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6. Juni 6. Juni8. Juni 8. Juni

7. Juni

Monteux – D942 – Avignon – D900xN100xN86xD19axD19 – Pont du Gard – D19xD112xD979 – Nîmes – D42xD135xN572xD979 – Aigues Mortes – D58xD38b (146 km)

Eine Nacht muss schon ganz ungemütlich sein, wenn ich nach nur wenigen Stunden Schlaf freiwillig aus dem Sack krieche. Und so tue ich mich auch in diesem seltsamen Ambiente etwas schwer, mein Vorhaben vom Vorabend konsequent in die Tat umzusetzen. Aber schließlich kann hier jederzeit ein früher Vogel kommen. Also los, die Frische und Straffheit des Tages wird sich dann schon weisen. Ich rolle meinen Kram zusammen, verstaue alles und mache mich aus dem Staub, bevor mir jemand eine gemessen an den in Anspruch genommenen Services überhöhte Rechnung ausstellt.

Nur wenige Minuten später bin ich wieder auf der Schnellstraße, und das scheint dann wohl heute meine Route nach Avignon sein zu sollen. So weit ist es ja nicht mehr hin. Allerdings fahre ich auf Sparflamme, weil ich noch nichts im Bauch habe. Natürlich ist das nach fünf Kilometern noch ein rein psychologischer Effekt. Selbst wenn ich mich bis zum Anschlag sattgegessen hätte, wäre der Blutzuckerspiegel noch nicht nennenswert angestiegen. Aber das Wissen um den leeren Magen und ziemlich leere Taschen lässt mich besonders sensibel auf Gebäude schauen, die nach Konsumtempeln aussehen. Und nach wenigen Kilometern werde ich fündig in einer Weise, wie ich es in Frankreich nach meinen bisherigen Erfahrungen schon nicht mehr erwartet hatte: Ein Riesenladen mit einem großen Parkplatz davor. Das könnte das Einkaufszentrum von Avignon sein. Aber noch ist es geschlossen, wie ich bald darauf feststelle. Weil es jedoch so groß ist, will ich es mir mal ansehen, und nicht zuletzt kann ich erwarten, hier alles auf einmal zu bekommen, was mir an Marschverpflegung für den Tag und vielleicht auch darüber hinaus so vorschwebt. Und schließlich sind solche Paläste meist billiger als der Tante-Emma-Laden um die Ecke. Auf einer Bank mache ich es mir bequem.

Als die Pagen kommen und die Pforten öffnen, strömt niemand hinein. Ist schon komisch. Macht aber nichts. Ströme ich halt ’rein. Und ich stelle fest, dass dies ein Supermarkt der besonderen Kategorie ist. Vergleichbares habe ich bisher höchstens in den USA gesehen, vielleicht noch bei Metro. Nicht weniger als 70 Kassen warten auf Kunden – allerdings sind höchstens zehn von ihnen besetzt, und auch dort steht bislang kein Kunde. Ich mache mich auf zum Schlängellauf durch die Gänge und bekomme zu sehen, was Europa so an verpackten Lebensmitteln im Angebot hat. Draußen habe ich mir einen Wagen geschnappt, nicht so sehr, um möglichst viel hineinzupacken, denn was in meinen Wagen passt, passt nicht notwendigerweise auch in mein Gepäck, und darauf kommt’s ja letztlich an, auch wenn die Schnäppchen noch so toll sein mögen. Nein, ich habe ihn mitgenommen, um meine Packtaschen daran zu hängen, denn die möchte ich nur ungern draußen zurücklassen, wo sie jeder sofort mitnehmen kann. Da sie aber schwer sind, mag ich sie nicht tragen, und darum der Wagen. Nun bin ich von der Einkaufskapazität her unbeschränkt und muss beim Einladen aufpassen, dass ich alles noch wegkriege. Nachdem ich alles habe, stöbere ich in der Frischabteilung herum, und das haut mich fast um. Fisch und andere Meerestiere in allen Varianten, Farben und Arrangements, mit Eis garniert und ohne, zum Salat verarbeitet, geräuchert oder wie gerade aus dem Wasser gezogen. Und das Ganze über ein beachtliches Areal verteilt. Da muss es viel gut zahlende Kundschaft geben, wenn sich das rentieren soll. Ähnliche Ausmaße haben die Käse- und die Weinabteilung. Das ist schon faszinierend. Allein, ich kann mit diesem Angebot nicht viel anfangen. Gut, ein Stück Käse vielleicht, aber soll ich mir jetzt eine Fischsuppe kochen oder einen Hummer braten? Geht alles nicht. Muss auch nicht sein. Ein anderes Mal vielleicht.

