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5. Juni 5. Juni7. Juni 7. Juni

6. Juni

Bollène – D994xD8 – Sainte Cécile-les-Vignes – D8xD7 – Vacqueyras – Carpentras – D942 – Mazan – Gorges de la Nesque – D942xD1 – Sault – D164xD974 – Mont Ventoux – Malaucène – D938 – Carpentras – D942xD31 – Monteux (162 km)

Soll ich nach dieser Nacht sagen, dass mir der Morgen wie eine Erlösung kommt? Das eine wie das andere ist von Übel. Bruno hat die ganze Nacht über Bäume gefällt. Ich konnte laut oder leise um Ruhe bitten, an seinem Bett wackeln – stets fand er bereits nach wenigen Minuten, wenn nicht Sekunden seinen Rhythmus wieder. Außerdem leuchtete noch stundenlang die Reklame unmittelbar unterhalb unseres Fensters, und das Dumme daran war, dass sie nicht kontinuierlich leuchtete, sondern aller zwei Sekunden ausging. So eine richtige Leuchtreklame blinkt ja und ist nicht einfach nur an. Dies tauchte einen Teil des Zimmers periodisch in rosarotes Licht. Man hätte sonst was für Etablissements hier vermuten können. Stattdessen schnarchte mindestens ein Mann, und wenn der andere ebenfalls mal für einen Moment in Schlummer fiel, schnarchte vielleicht auch der. Man könnte also sagen, dass ich mich auf den Morgen hätte freuen sollen. Indes regnete es. Nun finde ich Regen grundsätzlich positiv, wenn ich ein festes Dach über dem Kopf habe. Erst mal befeuchtet er die Erde, sorgt für ein ausgeglichenes Klima, und da es statistisch betrachtet sowieso immer mal regnet, ist es doch von Vorteil, wenn es dies nachts statt tagsüber tut. Das Einzige, was ich diesem Niederschlag also abgewinnen konnte, war sein Zeitpunkt. Sein Ende war dagegen nicht abzusehen, und als der Morgen anbrach und unser Aufbruch näher rückte, wünschte ich mir, er möge doch nun entweder stark nachlassen oder am besten ganz aufhören. Sonnenschein wäre mir jetzt nicht so lieb gewesen – das wäre ja nur ein Zeichen für baldigen erneuten Niederschlag.

Bruno hat gut geschlafen. Ich kann mich im Moment nicht der Aussage anschließen, dass nicht sündige, wer schläft. Dennoch fühle ich mich nicht müde und frühstücke daher ausgiebig. Bruno hat da andere Gewohnheiten. Ihm ist eine gediegene Mittagstafel und ein ausreichendes Abendessen wichtig. Solche konzentrierten Mahlzeiten sind aber nicht mein Ding. Wir rüsten zum Aufbruch, und da wir die ersten Kilometer gemeinsam fahren wollen, warte ich auf Bruno. Er hat ein Problem. Sein Reifen ist platt. Er tut, was man in solchen Fällen immer tut: Erst mal etwas ärgern und dann Luft aufpumpen, um zu sehen, ob es ein Defekt ist oder auf diese einfache Weise zu beheben. Es ist ein Defekt. Na ja, wir sind ja Profis und beheben solche kleinen Dinge rasch. Allerdings verliert der Schlauch noch immer Luft, und Bruno muss erneut flicken. Ich hole derweil Baguettes beim Bäcker. Das ist zwar am Sonntag nicht ganz so einfach, aber ein paar Läden haben doch offen. Als ich wieder zurückkomme, ist er fast fertig. Ich nutze den Rest der Zeit für einen Anruf bei Kerstin. Johanna ist nicht zu Hause, wahrscheinlich bei ihren Eltern oder im Gottesdienst. Ist es denn schon so spät? Nein, sie wird wohl bei den Eltern sein und sich an ihrem kleinen Neffen ergötzen.

