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8. Juni 8. Juni10. Juni 10. Juni

9. Juni

D16 (hinter Grans) – Istres – D52xD52axD51xD51axD50xN568 – Martigues – D5 – Sausset-les-Pins – Carry-le-Rouet – D5xN568 – Marseille – N113 – les Pinchinades – D9xD543xD64 – Aix-en-Provence – N8 – Marseille – E.I.A. (Marseille) (165 km)

Am Morgen brauche ich nicht lange. Das Frühstück kommt aus der Tasche. Ich bin nicht der Einzige, der um diese Zeit im Haus bereits unterwegs ist. Als ich die Treppe hinuntersteige, begegne ich wieder dem jungen Mädchen von gestern, das sich seiner Nationalität schämt(e). Das wäre damit eine von den vielen Begegnungen im Leben, die einmal und dann voraussichtlich nie wieder kommen.

Ich schwinge mich aufs Rad und mache den Abflug. Heute steht einiges auf dem Programm: Aix-en-Provence und Marseille, um nur die größten Ballungsgebiete zu nennen – und durch beide will ich hindurch; denn morgen kommt Toulon, und da möchte ich so zeitig wie möglich ankommen. Der Weg nach Marseilles will allerdings erst einmal gefunden sein; denn er führt über Nebenstraßen, und dort entlang weist nur sehr selten die Beschilderung. Bis Istres ist die Route allerdings erst mal klar. Sie führt am Etang de berre, einem großen Binnensee, entlang, dessen Ufer bewaldet ist. Die Straße verläuft wellig, mal ein Stückchen höher, dann wieder fast auf Höhe des Wassers. An einem der höher gelegenen Abschnitte beschließe ich eine Pause, um die zweite Ration Frühstück zu mir zu nehmen. Das Militär scheint hier eine Übung durchzuführen. Auf dem Programm steht Orientierung im Gelände anhand der Karte. Die Rekruten haben, wie mir scheint, noch nicht viel Übung mit Karten. Die Unterlagen werden immer wieder umgedreht, und es gibt einige Diskussionen. Ich setze mich an einen Picknick-Tisch, packe meine Sachen aus und … der Honig ist ausgelaufen! Mist! Jetzt wird wieder allerhand in der Tasche kleben. Der Fotoapparat zum Beispiel. Da ich im Moment keinen Durst habe, muss mein Trinkwasser zur Reinigung herhalten. Als das dann erledigt ist, komme ich zum Essen.

Wenige Minuten, nachdem ich die Fahrt wieder aufgenommen habe, kommt Istres in Sicht. Von der Stadt erwarte ich an sich nichts Besonderes, allerdings wird es wohl nicht ganz leicht sein, den richtigen Weg zu finden, denn ich möchte den Ort nicht auf der vierspurigen Hauptstraße verlassen, sondern auf Nebenstraßen. Die sind zwar eingezeichnet, aber ich kann nicht erwarten, dass irgendein Wegweiser dorthin weist, denn sie führen durch keinen Ort. Ich kann also nur darauf hoffen, irgendwo deren Nummer auf einem Schild zu finden. Damit setze ich meine Hoffnung in ein System, das in Deutschland überhaupt nicht funktionieren würde. Allein Bundesstraßen sind dort auf Schildern ausgewiesen, und die führen zumeist noch in größere Orte. Da würde die Ortsangabe allein schon genügen. Hier aber, wo eine Landstraße ins Irgendwo führt, kann kein Ort angegeben werden. Es bleibt aber die Straßennummer, und die fehlt in Deutschland in den meisten Fällen.

Viel leichter wird mir die Suche damit aber auch nicht gemacht. Istres ist durchaus ein größerer Ort mit vielfältiger Struktur. Da haben wir die Altstadt (dort finde ich an einer Bushaltestelle auch einen Plan, der mir den Weg zeigt – nur merken müsste ich ihn mir noch können). Auf dem Weg in Richtung Süden komme ich durch Viertel, die wie Sozialsiedlungen aussehen, und durch »normale« Wohngebiete – alles dabei. Und weil die D52 einfach nicht zu finden ist, drehe ich wohl auch eine oder zwei Ehrenrunden. Schließlich aber bin ich ’raus, und kurz darauf bestätigt mir ein Schild an der Chaussee, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Landschaft ist eigentümlich: Kiefernwald und Wiese, dazwischen viele kleine und größere Seen, und alles sieht ein bisschen so unberührt aus, als lägen überall Minen verbuddelt und keiner traute sich, die Straße zu verlassen. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich wundere mich einfach, in dieser Gegend, in der ich zunehmend dichtere Besiedlung erwarte, ein so ausgedehntes Areal völlig ohne Häuser und eingezäunte Grundstücke vorzufinden.