Als ich mit dem Wagen wieder vor dem Tor stehe, zeigt sich, dass der Einkauf dennoch etwas überdimensioniert war. Ich kriege Probleme, den ganzen Kram zu verstauen. Also mache ich erst mal ein ausführliches Frühstück – da klären sich schon die ersten Schwierigkeiten, und der Rest passt dann irgendwie in die Taschen. Nebenher gucke ich mir die Route für den Tag an. Vielleicht erreiche ich heute schon das Meer. Das wäre doch was. Aber es ist nicht mein primäres Ziel. Vorerst muss ich irgendwie durch Avignon, auf diesem Weg vielleicht ein paar Eindrücke in der Stadt sammeln, und dann bin ich schon ganz gespannt auf die Brücke, die die Römer vor langer, langer Zeit über den Gardon geschlagen haben, um damit ihr Trink- oder Badewasser sonst wohin zu transportieren: Den Pont du Gard.

Mit vollen Taschen geht’s weiter, wieder in Richtung Rhône, aber ich bin ohnehin schon unten, »unter« geht’s nicht. Also trete ich in die Pedale, und nicht lange, dann werde ich als Radler von der Schnellstraße verbannt, muss nun über Nebenstraßen ins Stadtzentrum vordringen, aber das ist mir ganz recht. Eine gute viertel Stunde vom Stadtrand entfernt beginnt die Altstadt mit ihren schönen schmalen Straßen, in denen Bäume trotz der hoch stehenden Sonne für Schatten sorgen, mit all den traditionsreichen Bauten, von denen allerdings eine ganze Menge eingerüstet sind. Ich fahre neben einem großen, alten Gebäude entlang, auf einen so genannten Papstweg. Vor dem Haupteingang des Gebäudes, das selbst auch im Innenhof stark eingerüstet ist, erfahre ich dann, dass hier sogar einmal Sitz des Papstes gewesen ist. Man lernt nie aus. Aber eine Besichtigung reizt mich nicht so ungeheuer. Ich strebe die nächste Brücke über die Rhône an, um möglichst bald den Pont du Gard zu erreichen. Der Fluss ist seit Pont-St.-Esprit breiter geworden, vereint jetzt aber auch den eigentlichen Fluss und seinen Seitenkanal und zusätzlich die Flüsse Aigues sowie Ouvèze. Mittägliche Hitze brütet über der Neustadt, und ich sehe zu, dass ich freies Land gewinne. Da kann ich die Illusion haben, nicht noch die Wärme ertragen zu müssen, die eine Stadt produziert. Beim Verlassen der Neustadt durchquere ich eine Riesenbaustelle. Hier wird ein neuer Strang für den TGV gebaut. Man sollte es nicht glauben: 1,435 Meter breit ist solch ein Gleis. Wenn jetzt davon zwei nebeneinander liegen und zusätzlich das Lichtraumprofil eines normalen Reisezugwagens berücksichtigt wird, dann dürften beide Züge zusammen in der Breite sechs Meter sicherlich nicht überschreiten. Dürften sie. Man könnte glauben, hier werde eine sechsspurige Autobahn über die Straße gezogen. Die Karte enthält die Strecke bereits, und sie verrät mir, dass unmittelbar südlich dieser Überquerung die Linie sich teilt; kann also sein, dass die Breite mit dieser Teilung etwas zu tun hat.