Und dann geht die Fahrt los, und der Regen wird auch wieder überzeugend. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Bruno kann es sich auch nicht leisten, in irgendeiner Bushaltestelle bessere Zeiten abzuwarten, sonst kommt er nicht rechtzeitig nach Venedig und verpasst seinen Flieger. Ohnehin ist er heute außergewöhnlich spät aufgebrochen. Bei diesem Marschprogramm aber auch… Wenig später trennen sich unsere Wege, und wir wünschen einander bon voyage. Ich versuche, mich mit Gleichmut zu wappnen. Die Umstände könnten bei diesem Regen kaum besser sein. Es geht weder bergan noch bergab – nach oben im Regen ist einfach ungemütlich, und bergab peitschen die Tropfen doch recht unangenehm in die Augen, so dass eine schnelle Abfahrt leicht gefährlich werden kann; außerdem verringert sich die Reifenhaftung auf der Straße –, es gibt weder Rücken- noch Gegenwind (Rückenwind wäre natürlich noch besser), und die Landschaft ist nicht so rasend interessant: Die Dörfer sind eingebettet in eine endlose Folge von alten Weinfeldern und am Horizont verdecken tiefliegende Wolken den Blick auf die Berge. Da kann man zwar gut spekulieren, wo die Berge des Tages liegen mögen, wo der Berg des Tages, ja, der Woche, liegen mag, aber das isses dann auch schon. Schiene die Sonne hier seit zwei Wochen, hätte ich womöglich dieselben Probleme wegen Dunst. Aber das alles relativiert den Regen nur. Lieber wär’s mir natürlich ohne Niederschlag. Und unter diesen Umständen erreiche ich Carpentras.

Aller Voraussicht nach – und natürlich auch meiner Planung entsprechend – werde ich hier her noch einmal kommen. Ich mache jetzt nur erst mal einen »kleinen« Ausflug über den Mont Ventoux. Ich setze das mal vorsichtshalber in Anführungsstriche, denn ich weiß bisher noch nicht viel über diesen Berg. Gesehen habe ich ihn noch nicht, obwohl das bei gutem Wetter sicherlich möglich gewesen wäre, aber bei Wolken verhangenem Himmel kann man eben nicht viel erwarten. Mein Reiseführer schreibt allerdings in hervorgehobener Weise davon. Das klingt wie eine Passion, fast wie eine Himmelfahrt nach Kreuzigung und Tod, jedenfalls nicht nach einem leichten Trip für den Sonntagnachmittag. Und diese emotionsgeladene Schilderung wird nüchtern gestützt durch die Zahlen meiner Karte: Aktuelle Höhe: unter 100 Meter über dem Meeresspiegel, Gipfelhöhe: 1909 Meter über dem Meeresspiegel, bei der Auffahrt zwei Passagen, die sogar Michelin mit zwei Pfeilen gekennzeichnet hat. Es geht also nicht nur weit hoch, sondern auch noch steil nach oben. Solch ein Unterfangen will mit Respekt angegangen werden und wohlüberlegt, sonst kann es zum Scheitern führen, und das wäre blamabel, ist es doch nicht die erste Radtour zum Südpol – auf der ein Scheitern nicht so unehrenhaft wäre –, sondern eine Fahrt, die vor mir viele andere gemacht und gemeistert haben.

Und da dies etwas von einer Rundfahrt hat, liegt es doch nahe, denjenigen Teil meines Gepäcks, den ich tagsüber nicht brauche, einfach hier zu lassen und nur leicht beladen in die Berge zu fahren. Aber wo lasse ich meinen Krempel, so dass ich ihn nach meiner Rundtour auch wieder vorfinde? Irgendwo im Gebüsch? Bei unbekannten Leuten? In einem Hotel, in dem ich dann aber sowieso nicht übernachte? In einer Kneipe? Die letzte Variante erscheint mir am sinnvollsten, weil Kneipen auch bis zum späten Abend noch geöffnet sind. Ich trödele durch die verregnete Innenstadt und weiß nicht so recht, wie ich das anstellen soll. Irgendwann sehe ich rechts aber eine Bar, die nach meinem Geschmack ist. Ich trete ein und spreche den Patron an. Allerdings bitte ich ihn nicht direkt um Unterstützung, sondern frage eher auf Umwegen – so gut das eben geht. Und auf diesem Umweg kapiert er’s nicht – oder will nicht. Jedenfalls scheint er es für unmöglich zu halten – wie alle anderen Gäste auch –, mal eben auf den Mont Ventoux zu radeln. Na ja, ohne Eure Unterstützung dürfte es in der Tat etwas schwieriger werden, denke ich mir. Blödes Volk. Für eine direkte Anfrage, so mein Gefühl, ist die Chance jetzt vertan. Also verlasse ich das Lokal unverrichteterdinge. Vielleicht bin ich auch einfach zu unverständlich gewesen.