Nächstes Ziel ist Martigues. Dort kann ich den Canale de Caronte überqueren, der den Etang de berre mit dem Mittelmeer verbindet. Und wieder zeigt sich, dass ich ohne die genaue Straßennummerierung aufgeschmissen wäre. Sie wechseln so oft, und die Straßenämter täten sich wirklich schwer, an jeder Gabelung ein eindeutiges Ziel für jede Richtung anzugeben. So schreiben sie nicht auf, wohin es geht, sondern wo entlang, und das ist eine sehr gute Lösung. – Das Stadtbild ist stark von der Autobahnbrücke geprägt, die hoch oben den Kanal überquert und die ich auch ganz gern benutzen würde – dann brauchte ich nicht auf der einen Seite hinunter und auf der anderen Seite wieder hinaufzufahren. Aber da es eine Autobahn ist, geht’s wohl nicht anders. Stattdessen fahre ich ein paar Schleifen in der Altstadt und nehme etwas von dem Flair in mich auf, das Städte am Wasser, an viel befahrenen Kanälen zumal, so an sich haben. Da liegt alles vor Anker, vom alten Seelenverkäufer bis zur modernen Jacht, und einige Boote scheinen schon seit Jahren nicht mehr ausgelaufen zu sein. Über eine eigentümliche Brücke überquere ich schließlich den Kanal und bin damit gar nicht mehr so weit von Marseille entfernt.

Während die Autobahn jetzt langsam zur Küste des großen Binnensees herabsinkt, beginnt für mich die Steigfahrt, und nach zwei Kilometern kreuze ich bereits die Autobahn und kann zurückblicken auf die Stadt und den See. Da meine Fahrt allerdings nicht in himmlische Höhen hinaufführt, geht diese Perspektive bald verloren. Stattdessen fahre ich jetzt durch eine sonnenverbrannte Landschaft, in der kaum ein Baum steht und in der die Stellen, an denen der Fels sichtbar wird, weiß ausgeblichen sind. Hier gibt es Grundstücke, aber das müssen wohl eingeschworene Sonnenanbeter sein, die sich an diesem Ort niederlassen. Weit und breit spendet kein Baum auch nur einen Quadratmeter Schatten, und was hat die Landschaft zu bieten, wenn ein Tag mal trüb ist? Na ja, man kann es sich halt nicht immer aussuchen. Die Hügel ringsum wecken in mir die Erinnerung an die Aussage, die Römer hätten als erste Menschen in Europa das Klima verändert, indem sie für ihren Schiffbau den ganzen Mittelmeerraum abgeholzt hätten. Und dann sei nichts mehr nachgewachsen, weil der ganze Mutterboden weggespült worden sei. Genauso sieht es hier aus, und ich beginne mir zum Zeitvertreib zu überlegen, was wohl notwendig wäre, wollte man einen mehrere Kilometer breiten Streifen Wald rings um das Mittelmeer anpflanzen und ihn mit einem Bewässerungssystem versehen, das für die ersten zwanzig Jahre auch sein Überleben gewährleisten kann. Unsummen kämen jedenfalls heraus.

In Sausset ist die Küste wieder erreicht. Allerdings sehe ich nicht viel davon. Jeder Meter Küstenstreifen ist von Grundstücken okkupiert. Ich fahre in Richtung Osten, und eine Kurve kommt nach der anderen, und der Ort nimmt kein Ende bzw. geht ohne Punkt und Komma in den nächsten über, und fast durchweg ist der Küstenstreifen verdeckt von Grundstücken. Teilweise sind die Zufahrten bewacht – das erinnert fast an Beverley Hills. Würde ich hier wohnen wollen? Ich weiß nicht so recht. Erst mal sieht es ziemlich teuer aus. Entsprechend wäre die Nachbarschaft beschaffen. Zum anderen müsste das Grundstück schon wirklich sehr groß sein, um den Lärm von der Straße wirksam abschirmen zu können. Und dann müsste noch der Ort insgesamt stimmen, denn man lebt ja nicht nur in den eigenen vier Wänden.