Dass mir jetzt alles ein wenig heiß vorkommt, hängt nicht nur mit dem Breitengrad und der Uhrzeit zusammen. Es geht tatsächlich ein wenig bergan – was auch sonst, nachdem ich die Rhône überquert habe? Eine Weile später unterquere ich eine Autobahn, La Languedocienne. Da kann man mal sehen, wie wenig ich mit den Menschen rede, dass mir nicht einmal aufgefallen ist, dass hier manche okzidental sprechen – oder wie immer man die Sprache nennt, die dieser Region den Namen gibt. Jedenfalls heißt es, dass diese Sprache hier noch anzutreffen ist. Ich werde nicht danach suchen; ich habe mit dem ganz normalen Französisch genug Probleme.

Und dann ist da auch schon Remoulins. Ich umfahre die Stadt, obwohl es darauf wohl nicht angekommen wäre. Sie ist nicht so groß. Von dem Aquädukt kann ich nun eigentlich nur noch wenige Kilometer entfernt sein. Ich fasse mich in Geduld und kaufe mir ein Kilo Kirschen. Wenn die Brücke 2000 Jahre auf mich gewartet hat, wird es wohl auf die paar Minuten auch nicht mehr ankommen. Nach meiner Mahlzeit suche ich die Straße nach Hinweisschildern ab, und richtig gibt es wenige Kilometer später einen Hinweis: Auf der linken Seite sei die Brücke. Kein Parkplatz, keine Durchfahrtsgenehmigung. Ach was, Radfahrer haben sie dabei sicherlich nicht gemeint. Ich biege ab und folge der Straße, auf der schon einige Fußgänger unterwegs sind, und nach einem weiteren Kilometer erreiche ich den Pont du Gard. Das ist schon etwas Besonderes. Nein, es sind nicht die Pyramiden von Gizeh, das gute Stück ist auch nur halb so alt, aber es ist verdammt alt, und es ist, verglichen mit den Pyramiden, ziemlich grazil, könnte also schon längst zusammengebrochen sein. Ist es aber nicht. So etwas beeindruckt mich. Das gucke ich mir genauer an. Hatte ich aber sowieso vor.

Die Brücke ist zweigeteilt. Erst kommt der Viadukt mit seinen drei übereinander getürmten Bogenreihen jeweils unterschiedlicher Höhe (die oberste, in der die Wasserrinne einmal verlief, ist übrigens gesperrt, weil die Touristen ihr schon zu sehr zugesetzt haben), und dann, wenige Zentimeter flussabwärts, also praktisch ohne Absturzgefahr und Geländer angrenzend, eine einfache Brücke, auch schon ziemlich alt, aber wohl nicht von den Römern, von der aus man sich den Viadukt quasi von der Seite ansehen kann. Das kann man natürlich auch vom Ufer aus, aber das befindet sich nur nie in der Mitte des Flusses, so dass der Blick nicht so schön zentral ist. Aber wer von hier aus die Brücke fotografieren wollte, braucht schon ein richtiges Fisheye-Objektiv. Auf der jüngeren Brücke stehen einige Touristen aus aller Welt. Mit fällt eine Radfahrerin auf, die mit einigem Gepäck und einem Trailer unterwegs ist. Zu dem Trailer gehört ein kleiner Junge, der vielleicht vier oder fünf Jahre alt ist. Da ich nun mal auch ein Fahrrad habe, besitze ich eine Legitimation, die Reisenden anzusprechen. Sie kommen aus dem englischsprachigen Teil Kanadas. Na, das ist ja gleich um die Ecke, denke ich mir, aber heutzutage dürfte das größte Hemmnis die Sprache sein; über den großen Teich kommt man ja schon für verhältnismäßig wenig Moos. Und sie fahren durch Frankreich, anständige Strecken, wenn auch nicht riesige, und der Knirps teilt mir mit, dass er seine Mum unterstützt, wenn es bergan geht. So so. Die Frau ist ungefähr in meinem Alter, und sie ist nicht so angetan von den Franzosen, jedenfalls von den Gastwirten im Lande. Im Unterschied zu mir bevorzugt sie Hotels, und da hat sie halt die Erfahrung machen müssen, dass ihr Kind schon als vollwertig zahlender Gast angesehen wird, was die Zeche bei einer Übernachtung natürlich fast immer verdoppelt. Ich laufe noch ein bisschen hin und her und beschließe dann, das Foto vom Ufer aus zu machen. Dort begegnet mir ein auffallend hübsches Mädchen. Diese verdammte Sprachbarriere! Wahrscheinlich hätte sie sich für mich aber auch dann nicht interessiert, wenn ich Absolvent der Sorbonne gewesen wäre. Mein Outfit ist halt gewöhnungsbedürftig und nicht für die Partnersuche optimiert, sondern hinsichtlich Kosten und Sonnenschutz.