Und nun? Variante Gebüsch? Mal sehen, was die Landschaft so bietet. Jedenfalls sollte ich jetzt nicht länger zögern, sondern in Richtung Osten aufbrechen, um allmählich in die Spur zu kommen. Wenn mir da auf den ersten fünf Kilometern noch etwas Vernünftiges auffällt, kann ich es ja nutzen; ansonsten muss es halt mit Gepäck gehen. Das wird weder der letzte noch der höchste Berg sein, den ich mit 25 Kilogramm erklimme. Und so geht’s los. Unter einem alten Aquädukt fällt mir mein Transportproblem noch einmal ein, so dass ich absteige und eine alte Seitentreppe erklimme. Rechterhand die Brücke, linkerhand ein Park – das wirkt schon nicht gerade überlaufen. Aber so abgelegen, dass hier niemand den ganzen Tag über entlangkommt, ist es auch wieder nicht. Zwar habe ich keine Kostbarkeiten zu deponieren, aber was ich mit mir führe, ist zum größten Teil höchst wichtig für die Weiterfahrt – und wenn es weg oder beschädigt ist, kann ich hier Schluss machen. Also, das riskiere ich hier doch lieber nicht.

Ein paar 100 Meter später ist der Ort zu Ende. Also, sagen wir mal: Letzte Chance in Mazan, sechs Kilometer von hier. Alles andere wäre heute Abend ein wirklich unnötiger Umweg. Und so verlasse ich die Stadt. Die Strecke ist einfach, ganz flach, nur unmerklich hebt sich die Straße neben einem Fluss. Kein Gedanke an hohe Berge und steile Serpentinen. Eigentlich ist das doch total unökonomisch. Man könnte von hier aus die noch vor mir liegende Strecke bis zum Gipfel ganz bequem fahren, wenn der Gradient nicht so ungleichmäßig wäre. Das geht jetzt so spazierfahrtmäßig bestimmt noch 15 km, und irgendwann später wird es dann völlig unfeierlich. Stattdessen sollte ein Weg mit, sagen wir, vier Prozent Anstieg hier beginnen. Dann wäre ich nach 50 Kilometern auf über 2000 Metern Höhe. Die jetzt noch vor mir liegende Strecke bis zum höchsten Punkt des Mont Ventoux ist tatsächlich länger. Aber sie wird viel ungemütlicher werden – nehme ich jedenfalls an. Klar, hier ist kein Gelände, an dessen Hängen ich mich mal eben unauffällig nach oben schrauben könnte. Da müsste man eben einen Weg für Radfahrer auf Stelzen bauen. Das hätte den großen Vorteil, sich alles von weit oben ansehen zu können. Wahrscheinlich wäre es aber auch ein bisschen windig. Und im Übrigen unbezahlbar, unrentabel natürlich und deshalb Spinnerei. Aber spinnen ist ja erlaubt.

Über solchen Überlegungen bessert sich das Wetter. In Mazan findet sich ebenfalls keine Gelegenheit, das Gepäck irgendwo unauffällig zu verstecken, und so muss es halt »unter realen Bedingungen« nach oben gehen. Irgendwo zwischen den Dörfern befindet sich eine Kirschplantage. Abgesehen davon, dass ich beim Klauen nicht so gern gesehen werde, plagen mich in erster Linie Bedenken hinsichtlich der chemischen Verträglichkeit des Obstes. In einer Plantage muss ich mit der Keule rechnen, und das könnte mir schon Bauchschmerzen bereiten. Aber ich riskier’s einfach. Schließlich hat es lange genug geregnet. Da wird das Schlimmste schon weggespült worden sein. Und es schmeckt wahrhaftig!