Erst als ich die Küstenlinie wieder verlasse, hört auch der Ort auf. Das Terrain wird jetzt umso trostloser. Mit der Einfahrt in die Vororte Marseilles verschönert sich die Umgebung zwar nicht, aber es kommt etwas mehr Abwechslung in die Fahrt. Gleich auf einer der ersten Bänke der großen Stadt lasse ich mich zu einer ausgedehnten Essenspause nieder. Die Sache wird jetzt verzwickt. Die Route sieht hier einen Abstecher nach Aix-en-Provence vor, und ich will mich dem auch nicht entziehen, denn der Name hat schließlich einen Klang. Ich werde ohnehin genügend verpassen und in einem Tempo an Sehenswürdigkeiten vorbeifahren, das jeder auch nur mittelmäßig kultur- und kunstinteressierte Mensch als glatten Frevel bezeichnen wird. Da will ich nicht gerade das auslassen, was sogar zu meinen Ohren schon vorgedrungen ist. Also Aix.

Die Ausfahrt ist keine Übung für Sommerfrischler: Es herrscht eine Affenhitze, und es geht eine lange Auffahrt ohne absehbares Ende hinauf. Rechts und links kriechen eine Vorstadt und ein Büro- und Gewerbegürtel an mir vorüber, ganz langsam. Aber irgendwann bin ich oben, und damit beginnen die Probleme erst. Denn während die direkte Route nach Aix (auf der ich zurückkommen will) leicht zu finden ist, gilt das nicht für meinen Weg. Also studiere ich wieder einmal die Karte, dann den Stand der Sonne und die Uhrzeit und fahre schließlich nach Gefühl. Damit geht’s ganz gut.

Kurz vor Erreichen der D9 führt die Route durch einen Edelvorort. Es ist wirklich faszinierend, wie sehr mich diese Siedlungsstruktur an Amerika erinnert. Nicht, dass ich dort so viele solcher Siedlungen gesehen hätte; genau genommen kann ich mich an keine einzige erinnern. Aber was ich in Filmen gesehen habe, könnte hier gedreht worden sein: Stichstraßen, rechts und links eine Harmonie aus Flachbauten, Grünanlagen und einigen Schatten spendenden Bäumen. Hier kommt man nicht durch. Hier wohnt man oder kommt aus Neugierde. Ich sehe auch kaum einen Menschen.

Die D9 ist ein wahrer Highway. Sie könnte fast eine Autobahn sein. Da es nicht das erste Mal ist, dass ich wie auf einer Rollbahn unterwegs bin, ignoriere ich den starken Verkehr, der ohne Probleme an mir vorbeirollt, und betrachte die Gegend, durch die das Asphaltband geschnitten wurde. Die Spuren sind beeindruckend. Eine fesselt mich besonders. Sie scheint ihr eigener Schnitt zu sein, eine quer verlaufende Autobahn. Ich konsultiere die Karte und stelle erstaunt fest, dass dies keine Autobahn wird, sondern eine TGV-Strecke. Alle Wetter! Soll das eine betonierte Trasse werden? Und soll sie mehr als zwei Gleise aufweisen? Die Baumaßnahmen sind enorm, und es will mir auch scheinen, als würden die Kosten dieser Strecke etwas über dem üblichen liegen. Irgendwo weit vor der Stadt verschwindet die geplante Trasse in einem Tunnel und taucht weiß der Teufel wo wieder auf. So viel ist sicher: Tunnelstrecken vervielfachen den Kilometerpreis.