Während ich den besten Platz für die Aufnahme suche, stolpere ich noch fast über ein Schild, das mir verrät, dass die Römer damals auf 54 Kilometern oder so einen Höhenunterschied von 27 Metern überbrücken mussten. Das muss man sich mal klarmachen: 0,5 Promille Gefälle. Ob sie den Streckenverlauf wohl vorher genau vermessen hatten? Immerhin könnte man ja auch so verfahren, dass dort, wo das Gelände zu hoch ist für den Weiterfluss, eine Rinne geschlagen, und dort, wo es etwas zu steil abfällt, Boden aufgeschüttet wird. Die Rinne, in der das Wasser dann letztlich floss, soll in Rom aus Blei geformt worden sein. So könnte auch hier nach der Errichtung des Unterbaus letztlich noch so etwas wie eine Leitung auf dem geebneten Terrain verlegt worden sein. Aber das sind wilde Spekulationen, weil mir keiner widersprechen oder bestätigen kann, was ich da ausbrüte.

So, und nun weiter. Was ich jetzt suche, ist die Brücke über den Gardon entlang der D979. Das Einfachste dazu scheint es zu sein, einfach dem Fluss stromaufwärts zu folgen, bis diese Brücke kommt. Aber so leicht ist das nicht. Ich verfange mich auf Wegen und Nebenwegen förmlich in Kleingärten und Kleinstgrundstücken, und letztlich muss ich noch einmal auf die Hauptstraße zurückkehren, auf der ich schon von Remoulins aus unterwegs war. Hier finde ich dann auch bald den richtigen Weg zu der gesuchten Brücke. Diese Überfahrt ist wesentlich jünger, aber über 100 Jahre hat sie gewiss auch schon auf dem Buckel. An den wuchtigen Pfeilern weist die Brücke kleine Buchten auf, d.h., hier ist zu beiden Seiten des Flusses immer so ein Sparparkplatz vorhanden. Dort passt mein Fahrrad bequem hinein, so dass ich mir den Fluss noch einmal in aller Ruhe von seiner Mitte aus ansehen kann, ebenso den Ort Pont St. Nicolas, den ich am Nordufer gerade verlassen habe.

Was jetzt kommt, ist eine längere Auffahrt in den Höhenzug, der mich noch von Nîmes trennt. Das ist ganz nett, und ich wetteifere eine Weile mit zwei Jugendlichen, die mit ihren Mountainbikes unterwegs sind. Allerdings haben sie kein Gepäck und besitzen damit in den Bergen einen unschlagbaren Vorteil. Das Gelände rechts und links der Straße ist militärisches Sperrgebiet. Schilder warnen vor dem Betreten und vor Schießübungen. Dass zumindest das Militär keine Fiktion ist, beweist eine Fahrzeugkolonne, die wenig später auf die Hauptstraße einbiegt. Na ja, irgendwo müssen ja auch die Franzosen ihre Kriegsspiele treiben. Da haben sie hier noch nicht einmal ein besonderes landschaftliches Juwel besetzt, wie das andernorts gerne geschieht. Wenn ich daran denke, dass die Briten ihre Tiefflugübungen anscheinend ganz besonders gern über Nationalparks abgehalten haben und in Deutschland vor allem die größeren zusammenhängenden Waldstücke okkupiert sind, kann das hier als gemäßigt gelten. Bei der Einfahrt nach Nîmes sehe ich rechts die zum Gelände gehörende Kaserne. Was mir auffällt, ist der höchstwahrscheinlich lateinische Spruch an einer Mauer: Legia Patria Nostra. Ich glaube, das habe ich schon mal irgendwo gehört. Das wird doch nicht die Fremdenlegion sein! Wenn du durch die Welt kommst, kannst du was erleben!