Nach ungefähr einer Stunde ist Villes erreicht. Hier beginnen die Gorges de la Nesque, und sie sollen gut sein. Der Autor meines Reiseführers hat die Fahrt bis zum oberen Ende einer anderen Etappe zugeordnet als die Fortsetzung bis zum Mont Ventoux – mit anderen Worten: Seine Etappen sind deutlich kürzer, er lässt sich mehr Zeit, er erlebt wahrscheinlich mehr, und ganz sicher hat er all diese Fahrten nicht innerhalb eines Jahres gemacht. Ich muss dieses Terrain in diesem Jahr abgrasen, denn wer weiß, was im nächsten Sommer wird. Da fällt die Fahrt womöglich ganz aus, aus welchen Gründen auch immer. Man weiß ja nie, was kommt. Ich kann hier jetzt allerdings nicht einfach durchhetzen – will es auch nicht –, um heute noch seine zweite Etappe zu schaffen, aber nach meiner Einschätzung ist das auch gar nicht nötig. Ich kehre nirgends ein, besuche kein Museum, und stundenlange Gespräche führe ich auch nicht. Gucken reicht. Dabei kann man ja fahren.

Eine Schlucht ist es nicht so direkt. Aber ein langes Tal mit hohen Hängen, und so weit das Auge reicht, sind sie mit kleinen Büschen und Bäumen bewachsen – wie mit einem groben, grünen Teppich überzogen. Das Ganze wirkt ein wenig matt; denn so richtige Lust hat die Sonne heute nicht. Ein grauer Schleier verdeckt den Himmel. Ich bin schon froh, dass es nicht regnet. Aber was der richtige Hit ist: Die Straßenführung ist Spitze! In vielen Kurven (immer an der Wand lang) führt der Weg beinahe unauffällig nach oben, und so liebe ich es. Da kann ich an Höhe gewinnen, gleichzeitig rasch vorwärts kommen – teilweise mit bis zu 20 km/h – und muss bei alledem weder Technik noch mich selbst quälen. Das macht schon Spaß.

Vorerst lohnt nur der Blick nach vorn, wenngleich ich noch weit davon entfernt bin, nennenswerte Zwischenziele ausmachen zu können. Es geht aufwärts, und irgendwann kommt eine Krümmung des Tals nach rechts, und nichts deutet momentan darauf hin, dass sich dort außer der Richtung etwas ändert. Also mache ich mir fröhliche Gedanken und trete kräftig in die Pedale. Was nach einigen Kilometern reizvoll wird, ist die Suche nach Autos, die gerade in das untere Ende des Tals einfahren. Wie lange wird es dauern, bis sie mich »haben«, welchen nächsten markanten Punkt werde ich bis dahin wohl erreicht haben? Wenn ich allein reise, suche ich mir oft solche Anreize, um nicht in Trägheit zu verfallen, sondern ein gewisses Tempo zu erreichen. Hier sieht das also so aus: Wer ist zuerst an der Kurve da vorn, der Schnellere weit hinter mir oder ich? Im Grunde ist das natürlich auch eine Frage der realistischen Einschätzung, aber das Spiel treibe ich immer wieder, und je weiter ich vorankomme, desto größer werden die Distanzen zu den hinter mir liegenden oder von vorn entgegenkommenden Autos und demzufolge natürlich auch zu den »gemeinsamen« Zielen vor mir.

Dann kommt die große Rechtskurve, und perspektivisch scheint die Auffahrt steiler zu werden. Dass dem nicht so ist, liegt einfach daran, dass die Straße nun in fast abenteuerlicher Weise jeden kleinen Winkel in den Seitentälern mitnimmt, um so den Weg zu den mir so nahe und gleichzeitig hoch liegenden Punkten zu strecken und eben nicht steiler zu werden.

