorgesehen. Der nächste Ort ist Cassis. Hier weiche ich von der D559 ab. Die Karte verheißt mir ein extrem unfreundliches Profil. Ich habe Schieben eingeplant. Dies ist eine der wenigen Stellen der Reiseroute, von denen ich von vornherein weiß, dass sie mit meiner Schaltung schwerlich zu bewältigen sein wird – es sei denn, sie wiche extrem von den Karteninformationen ab. Aber die Karte scheint zu stimmen. Ungefähr 20prozentig bäumt sich das Asphaltband auf, und selbst das Schieben wird zur Schinderei. Aber was soll ich machen? Ich philosophiere über die Tour du Monde der beiden Franzosen, die angeblich teilweise 80 Kilogramm Gepäck mit sich führten und auch schiebenderweise unterwegs waren. Wie haben die ihren Drahtesel noch die Hänge hochgebracht? Aber einer bestimmten Untersetzung muss Fahren doch leichter sein als Schieben. Und was ist dann, wenn Fahren nicht mehr geht? Schieben dürfte dann doch auch nicht mehr möglich sein.

Aber ich habe nicht so viel Gepäck und kann noch schieben. Rechts hinter mir versinkt Cassis am Ufer einer steilen Bucht hinter Weinfeldern in der Tiefe, ganz langsam natürlich, denn hier sind wahrlich keine Geschwindigkeitsrekorde zu erwarten.

Schließlich habe ich einen weniger steilen Teil erreicht und kann den Rest der Besteigung im Sitzen bewältigen. Es wird immer flacher und immer höher, und ich bin schon gespannt auf die ersten Ausblicke. Die Klippen sind in der Tat recht eindrucksvoll. Immer wieder führt die Straße direkt bis an den Abgrund heran, um gerade im letzten Moment noch die Kurve zu kriegen. Einige Male steige ich ab und trete an die Absperrung heran, die wirklich den äußersten Punkt markiert. Die höchsten Erhebungen sollen hier 400 Meter über dem Meeresspiegel liegen, und die sind nicht so weit über mir. Also gucke ich ca. 300 Meter in die Tiefe. Jetzt müsste nur noch schönes Wetter sein. Ab und zu bricht die Sonne bereits durch die Wolken, und in der diesigen Luft zeichnen sich fotogen ihre Strahlen nach. Das ist keine stabile Witterung, sagt mir meine Erfahrung, und was der Blick von den Klippen betrifft, so ist er auch nicht fotogen. Meine Fußspitzen, ein paar Meter azurblaues Wasser, dann normales Wasser und dann ein Horizont, dessen Lage sich bei diesem Wetter nicht mit Sicherheit ausmachen lässt – wen wird das in der Heimat beeindrucken?

Diese Abstecher wiederholen sich einige Male. An den Hängen fallen mir Schonungen auf. Mir fallen wieder meine Begrünungspläne ein. Hier startet man eine Aufforstung offensichtlich mit überschaubarem finanziellem Aufwand. Es ist allerdings auch die Frage, ob diese Pflanzungen Bestand haben werden. Jedenfalls stehen dort Nadelbäume in Reih’ und Glied, und die Maßnahme an sich ist lobenswert. Vielleicht wird das ja mal ein stabiler Baumbestand, auch wenn er das Mittelmeerklima nicht ändern wird.

Dann kommt die Abfahrt nach la Ciotat. Dort mache ich Pause. Die Weiterfahrt bis Sanary-sur-Mer erfolgt wieder auf der D559, mit leichtem Auf und Ab, lebhaftem Berufs- und touristischem Verkehr, keinerlei Außergewöhnlichkeiten und nur hin und wieder einer Essenspause. Zwar fahre ich nicht außergewöhnlich schnell, aber ich versuche, mich auf eine möglichst zeitige Ankunft in Toulon zu konzentrieren.

Mit Erreichen von Six-Fours beginnt ein Schlenker. Ich habe geplant, die Pfirrmanns gewissermaßen einzukreisen, denn ich möchte die landschaftlich schöne Route im Süden der Halbinsel abfahren, mir vielleicht sogar Notre Dame du Mai ansehen. Das sieht auf der Landkarte ganz einfach aus, einmal davon abgesehen, dass es wieder hoch hinaus geht. Die Touristikrouten in und um Toulon auf den lokalen Übersichtsbildern scheinen jedoch wesentlich komplexer zu sein, und meine nächste Aufgabe wird darin bestehen, meine geplante Route auf diesen Bildern wieder zu finden, mir die zugehörigen Markierungsfarben zu merken und ihnen dann zu folgen. Die blaue Route scheint über den größten Teil ihres Verlaufs mein Weg zu sein. Es gibt in ihrer Nähe auch keine andere. Also scheint – zumindest in diesem Gebiet – tatsächlich auch die allerletzte Gasse auf der Michelin-Karte verzeichnet zu sein. Auf der Übersichtstafel finde ich auch die Straße, in der Pfirrmanns wohnen. Na, ob ich das im Kopf behalte? Und darf es mir ja auch nicht passieren, auf Wege abzuweichen, die hier gar nicht eingetragen sind. Aber es wird schon irgendwie klappen. Das ist ja hoffentlich nicht die einzige Tafel dieser Art. Und so mache ich mich auf den Weg. Die Straße ist schmal, nass und dunkel, zum einen, weil der Himmel noch grau ist, zum anderen, weil hohe Bäume jeden Lichtstrahl auffangen. Einmal fahre ich an einem militärischen Grundstück vorbei, inmitten großzügiger Wohngebiete. Na, da werden sich die Nachbarn aber freuen. Wobei – residiert der BND in Pullach etwa bescheidener?