Was ich jetzt erst mal erlebe, ist Regen. Er beruhigt sich aber bald wieder, so dass ich die Stadt »einnehmen« kann. Ich habe hier nichts weiter vor als durchzufahren. In der Stadtmitte nehme ich mal wieder eine Kirche wahr, vielleicht auch eine Kathedrale, jedenfalls ein typisch dunkles Gemäuer, für das ich mich nicht erwärmen kann. Entweder hatten die Franzosen früher ein besonderes Faible für dunkle Kirchen, oder sie litten großen Mangel an Glas, jedenfalls an klarem Glas. Ich verstehe natürlich, dass in der Romanik Glas noch ein besonders kostbares Gut war, aber diese Bauwerke können doch nicht alle aus der Romanik stammen. Außerdem gibt es in Deutschland auch einige romanische Kirchen, und die sind nicht so finster. Wie dem auch sei, ich suche jetzt die Ausfahrt in Richtung Aigues-Mortes. Und finde sie nach einer Weile auch.

Was jetzt kommt, ist eine Fahrt über flaches Land. Ich erwarte keine bemerkenswerten Dinge, sondern muss einfach zusehen, dass ich die nächsten 40 Kilometer möglichst im Trockenen (der Himmel macht immer noch einen verdächtig unsicheren Eindruck) und ohne Gegenwind über die Bühne kriege.

Nach 15 Kilometern wird’s dann aber doch interessant: Ein Stau. Ein Stau hier, auf einer Landstraße, wo die größte Stadt weit und breit gerade hinter mir liegt. Das kann wohl nur ein Unfall sein, aber mich hält er ja ohnehin nicht auf. Ich fahre nach und nach an allen Autos wieder vorbei, die mich während der letzten halben Stunde überholt haben. Hier muss wirklich mächtig was los sein. Und schließlich gelange ich zu dem Ereignis, das alles aufhält, was hier rasch durch will: Eine Demo. Man demonstriert…, ja, wogegen oder wofür eigentlich? Ich kriege auch ein Informationsblatt in die Hand gedrückt, und alles, was ich mit Sicherheit davon verstehe, ist, dass es um eine Schule geht. Es scheint sich um die Rechte des Schulleiters oder eines Gremiums zu drehen, die nun entweder zu liberal bemessen oder zu eng beschnitten sind. Es scheint eher letzteres der Fall zu sein, aber im Grunde ist mir das ziemlich egal. Ich kann jetzt jedenfalls weiterfahren.

Über eine Querstraße geht’s zu einer Magistrale (jedenfalls einer vierspurigen Straße). Auf dem Weg dorthin kommen mir einige Fahrzeuge entgegen, vorneweg ein Moped. Und dieses Moped schert plötzlich aus und hält auf mich zu. Der Kerl hat nicht mehr alle Tassen im Schrank! Na, Du kannst ja mal testen, wessen Blech besser hält, denke ich mir und fahre nun meinerseits direkt auf ihn zu. Zehn bis 15 Meter vor dem »Treffpunkt« biegt der Kamikazefahrer jedoch wieder auf seine Spur zurück, und ich fahre wieder nach rechts. Hinter mir hupt’s; ob das dem Hubraumgeschädigten oder mir gilt, wird nicht klar, ist mir allerdings auch egal. Ich muss erst mal meinen Adrenalinspiegel wieder in den Griff kriegen. Solche Idioten gehören doch gleich endgültig aus dem Verkehr gezogen. Man müsste so etwas wie einen Besenstiel dabei haben, den man solchen Verrückten wahlweise ins Vorderrad stecken oder vor die Rübe knallen kann. Irgendwann gehen solche Spielchen doch mal in die Hose, und dann müssen Leute dran glauben, die ihr ganzes Leben lang vorschriftsmäßig gefahren sind, ohne jemals einen Menschen auf der Straße gefährdet zu haben.