Als schließlich wieder eine große Krümmung nach links, also nach Nordosten, folgt, ist der Ausgang des Tales sichtbar. Die Leichtigkeit der vergangenen Kilometer bedeutete letztlich auch, dass ich auf ihnen nur 200 Meter gewonnen habe. Jetzt bin ich bei 640 Metern Höhe, und gemessen an meinen ehrgeizigen Zielen ist das noch nicht mal ein Drittel. Es wird also noch richtig dicke kommen müssen. Inzwischen lassen sich auch anhand der Karte Berechnungen durchführen, die für den verbleibenden Aufstieg einen deutlich höheren durchschnittlichen Anstieg ergeben. Ich liege also im Soll, was die Fahrt betrifft. Jetzt lasse ich mich aber erst mal von der Hochebene um mich herum faszinieren. Bin ich nicht eben durch eine Schlucht gefahren? Hat der obere Rand dieser Schlucht das Niveau, auf dem ich jetzt fahre? Nicht ganz. Bei der Ausfahrt aus dem Tal ging es ein längeres Stück wieder bergab. Die Straße hatte sich gar zu hoch über den Fluss erhoben und kommt nun wieder herab. Die Nesque trübt hier kein Wässerchen, hat jedenfalls keinen Graben in die Landschaft geschnitten, wird hier, auf dem Weg zur Quelle, natürlich auch immer unscheinbarer.

Vor mir liegt Sault, ein kleines Städtchen hoch am Hang, wie auf einem Sockel. Es will über zwei kleine Serpentinen »genommen« werden. Angucken schadet sicherlich nicht. Vielleicht gibt’s hier ja auch noch eine Stärkung oder irgendetwas, das mich moralisch aufbauen könnte. Ich bin jetzt seit Carpentras südlich am Mont Ventoux vorbeigefahren. Sault liegt nun halb so weit östlich vom Gipfel, wie Carpentras vorher westlich davon lag. Auch ein Drittel des Weges nach Norden habe ich bereits zurückgelegt. Ich bin gewissermaßen dabei, den Berg einzukreisen. Allerdings sehe ich ihn immer noch nicht.

Im Ort fahre ich im Schritttempo durch die kleinen Gassen und weiß dabei nicht so recht, wonach ich suche. Ich guck’s mir halt an. Ja, vielleicht ein Restaurantbesuch. Wirklich? Um dann mit vollem Bauch den eigentlichen Anstieg in Angriff zu nehmen. Ist nicht Dein Ernst?! Ein Italiener bäckt Pizzas auf dem Holzfeuer. Ob man der Pizza wohl anmerkt, dass er die Hitze durch Holz erzeugt hat? Jedenfalls wirbt der Mann auf einem Schild außen an seinem Wagen damit. Statt seiner Pizza ziehe ich ein paar Süßigkeiten, ein Baguette und ein Stück Wurst aus der Tasche und setze mich für ein paar Minuten auf eine Bank, um den Blick über das bisher Erreichte schweifen zu lassen. Es ist nicht Aufsehen erregend, aber ein ganz netter Ausblick. Zu zweit, bei tollem Wetter und mit genügend Romantik im Bauch kann man hier bestimmt Stunden verbringen.

Und dann geht’s weiter. Zuerst muss ich wieder vom Sockel Saults herab, aber zum Gipfel hin ist der Absatz glücklicherweise weniger hoch, so dass ich nicht so viel Höhe verliere. Vor mir liegen ein paar trockene Wiesen, auch noch ein paar Lavendelfelder, und dann beginnt der Wald. Das ist natürlich ein schönes Stück Weg. Von 20 km/h und lockerem Fahren kann nun allerdings keine Rede mehr sein. Was jetzt aber ziemlich gut stimmt, ist die Richtung. Da ich mich mittlerweile in der Flanke des Berges befinde, hilft es wahrscheinlich auch nicht viel, dass jetzt vereinzelt die Sonne wieder durchkommt. Ich muss mich mit dem Gipfelblick halt gedulden. Als Orientierung kann mir stattdessen der Blick auf Sault dienen, der mir mit einigen Unterbrechungen sehr lange erhalten bleibt und verrät, dass die Mühe tatsächlich Früchte trägt: Es geht aufwärts. Und nicht nur das: Die Landschaft hinter Sault zieht sich bei phantastischer Sicht weit hin bis zum Horizont.