Ein paar Kilometer später verlasse ich die Schnellstraße in Richtung Norden, weil ich mich Aix auf Umwegen nähere, die mit hoher Wahrscheinlichkeit reizvoller sind als diese Piste. Übel sind sie dann auch nicht, aber direkt vom Sockel haut’s mich nicht. Zum Schluss werde ich sogar etwas ungeduldig, die Stadt zu erreichen. Aix selbst bietet ein facettenreiches Bild. Da sind halbwegs moderne Neubaugebiete, ich würde sagen, für die obere Unterschicht, da ist die Vorstadt, auch nicht gerade sehr anziehend für wohlhabende Leute, und da sind natürlich auch die Reihen- und Einzelhäuser auf der einen Seite und die etwas ältere und die ganz alte Innenstadt mit ihren historischen Bauten. Ich muss ein paar Runden drehen, bis ich zur Paradestraße von Aix komme, einer Flanier- und Café-Meile unter Platanen, die einen solch lückenlosen Schatten werfen, dass es hier wohl nie sehr heiß werden kann. Zwar ist die Straße so breit, dass der Verkehr vierspurig fließen kann, und es ist auch nicht gerade wenig los, aber das scheint zu dieser Avenue ebenso zu gehören wie zur Leopoldstraße in München. Da ist ja auch nicht gerade wenig los, und es ist hier wie dort keineswegs so, dass die Ausflügler und was es alles für Menschen sein mögen, die hier Halt machen oder sich treffen, sich in die Cafés verkriechen – sie sitzen im Gegenteil draußen, nur wenige Meter vom Verkehr entfernt. Und es reiht sich – das fällt hier besonders auf – ein Café ans andere, höchstens vielleicht mal unterbrochen durch eine Boutique oder Läden ähnlicher Couleur. Was an diesem Tag vielleicht noch besonders auffällt, sind die Plakate zur Europawahl, die am kommenden Wochenende stattfinden. Jede Partei wirbt hier um die Gunst der Wähler, und das tun sie weiß Gott nicht erst seit heute.

Ich fahre einmal die Straße hoch und wieder runter, und noch einmal hoch – falls ich etwas übersehen haben sollte – und wieder hinunter, und dann komme ich auf die Idee, noch das Hinterland etwas zu erforschen, und in der Tat: Dort befindet sich die Altstadt, also das Älteste, was Aix zu bieten hat. Eng ist es, und der Rinnstein verläuft in der Mitte anstatt an den Rändern, und hier gibt es Verkehrsberuhigungsmaßnahmen, eindrucksvolle Vertiefungen in den Straßen, aufwendig gemacht, für mich allerdings weniger ein Hindernis, weil ich weder sehr schnell noch gefedert fahre, und wieder reiht sich ein Laden an den anderen, und man fragt sich, wovon die Händler hier alle leben. Doch nicht alle von Touristen. Das ist alles sehr schön, aber die Vorstellung, jetzt hier flanieren zu müssen, ist mir ein Horror. Aber ich muss ja nicht. Ich kann ja sitzen bleiben und physisch reichlich unterfordert von einer künstlichen Delle zur nächsten rollen. Einkaufen wäre noch dran: Lebensmittel, versteht sich.

Und es passiert mir in Aix, dass ich einen Aldi sehe. So was gibt’s also auch in Frankreich! Und es ist ein Erlebnis! Nicht, dass mich Aldi mit seinem Angebot überrascht. Das ist wohl überall ziemlich gleich. Aber die Preise sind denen in Deutschland sehr ähnlich, und das ist in der Tat eine gelungene Überraschung. Man sollte meinen, dass die Kundschaft hier keinen Fuß auf die Erde kriegt; überall, wo der Mensch sonst in Frankreich einkaufen kann, bezahlt er ein Mehrfaches. Man müsste hier auf Vorrat bunkern, aber das käme mich schwer zu stehen, und darum bleibe ich vernünftig.

Es wird Zeit für die Rückfahrt. Indes ist es gar nicht so einfach, die richtige Ausfahrt zu finden; denn ich will die Stadt ja nicht über die Autobahn verlassen. Also drehe ich eine Ehrenrunde, bevor ich die passende Straße nach Süden erreiche. Diese nun ist wenig spektakulär. Es geht laufend leicht auf und ab, immer wieder durch langgezogene Ortschaften, die sich längs der Durchfahrtsstraße entwickelt haben, aber sie sind stark vom Autoverkehr geprägt, und es ist auch ganz schön was los um mich herum, obwohl ich praktisch neben einer Autobahn fahre, die natürlich auch noch einmal einen Teil Fernverkehr aufnimmt.