Auf der nächsten, der breiten Straße wird’s dann richtig öde. Auch die Landschaft hat immer weniger zu bieten. Auf ein verlassenes Haus wurde ein Graffito gesprüht: Nestlé – Mörder! Es klingt so, als wäre hier irgendwo ein Laden der Schweizer dichtgemacht worden. Die Leute scheinen jedenfalls richtig böse auf sie zu sein. Aber zu sehen ist weit und breit keine Menschenseele – außer in den Autos. Und nun fängt es zu allem Überfluss auch noch an zu regnen. Es nieselt nicht nur so ein bisschen. Es regnet richtig. Es regnet so sehr, dass ich die Lust verliere, weiterzufahren. Ich stelle mich unter. Gott, ist das langweilig! Wenn ich hier wenigstens ein Buch hätte, dann könnte ich was lesen. Aber das Argument zieht nicht, denn ich habe ein Buch. Ich habe sogar mehrere Bücher. Und sie sind hochaktuell! Sie beschäftigen sich mit französischem Vokabular (mein kleines Wörterbuch) oder wahlweise auch mit Grammatik. Aber mein Bildungshunger ist ähnlich down wie der Luftdruck. Ich will jetzt keine französischen Vokabeln, der französische Regen reicht mir. Er hält allerdings lange an. So vergeht die Zeit.

Irgendwann lässt der Niederschlag dann nach, und ich schwinge mich erneut in den Sattel. Jetzt bloß schnell nach Aigues-Mortes! Und nach gut zehn Minuten erreiche ich den Ort. Zunächst mal sieht er aus wie alle hier, aber nachdem ich einen Kanal überfahren habe, wird vor mir die historische Stadt sichtbar. Linkerhand hübsche, aber längst nicht mehr neue Häuserzeilen mit mediterranem Grün, vor mir eine hohe Stadtmauer. Ich fahre durch eins der Tore und gucke mir das Innere an: Auch Häuser, natürlich, aber die hohe Mauer ist wirklich durchgehend. Und sie ist ziemlich dick. Das Dorf dürfte mal sehr widerstandsfähig gewesen sein. Und mit diesen Gedanken fahre ich die Gassen ’rauf und ’runter, nicht so richtig wissend, wonach ich suche. Ach ja, die Ausfahrt. Na ja, hier wohl nicht. Ich muss erst mal wieder aus dieser Ummauerung heraus. Und wie ich bald darauf feststelle, muss ich noch weitere zwei Kilometer des Wegs zurück, bis der Abzweig in Richtung Osten kommt, jener Abzweig, der nun für einige Tage die neue Richtung mehr oder weniger an der Wasserkante entlang vorgeben wird – mit den üblichen Schnörkeln, versteht sich.

Kaum bin ich drei Kilometer aus der Stadt heraus, fängt der Regen wieder an. Grau, alles bedeckend und dunkler noch als vorhin, denn die Sonne nähert sich mindestens dem Horizont, wenn sie nicht schon hinter ihm versunken ist. Und ähnlich nass natürlich wieder. Erneut zeigt sich, dass mein psychologisches Korsett im Zusammenspiel mit der Kleidung nicht geeignet ist, einfach weiterzufahren. So flüchte ich mich unter einen Verkaufsstand neben der Straße, unter dem tagsüber und vielleicht auch bei besserem Wetter Honig und produits régioneaux angeboten werden. Im Moment suche ich gerade nach einem Quadratmeter, über dem das eher zum Sonnen- als zum Regenschutz geeignete Dach einigermaßen dicht ist. Mein Gutachten fälle ich lieber nur vorläufig. Und nach einiger Zeit bestätigt sich, dass das Solideste im Moment der Niederschlag ist. Ich überlege mir, wohin ich noch flüchten könnte. Da hinten steht ein Schuppen, aber da liegen womöglich die unverkauften Waren; der ist nämlich gut verschlossen. Und ich werde doch nicht wegen der paar Tropfen zum Einbrecher!