Die Karte hat eine Gabelung verzeichnet, die ich bald erreichen müsste. Sie liegt in gut 1400 Metern Höhe, und von dort sind es noch sechs Kilometer bis oben. Indes werden die Kurven lang, und eine nach der anderen kommt, und die Gabelung will nicht sichtbar werden und der Gipfel auch nicht. Nur nicht die Geduld verlieren! Der Tag ist noch lang.

Doch dann, vielleicht gute zwei Stunden nach dem Verlassen von Sault, kommt beides zugleich: Zwischen den Baumkronen wird ein Sendemast sichtbar, der eigentlich nur ganz oben auf dem Berg stehen kann, und vor mir liegt in einer Kurve und an einem kleinen Platz, auf dem ein paar Autos stehen, die Gabelung. Von links unten könnten jetzt Leute kommen, die von Carpentras einen kürzeren Weg nach oben nehmen wollten. Die Karte weist für deren letzten zehn Kilometer mehrere Doppelpfeile auf. Neben der Empfehlung der Gorges de la Nesque war dies ein Grund für mich, diese kurze Auffahrt zu meiden. Aber wer auch immer von dort kommen mag – weder ihm noch mir bleiben die außergewöhnlichen Steigungen auf dem letzten Abschnitt erspart. Denn jetzt geht es den rechten Zweig der Gabelung entlang nach oben. Schon nach wenigen Metern wird die Härte dieses Unterfangens klar. Wer bis hier her noch von einer leichten Übung gesprochen haben mag, kann die Meinung nur dann beibehalten, wenn er mindestens bis zur Untersetzung hinunterschalten kann und natürlich gnadenlos fit ist. Und Eile sollte er selbstverständlich auch keine haben. Ich kann nicht untersetzen; das gibt meine 7-Gang-Schaltung nicht her. Da nützt es nichts, dass ich keine Eile habe und ganz gut drauf bin. Erschwerend kommt leider hinzu, dass meine Schaltung aus welchen Gründen auch immer beginnt, Ärger zu machen. Es ist ja nun wahrhaftig nicht das erste Mal, dass sie Ton gibt. Aber bei solcher Anstrengung ist es regelrechter Stress, wenn das Getriebe unter meinen Tritten quietscht, als würde es gleich seinen Geist aufgeben. Und dann überholt mich auch noch einer! Nein, jetzt macht es irgendwie keinen richtigen Spaß mehr. Aber ich habe es ja so gewollt, und es ist außerdem unbestreitbar, dass ich an Höhe gewinne, denn ich bewege mich ja.

Ich nähere mich der Baumgrenze. Hier wächst gleich fast gar nichts mehr. Der Boden ist mit grobem, flachem Schotter bedeckt, und dass kein Wind über das Gestein fegt, wirkt wie ein seltener Zufall, denn außer dem Gipfel hat er kein Hindernis mehr. Ringsum geht es hinunter, und die Sonne scheint jetzt nicht mehr einfach nur so, sie scheint über den Wolken. Der Ausblick ähnelt dem aus einem Flugzeug. Das hatte ich ja wohl noch nie! Das flache Land um den Mont Ventoux scheint noch immer weitgehend von Wolken bedeckt, und darum sehe ich es nicht. Aber hier oben reicht der Blick bis ans Ende der Welt.

Langsam, ganz langsam geht es durch die Serpentinen zum Gipfel. Der liegt noch immer hoch oben über mir. Jetzt sehe ich wenigstens, was noch vor mir liegt. Als nächstes komme ich an einem Denkmal vorbei. Das ist eine gute Gelegenheit, mal wieder anhalten. Ich habe nicht den Ehrgeiz, diese Auffahrt nonstop zu schaffen. Auf der Gedenktafel ist ein Radsportler abgebildet, der Brite Tom Simpson, der hier bei der Tour de France 1967 ums Leben gekommen sein soll. Na ja, hier kann man leicht stürzen, vor allem, wenn es schnell gehen soll. Erst später erfahre ich, dass Simpson mit Amphetaminen vollgestopft war, hier bei der Auffahrt einen Kreislaufzusammenbruch erlitt und ins Koma fiel, aus dem er nicht wieder erwachte. Man kann alles übertreiben, würde sicher mancher auch über das sagen, was ich hier tue. Um das Denkmal herum stehen einige Trinkflaschen, Opferungen von Radfahrern, die vermutlich erst in jüngerer Zeit hier vorbeigekommen sind. Ich fahre weiter. Meine Trinkflasche brauche ich noch.