Gegen Abend erreiche ich wieder Marseille. Da die Stadt keinen so tollen Ruf in puncto Sicherheit genießt, möchte ich die Durchfahrt noch bei Tageslicht hinter mich bringen, die Nacht jedenfalls außerhalb verbringen. Vorher jedoch möchte ich noch mal bei Johanna anrufen, bei der ich mich schon eine ganze Weile nicht mehr gemeldet habe. Und natürlich muss ich mich bei Pfirrmanns anmelden, damit ich morgen dort nicht vor verschlossener Tür stehe. Also halte ich vor der langen Abfahrt (die ich heute in schönster Mittagshitze hinaufgefahren war) an und suche eine Telefonzelle auf. Eine viertel Stunde später sitze ich wieder im Sattel, und nun geht es eigentlich nur noch nach Süden in der Hoffnung auf eine einigermaßen gute Beschilderung. Die Sonne dürfte gerade untergegangen sein.

Mir stellt sich Marseille als ein Verhau dar. Das kann man nun drehen und wenden, wie man will. Der eine spricht vielleicht von Stadtentwicklung, der andere von Wucherungen, der dritte von autogerechtem Wohnen, der vierte von Betonwüste, der fünfte von verfallenden historischen Prachtstraßen – es hat von allem etwas, aber hier unten, im Dunstkreis des Hafens, durch den die Küste so gar nichts Azurfarbenes hat, dominieren die Infrastrukturstränge, die die Wirtschaft braucht, und ich kann es beim besten Willen nicht schön finden. Ob die Anlagen zweckmäßig sind, kann ich aus der Nähe und in der Kürze des Eindrucks ebenfalls nicht beurteilen.

Trotz einiger Schnörkel erreiche ich bald den alten Hafen. Der ist ziemlich übersichtlich, mitten in der Stadt gelegen, und Handel wird hier nicht mehr betrieben. Jachten und kleine Jollen liegen vor Anker, und eingerahmt wird das Karree von drei Seiten durch hohe, ehemalige Patrizierhäuser, die aber ihre besten Jahre auch schon hinter sich haben. Ich halte an, um mich auf der Karte zu orientieren und einen Happen zu essen. Da spricht mich ein junger Mann an, vielleicht so um die 20, kahlköpfig, allerdings ohne aggressives Aussehen, erst französisch natürlich, und als er merkt, dass ich da nicht gut antworten kann, auf Englisch. Er lädt mich ein zu Freunden, zum Gespräch. Wie bitte?!? Geht hier eine Schwulenparty ab? Das hat mir ja gerade noch gefehlt! Natürlich spreche ich meinen Verdacht nicht aus. Ich erkläre ihm, warum ich Marseille heute Abend noch verlassen will und dass ich wirklich keine Zeit für Diskussionsabende habe. Das scheint ihm einzuleuchten, aber dann interessiert er sich für mein Fahrrad und meine Touren, und das sind natürlich Themen, die meine Eitelkeit berühren, über die ich gern rede, und so kommen wir an Ort und Stelle ins Gespräch. Ich erzähle von meinen Reisen, und er berichtet über seine Erfahrungen auf Reisen, dass er immer die Tendenz habe, sich zu überbelasten, weil er unterwegs das Maß verliere, und dann müsse er irgendwann die Fahrt abbrechen und halbkrank nach Hause reisen, irgendwie, mit dem Zug vielleicht. Er erzählt mir, dass er in Barcelonnette wohnt, und das ist ein Ort an meiner Route, sobald ich aus Korsika zurückkommen werde. Vielleicht lässt sich da was machen. Er gibt mir seine Adresse und Telefonnummer und ich ihm meine, und nun ist es wirklich dunkel, und ich muss weiter. Er gibt mir noch einen Tipp, erzählt mir, ich könne auf dem Hochschulgelände südlich der Stadt übernachten. Ich werde es bedenken, aber jetzt habe ich erst einmal ein Problem: Mein Rücklicht streikt. Na, wundervoll! Mitten in der Stadt ohne aktives Rücklicht. Da kann ich mir ja auch gleich noch eine Augenbinde verpassen.