Allmählich steigt der Weg an, und die Grundstücke werden großzügiger. Wenn man bedenkt, dass das hier die Côte d’Azur ist, dann müssen das alles heimliche Millionäre sein. Heimlich deshalb, weil den Arealen außer ihrer Größe kein Luxus anzusehen ist. Zuweilen ist da einfach nur Wald, aber auf vielen eingezäunten Grundstücken existiert doch irgendwo ein Bauwerk, das vermuten lässt, dass es sich bei der Fläche grundsätzlich um bebaubaren Grund handelt. Na ja, die Reichen. Hoffentlich müssen sie ordentlich Grundsteuer zahlen.

Irgendwann hört das Wohngebiet gänzlich auf, dann wird der Wald auch lichter, niedriger, und über mir wird sogar zuweilen ein Fleckchen Himmel sichtbar. Die Kirche soll auf 350 Meter Höhe liegen. So weit bin ich wohl noch nicht gekommen, aber ich mache Fortschritte, überlege trotzdem, ob ich nur wegen eines kleinen Kirchleins meinen Besuch bei Pfirrmanns noch weiter verzögern sollte. Die Bedenken werden immer stärker, und als ich schließlich einen Punkt erreiche, an dem zwar nicht die Kirche selbst steht, aber ein Schild, dass es bis zu ihr auf einem Fußweg nun noch so und so weit ist, will ich erstens das Rad nicht einfach stehen lassen und zweitens ganz schnell endlich den Scheitelpunkt dieser Straße erreichen und von dort so rasch wie möglich die Pfirrmanns suchen.

Nahe der Ostküste erreiche ich schließlich den »Pass« und abwärts geht es. Ich habe allerdings den Verdacht, dass ich insgesamt zu weit im Osten gelandet bin, und als ich in Six-Fours schließlich die Hauptstraße erreiche, wird mir klar, dass ich hier mit Farben kaum noch etwas ausrichten kann. Da werde ich wohl anrufen müssen. Ein paar 100 Meter später finde ich ein Telefon, und Herr Pfirrmann will wissen, wo ich bin. Ich beschreibe das Gebäude, vor dem ich stehe, ein beigefarbenes großes Verwaltungsgebäude, und er meint, ah, das Rathaus, bleiben Sie dort, ich komme mit dem Auto vorbei. Was er wohl denkt, wie mein Fahrrad da hineinpasst. Einerlei. Ich warte. Nach einer halben Minute kommen mir erste Zweifel. Also Rathaus, …? Das sieht überhaupt nicht so aus. Die Schilder daran sagen auch nichts von einem hôtel de ville oder mairie. Ich frage einen Passanten. Er weist mir den Weg. Da hinten, um die Kurve usw. Also, zumindest die Richtung habe ich ungefähr kapiert. Das wäre ja noch schöner, wenn wir uns jetzt auch noch verpassten. Zum Glück ist das Rathaus nicht weit entfernt, und als ich es sehe, sieht es eindeutig eher nach einem solchen aus als das andere Gebäude. Was immer das gewesen sein mag. Kurze Zeit später kommt das Auto vorgefahren. Bevor Herr Pfirrmann lange darüber nachdenkt, wie der ganze Kram und mein Gefährt ohne Schaden in seinem Blech verstaut werden kann, schlage ich vor, ihm einfach hinterher zu fahren. Über die Stelle, von der aus ich telefoniert hatte, erfahre ich, dass dort das Sozialamt sei.