An einer der nächsten Kehren erreiche ich erstmals die Nordflanke des Berges. Es ist unheimlich: Wer hier die Balance verliert, rutscht auf einem fast senkrechten Hang in die Tiefe und kommt sicherlich erst einige Hundert Meter tiefer wieder zum Halt, und dann hat er gewiss keine Sorgen mehr. Wer sich aber ein wenig zurückhält und oben bleibt, der hat einen einmaligen Blick auf die Berge. Wieder fällt mir als Vergleich nur der Blick aus einem Flugzeugfenster ein, so dermaßen tief unten liegen die Bergrücken. Das sind ja keine Hügel. Das ist ein richtiges Gebirge, aber es wirkt neben dem Mont Ventoux derart deklassiert niedrig, dass es einen zweiten Blick wert ist. Im Süden ist nach wie vor alles von einem weißen Federbett bedeckt. Nur nach Westen hin kann ich einige freie Stellen entdecken, durch die der Blick frei wird auf eine Gegend, die gut und gerne 50 Kilometer entfernt ist und darum keine Details preisgibt. Nun aber hoch! Die letzten Meter müssen ich und mein Eisen noch durchstehen. Mir werde ich dann einen Snack gönnen… – na, und das Hinterrad werde ich wohl an einmaliger Stelle zerlegen müssen, denn so geht’s auf keinen Fall weiter.

Und dann bin ich schließlich oben. Also, das muss man den Franzosen ja lassen: Die machen etwas aus ihren Bergen. Sowohl der Puy de Dôme als auch hier der Mont Ventoux, die bisher beiden höchsten Berge meiner Tour, sind an der Spitze bedeckt mit militärischen Anlagen, die den Anblick schlimmer noch entstellen als alle Restaurants, Hotels und sonstigen Aufbauten die Zugspitze in Deutschland, obwohl das dort auch nicht gerade nach einem Zeugnis des Respekts vor den Bergen und der Natur aussieht. Die Zugspitze ist nebenbei bemerkt 1000 Meter höher. Mir langt’s einstweilen für heute mit der Kletterei. Hier oben weht dann auch tatsächlich ein frisches Lüftchen, und zwar frisch, was die Temperatur und die Windstärke betrifft. Ich muss im Gepäck kramen, erst für die Garderobe und dann fürs Werkzeug. Was hätte ich davon nun eigentlich wirklich entbehren können, wenn das mit der Deponierung der Taschen geklappt hätte? Am Ende hätte mir vielleicht jetzt das Werkzeug gefehlt. Also nicht, dass es nicht weiterginge, wenn ich das Werkzeug nicht hätte, aber es müsste eher über kurz als über lang etwas unternommen werden. Die Inspektion macht den Sachverhalt rasch klar: Beim Regen heute Morgen muss Wasser in die Lager eingedrungen sein, und das mögen die überhaupt nicht, weil sie keinerlei Rostschutz haben. Und so sind sie zwar geschmiert, aber rostbraun und nass, und alles, was ich tue, ist, die Einzelteile (die ja zum Glück nicht wegfliegen können) in die Abendsonne zu legen, wo sie denn auch innerhalb weniger Minuten trocken sind. Dann kommt eine Spur Fett dazu, und nach dem Zusammenbau läuft wieder alles wie Hanne. Wenn’s doch immer so einfach wäre!

Ich genieße ein letztes Mal den Ausblick, nun vor allem nach Westen, und dann trete ich in die Pedale, um die letzten vier oder fünf Meter zu überwinden und mich dann in die Nordflanke zu stürzen. Im Schatten des Berges geht es in die Tiefe. Es geht wirklich in die Tiefe! Wer immer auf dieser Seite nach oben will, isst ein verdammt hartes Brot. Und wer nach unten will, sollte lieber eine Bremse zu viel als zu wenig haben. Ich habe drei, und damit wird mir so schnell nicht bange. Aber ich brauche die beiden Cantilever auch unentwegt, denn das Gummiseil des Gefälles ist straff gespannt und zieht mich gnadenlos nach unten. Wenn es nicht solchen Spaß machen würde, wäre das sicherlich beängstigend.