Ich fahre also weiter, und zu allem Überfluss setzt Regen ein. Schön. Warum nicht? – Die Viertel, durch die ich jetzt komme, mögen den Ruf der Stadt ramponiert haben. Die Straßen liegen voller Müll, die Häuser wirken heruntergekommen, alles natürlich im nächtlichen Zwielicht, von daher nicht so gut zu beurteilen. Da sehe ich einen Döner-Laden, und angesichts meiner langen Entbehrung dieses Fastfoods kann ich der Versuchung nicht widerstehen, neben einer Gruppe nicht so sehr Vertrauen erweckender Männer zu halten und einen Döner zu ordern. Der sieht hier zwar etwas anders aus als in Deutschland – man verwendet nicht das typische Fladenbrot, sondern ein etwas dicker geratenes Baguette –, aber das ist mir letztlich egal. Ich bezahle und werde später essen. Hier will ich erst mal weg. Außerdem hat der Regen nachgelassen, und das muss ich ausnutzen. Kurze Zeit darauf, an einem großen Kreisverkehr, setze ich mich unter Bäumen auf eine Bank und mache mich an den Verzehr. Na ja, eine Wucht ist das nicht. Hoffentlich war das noch alles gut. Eine Magenverstimmung kann ich jetzt nicht gebrauchen. Es ist das erste Mal, soweit ich zurückdenken kann, dass ich von einem Döner etwas übriglasse.

Weiter geht’s. Die Richtung scheint noch zu stimmen, und ich habe das Gefühl, die Südstadt erreicht zu haben. Es wäre jetzt fatal, die falsche Ausfahrt zu erwischen, aber so viele Hauptstraßen verlassen die Stadt hier gar nicht, und so bin ich relativ optimistisch, zumal mich auch die Beschilderung hoffnungsfroh stimmt. Also, das muss man ja mal sagen: Die Orientierung nach Richtungen und Straßenbezeichnungen ist in Frankreich eindeutig leichter als in Deutschland. Die deutschen »Schildersetzer« legen willkürlich eine Route zu einem bestimmten Ziel fest, nach eigenem Gusto oder verkehrspolitischen Leitlinien, nicht unbedingt jedoch nach der kürzesten Strecke, und natürlich schon gar nicht fahrradorientiert. Wer in Besitz einer Karte ist, sucht hier nicht so sehr Richtungen, sondern vorzugsweise Straßen.

Und damit bin ich auch schon in der Vorstadt, und bald darauf kommt rechts der Abzweig zur Hochschule oder was immer das sein mag. Die Seitenstraße ist gänzlich unbelebt. Links stehen ein paar Häuser, die Wohnheime sein könnten. Dann steigt die Straße durch einen Wald langsam an. An einer weiteren Gabelung biege ich erneut rechts ab; hier scheinen ein paar Sportanlagen zu stehen. Da müsste sich doch ein trockenes Plätzchen finden lassen. Im Moment regnet’s allerdings nicht. Ich habe nur nicht viel Vertrauen in die Wetterlage. Ich fahre zwischen einem Fußballplatz zur Linken und Tennisplätzen zur Rechten hindurch. Am Ende der Straße stehen unter Pinien ein paar Bänke; an sich ein idealer Platz zum Schlafen, nur nicht wetterfest. Ich stehe da eine Weile herum, als käme mir so eine Erleuchtung zu einer trockeneren Variante und sehe eine Sporthalle, in der offenbar zwei Männer noch ein Match ausfechten. Die Anlage ist durch einen hohen Zaun gesichert. Allerdings hat der ein Loch. Ohne Fahrrad komme ich ganz gut hindurch, aber nicht mit. Die Besichtigung des Gebäudes aus nächster Nähe ergibt keine verwertbaren Fakten: keine Vordächer, keine offenen Türen. Also nix.