Als der Regen schließlich nachlässt, ist es Zeit, das Licht einzuschalten. Saintes Maries kann ich mir für heute abschminken. Unter normalen Umständen hätte ich die Stadt am Meer noch leicht erreicht, und eine Übernachtung in der Dünung wäre doch sicherlich etwas Feines gewesen: Ein leichter Wind, salzige Luft, dazu das Meeresrauschen… Alles Essig! Wo bleibe ich stattdessen?

Links neben der Straße liegt so etwas wie ein Bauernhof. Aus den vielen Autos schließe ich, dass hier auch Zimmer vermietet werden. Ich betrete den Hof und gucke, wo Licht brennt, wo ich also jemanden nach einem Übernachtungsplatz fragen könnte. Der einzige Mensch, den ich sehe, ist ein Mann, der vor seinem Computer hockt und spielt. Na, wie ein Hotelier in Ausübung seines Amtes sieht er nicht gerade aus. Aber fragen kann ich ja mal. Ich frage. Er macht die Sache kurz: Alles voll. Natürlich, wieso auch nicht. Vielleicht hat er nur keine Lust, aber wie sollte ich ihm das nachweisen? Na, und selbst wenn mir das gelänge… Es ist schließlich seine Sache, an wen er seine Zimmer vermietet. An mich jedenfalls nicht. Darum fahre ich weiter und grübele nach Lösungen. Also, die Fahrt zur Küste kann jetzt zum echten Roulettespiel werden. Hier zweigen so viele Wege und Straßen in alle Richtungen ab, und die Beschilderung ist nicht eben berühmt. Da kann man sich im Dunkeln sicher prachtvoll verfahren, und dann lande ich zum Schluss irgendwo im Salzsumpf. Na, so schlimm wird’s sicherlich nicht werden, aber dass ich den richtigen Weg zur Küste noch finde, ist eher unwahrscheinlich. Und schließlich soll er ganz reizvoll sein, glaube ich meinem Reiseführer. Da werde ich doch nicht im Dunkeln dran vorbeitappen!

Schließlich sehe ich ein weiteres Grundstück zur Rechten, und hinter dem Hof befindet sich ein großes Dach, unter dem allerlei landwirtschaftliche Maschinen und Anhänger vor dem Regen geschützt stehen. Der Regen hat übrigens aufgehört, aber wie sich das über Nacht entwickelt, kann man ja nie wissen. Ich brauche jedenfalls auch ein Dach, und das Einzige, was mich von dem da drüben trennt, ist der Bauernhof. Und, ist der ein echtes Hindernis? Ein riesiges Tor steht sperrangelweit offen, im Haus sind fast alle Lichter erloschen, ein Hoflicht fehlt, und meines kann ich ja auch noch ausschalten, damit ich nicht sofort zu sehen bin. Gesagt, getan. Ich fahre durch den Modder ins Trockene und gucke noch eine Weile zum Hof hinüber, ob jemand kommt und den Landstreicher vertreiben will. Es kommt keiner. … Keiner? Nun ja, es kommt kein Mensch… Als ich mich auf der Ladefläche eines Anhängers im Schlafsack verkrochen und zur Ruhe gebettet habe, kommen jedoch andere Gäste, die ebenso ungebeten und weit lästiger sind: Mücken. Ich krieche noch tiefer in meinen Sack, aber irgendwoher muss ich ja noch meine Atemluft kriegen. Und hier drin ist es verdammt heiß. Ich bin ja nicht gerade am Polarkreis unterwegs. Also bleibt ein Stück des Gesichts für die Parasiten. Wenn das mal eine geruhsame Nacht wird…

6. Juni 6. Juni8. Juni 8. Juni