Einem Auto zu folgen ist für Radfahrer naturgemäß nicht so einfach. Ich muss mich strecken, vor allem, als es dann in die Berge geht, in Straßen, in denen ich schon war, dicht dran gewissermaßen. Lange dauert dieser Sprint aber glücklicherweise nicht. Wir sind da. Ich stelle das Fahrrad ab und betrete »das Paradies«, wie meine Gastgeber ihr Exil nennen. Ja, es ist in der Tat recht nett gelegen, allerdings viel kleiner, als ich mir das nach den Fotos und Erzählungen vorgestellt hatte. Die Pfirrmanns haben zahlreiche Gäste. Die sitzen beim Nachmittagsgespräch, Reste des Essens stehen noch auf dem Tisch – für mich. Oje, die erwarten jetzt doch nicht etwa französische Konversation. Nein, das tun sie nicht. Sie sprechen teilweise selbst deutsch. Ich muss nun zwei Dinge gleichzeitig tun: Essen und Erzählen. Das ist natürlich etwas heikel, weil man mit vollem Mund nicht sprechen soll. Andererseits gibt es von heute nicht so viel zu erzählen, und was ich in der letzten Nacht erlebt habe, muss ich mir erst noch mal durch den Kopf gehen lassen, bevor ich es den gesetzten Herrschaften anbiete. Ich beschließe am Ende, mich auf die harten Fakten zu beschränken, also das, was ich ganz ohne jeden Zweifel gesehen habe, und so viel war das dann ja auch wieder nicht. Dass das Auto schaukelte, lasse ich weg. Das kann man sich schließlich denken. Nach jedem Satz wird quasi-simultan übersetzt. Ob meine Erzählung letztlich eine sittliche Katastrophe war, erfahre ich nicht. Jedenfalls bleiben die Herrschaften freundlich, amüsieren sich auch köstlich. Meine Mahlzeit besteht zum größten Teil aus Fleisch. Herr Pfirrmann hat einen viel zu großen Rollbraten eingekauft und liebevoll mit Kräutern gewürzt. Mir kommt das Fleisch ein bisschen zu wenig durchgebraten vor. Aber vielleicht muss das ja so sein. Und überhaupt sind solche Fleischportionen nicht das, wonach mein Kreislauf schreit. Also, ich meine, im Moment schreit er überhaupt nicht. Aber wenn er es täte, dann würde er Buttercremetorte oder Nutellabrötchen verlangen, aber keine solche Eiweißspritze. Wobei Eiweiß ja nicht schaden kann.

Während meiner Schilderungen klart der Himmel restlos auf, und es wird ein richtig schöner Nachmittag. Frau Pfirrmann erzählt mir dann, wer die einzelnen Leute sind bzw. waren – einige sind schon gegangen –, die beim Essen zugegen waren: ehemalige Direktoren, hochgestellte Persönlichkeiten, nicht alle, aber zwei oder drei von ihnen. Das beeindruckt mich allerdings nicht so sehr, weil ich schon im vergangenen Jahr davon gehört habe. Allerdings vermittelt es natürlich ein gutes Gefühl, Menschen, die es beruflich weit gebracht haben, so mit den Füßen auf der Erde zu erleben. Offenbar kriegt nicht jeder unentwegt Höhenflüge oder nimmt anderweitig Karriereschaden.

Frau Pfirrmann ist nicht in Hochform; ich weiß, dass sie nervliche Probleme hat, und sie klagt, dass sie bei der Vorbereitung des Essens etwas Wichtiges vergessen habe, das sei ihr noch nie passiert, aber ihr Mann sagt, das sei doch gar nicht so schlimm, und ich selbst habe weder etwas davon gemerkt noch sonst irgendwas vermisst. Aber ich war natürlich nicht gerade pünktlich zum Essen gekommen. Sie ist aber diesmal nett zu ihrem Mann; das soll schon mal anders gewesen sein.

Mich befällt eine unglaubliche Trägheit. Ich habe ja eigentlich Wäsche waschen wollen, nicht gleich mit Schlafsack und Waschmaschine, sondern so im kleinen Stil, die Unterwäsche, die Oberhemden und meine Hose. Nichts! Gar nichts tue ich. Es ist, als bräche ich unter der Last der ganzen bisherigen Reise zusammen. Dabei habe ich mir heute doch wahrhaftig kein Bein ausgerissen. Es reicht gerade noch dazu, meine Packtaschen mal umzustülpen, um zu sehen, ob vielleicht noch irgendwo ein Stückchen verschimmeltes Brot oder sonst ein unnützer Ballast herumliegt. Der Telekonverter macht keinen besonders guten Eindruck. Den sollte ich direkt nach Hause schicken. Damit mache ich sicherlich keine Fotos mehr. Im Vorfeld dieses Besuches hatte ich auch ernsthaft darüber nachgedacht, ein Paket zusammenzustellen und das entweder den Pfirrmanns für ihre nächste Fahrt nach Deutschland oder direkt der Post anzuvertrauen, aber letztlich scheue ich den Aufwand für gerade mal ein überflüssiges Kilo. Es soll mir eine Lehre für die Packphase vor der nächsten Fahrt sein. Ich werde da rigider aussortieren. Meine Powerbar wasche ich einmal durch, damit da wenigstens kein Dreck, auch kein Öl oder Honig mehr dran klebt; denn einige Packungen scheinen undicht geworden zu sein, und ich denke, zumindest Mineralöl veredelt das Kraftfutter nicht gerade.

Am Abend suche ich nach langen Gesprächen über Teuchern, Könnern, Grieben, das Befinden von Eltern und Geschwistern, Berichten über Pfirrmanns Kinder und Einblicken in das französische Grundsteuerrecht das Bett auf. Das Bett! Ha! Also, wenn das nichts ist! Es ist jedenfalls nicht gerade ein alltägliches Quartier, und unter solch komfortablen Bedingungen schlafe ich natürlich sehr schnell ein.

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