Ich fahre die »Sportstraße« zurück und folge einer anderen Richtung. Auf einem Parkplatz steht ein einzelnes Auto, wahrscheinlich von den beiden Tennisspielern. Als ich jedoch langsam vorbeirolle, höre ich plötzlich die Stimme eines Mädchens: »Oh, un monsieur!« Oh la la. Da werde ich doch nicht ein tête-à-tête gestört haben? Ich mache mir weiter keine Gedanken und drehe die Runde zurück, bis ich wieder dort stehe, wo links der Fußballplatz liegt. Sein Gelände ist ebenfalls sorgfältig gesichert. Meine Güte, sind das hier alles Privatclubs? Die müssen ja eine Angst vor ambitionierten Sportlern ohne Mitgliedsausweis haben! Rechts ist eine Tür offen. Ich stelle das Fahrrad ab und betrete das Grundstück. Die Tennisplätze liegen jetzt links von mir, rechts ein Gebäude, vielleicht eine Bar. Oberhalb einer Treppe kann ich durch eine offene Tür in einen hell erleuchteten Raum blicken, in dem einige Menschen Karten oder sonst was spielen oder sich auch nur unterhalten. Wenn sie herschauen würden, könnten sie mich sehen. Das möchte ich eher nicht, darum gehe ich rasch weiter. Auf der Rückseite des Gebäudes liegt ein Swimmingpool. Mann, das wär’s jetzt! Ein Bad! Zwar habe ich letzte Nacht erst geduscht, aber der Tag heute war kein Kuraufenthalt. Ein Übernachtungsplatz ist allerdings auch hier nicht zu finden. Ich gehe zum Fahrrad zurück und überlege. Also, ein Bad wäre wirklich nicht schlecht. Ich packe mein Gefährt, betrete mit ihm zusammen kurzerhand erneut das Grundstück, schiebe es leise und vorsichtig an der offenen Tür vorbei, parke es hinter ein paar Hecken, ziehe mich aus und steige vorsichtig ins Wasser. Nur keine Wellen schlagen! Hier erwischt zu werden, wäre äußerst unkomfortabel. Nach ein paar Runden fühle ich mich erfrischt. Sauber? Na ja, ich kann hier schließlich keine Seife benutzen. Das wäre doch eine Schweinerei. Das muss schließlich das Handtuch erledigen. Und nun? Ist hier vielleicht doch noch eine Chance? Dann fällt mir ein, dass die Tür des Grundstücks wahrscheinlich abgeschlossen wird, sobald der letzte Besucher gegangen ist, und so spät wie sie gehen, werden sie wahrscheinlich auch kommen. Dann sitze ich hier morgen früh gefangen und komme nicht ’raus. Das heißt, ich käme sicherlich noch ’raus, aber nicht das Fahrrad. Dann werde ich wohl am besten wieder gehen. Erneut nähere ich mich dem beleuchteten Raum. Hoffentlich bemerkt mich keiner. Aber genau in dem Moment, in dem ich den schmalen Lichtkegel betrete, berühre ich beim Schritt die Pedale, so dass die Kette scheppert. Verdammt! Nun aber nichts wie weg! Ich hetze auf die Straße zurück, schwinge mich in den Sattel und rase zurück zur Ausgangsstraße, die im Wald bergan führt. Zwar sehe und höre ich nichts und niemanden hinter mir, aber so schnell kann mir zu Fuß ohnehin niemand folgen. Allerdings mit dem Auto! Ich hetze den Berg hinauf, und im Grunde ist die Badeaktion damit schon umsonst gewesen, denn bei diesem Tempo wird der Schweißausbruch nicht lange auf sich warten lassen. Das Licht habe ich schon ausgeschaltet, damit mich das Standlicht nicht verrät. Wenig später höre ich ein Auto hinter mir. Wer kann das jetzt schon sein? Natürlich nur meine Häscher! Ich verlasse die Straße und stürme ins Gebüsch. Das fällt hier ziemlich steil ab, und ich muss sehen, dass ich nicht abstürze. Das Auto fährt vorüber und ist bald hinter der nächsten Kurve verschwunden. Jetzt kann ich versuchen, die Böschung wieder hinaufzukommen. Nach kurzem Kampf gelingt es. Ich folge dem Wagen, und er bleibt der einzige. Was ist, wenn er wieder zurückkommt? Na ja, dasselbe Spiel halt.

Oben endet der Wald, und ich erreiche einen großen, ebenen Platz. Links stehen wieder Gebäude. Das kann alles Mögliche sein. Audimax, Lehrsäle, Restaurants. Aber hier scheint niemand zu sein. Alles ist dunkel, und kein Fleckchen ist überdacht. Na, die Richtung war wohl die falsche bei der Flucht. Doch rechts, am Ende des großen Platzes, der wohl normalerweise ein Parkplatz ist, sehe ich ein kleines Häuschen, wie es hin und wieder für den Verkauf von Parkscheinen verwendet wird. Vielleicht ist das offen. Ich fahre hin, und der Splitt knirscht unter den Reifen. Es ist offen. Und hinter dem Häuschen steht tatsächlich ein einziger Wagen. Wer hat den hier wohl »vergessen«? Das innere der 4-Quadratmeter-Hütte macht keinen einladenden Eindruck: Die Fensterscheiben sind herausgebrochen, die Tür fehlt, und auf dem Fußboden muss mal jemand eine Burger-Party gefeiert haben, jedenfalls liegt aller möglicher Fastfood-Müll herum. Entschlossen, nun nicht länger zu suchen, schiebe ich den Kram mit dem Fuß in eine Ecke, schließe das Fahrrad an, hole den Schlafsack aus der Tasche und will gerade wieder die Hütte betreten, als mir auffällt, dass das Auto keineswegs vergessen wurde: Es bewegt sich. Mir fällt die Werbung ein, wo eine amerikanische Limousine irgendwo in einem Park steht und rhythmisch wippt, während der Chauffeur auf seinem Platz genervt und indigniert nach oben blickt. Eine Frauenstimme verlangt erregt: »Oh, mach’s mir noch mal!« Und die Pointe ist, dass beim Kameraschwenk in den Fahrgastraum ein feingekleidetes Paar relativ unbedenklich da sitzt, und der Kavalier irgendeinen Milchshake schüttelt, der beworben werden soll und das Auto in Unruhe versetzt.

In diesem Auto wird höchstwahrscheinlich kein Milchshake gemixt, und jetzt höre ich auch, wie die Klimaanlage rauscht. Da es hier draußen nicht besonders warm ist, muss es im Inneren schon heiß hergehen. Also, nicht, dass mir eine Autonummer als die schönste Variante der Begegnung zweier Geschlechter erscheint, aber beneiden tue ich die beiden schon, obwohl – wenn sie sich nicht beeilen, werden sie ihre Karre nachher nicht mehr starten können, denn eine Klimaanlage frisst eine ganze Menge Strom, und wenn der Motor nicht läuft, ist bald die Batterie alle.

Ich verkrieche mich in meinem Schlafsack und suche Schlaf. Die Suche ist indes nicht von Erfolg gekrönt; denn das Pärchen nebenan hat offenbar genug oder seine Bemühungen eingestellt und will nun den Platz verlassen. Das Starten des Motors führt allerdings nur zu einem kurzen Ruck und der Aktivierung der Alarmanlage. Hatte ich also Recht mit meiner Vermutung. Mit der Sirene, so kurz sie auch ertönen mag, kann ich natürlich nicht schlafen. Ich bin gespannt, wie sie das Problem lösen. Die Versuche wiederholen sich. So was Albernes! Als wenn sich der Akku von selbst wieder auflüde! Schließlich reicht es mir, ich stehe auf, gucke aus dem Fenster, und da der Fahrer auch schon mal eine überflüssige Runde um sein streikendes Gefährt gedreht hat, gebe ich mein Inkognito auf und spreche ihn auf Englisch an: Can I help you? Diese Sprache scheint nicht seine Stärke zu sein. Auch mögen ihm nicht motorisierte Helfer nicht sonderlich hilfreich erscheinen. Ich erkläre weiter, was ich von seiner Batterie halte und dass Anschieben das Problem am ehesten löst. Darauf erwidert er, dass das nicht das Problem sein könne, das Auto sei sehr teuer gewesen. Als ob das eine Erklärung wäre! Na schön, macht ihr nur, denke ich mir. Aber schlafen geht so natürlich immer noch nicht. Nach 20 bis 30 Minuten erscheint ein weiterer Wagen. Zwei junge Männer steigen aus. Zu viert beratschlagen sie. Das heißt, zu dritt. Das Mädchen steht ungefragt und ratlos neben den Auto. Und schließlich – schieben sie das Auto an. Es dauert eine Weile, bis es klappt, und jetzt fällt mir auch ein, dass man Autos mit Katalysator nicht anschieben soll, weil er dann leicht kaputt geht, aber das ist mir jetzt letztlich wurscht. Hauptsache, die verschwinden. Und dann kann ich auch endlich schlafen.

8. Juni 8. Juni10. Juni 10. Juni