Und es dauert! Es ist unbestreitbar, dass eine Abfahrt mit fünf- bis zehnfacher Geschwindigkeit des Aufstiegs natürlich nicht Stunden dauern kann. Aber wer 1600 Höhenmeter abzugeben hat, der macht das nicht in zehn Minuten. Da wird unterwegs mehr als nur ein Kaffee kalt. Dank meiner Plastikhülle bleibt es für mich bis unten komfortabel. Aber warm werden bei diesem Tempo vermutlich nicht einmal die Bremsklötze, die wegen der vielen Kurven andauernd in Aktion sind. Alles funktioniert reibungslos, nur in meinen Ohren knackt es andauernd, weil der Luftdruck natürlich wieder ganz schön zunimmt.

Im unteren Abschnitt der Strecke taucht noch einmal die rote Abendsonne auf und schickt letzte wärmende Strahlen, und dann bin ich einfach unten, in Maulaucène. Und jetzt? Da die Sonne gerade mal hinter dem Horizont verschwunden ist, scheint es mir zu früh zum Übernachten. Also werde ich wohl am besten noch bis Carpentras weiterfahren. Gesagt, getan. Für den guten Ausgleich ist nun erst mal wieder eine kleine Steigung vorgesehen, und rasch entledige ich mich meiner Überhose; denn sonst bin ich sofort schweißgebadet.

Oben am »Pass« setzt die Dämmerung kräftig ein. Während der Abfahrt, diesmal nicht nur bis 300 Meter, sondern wieder ganz nach unten, blicke ich zurück zum Gipfel. Ja, jetzt ist er zu sehen, und er ist Respekt einflößend hoch. Hätte ich vielleicht von hier kommen sollen? Lieber nicht.

Kurz vor Carpentras rufe ich noch Mami und Vater an. Alles normgerecht, bin gerade ein bisschen geklettert, typisches Understatement. Junge, willst Du Dir nicht langsam ein Quartier suchen? Ja, ja, wird schon, sicher, ja, es wird dunkel, aber das schreckt mich doch nicht. Na ja. Jetzt sollte ich aber wirklich nicht mehr ’rumtrödeln. Sightseeing fällt unter diesen Lichtverhältnissen aus, und Hotels haben vielleicht schon geschlossen. Da darf man nicht so anspruchsvoll sein. Außerdem war ich ja erst in der vergangenen Nacht im Hotel. In Carpentras fahre ich noch einmal an der Kneipe vom Morgen vorbei und kann es mir nicht verkneifen, hineinzugehen und den Wirt davon zu unterrichten, dass man durchaus mit dem Fahrrad auf den Mont Ventoux fahren kann. Ob er’s mir wohl ansieht? Wie dem auch sei, so was bringt einen alten Wirt nicht aus der Fassung, und was er denkt, ist mir eigentlich wurscht. Ich fahre weiter, und nun haben wir finstere Nacht. Es ist bei aller Liebe kein Hotel zu sehen, und so verlasse ich die Stadt in Richtung Avignon. Die Straße wird vierspurig, und auf diesen Pfaden ist gewiss keine Bleibe für die Nacht zu finden. Bei dem Lärm! Nach circa fünf Kilometern biege ich daher ab und versuche mein Glück in Monteux.

Ein Dorf im Dunkeln ist kein guter Platz, um Erfolg versprechend zu suchen. Aber jetzt liegt alles im Dunkeln. Ich folge einem Weg, der mich früher oder später vermutlich wieder auf die Schnellstraße führen wird, und fahre immer meinem Lichtschein hinterher. Hier soll laut Beschilderung so etwas wie eine Herberge liegen. Mal schauen. Tatsächlich findet sich nach einem oder zwei Kilometern rechts ein beleuchteter Hof, auf dem einige Autos parken. Rechts stehen Klettergerüste für Kinder. Ich bocke meinen Esel auf und erkunde das Terrain. Niemand, der mir entgegentritt, selbst, als ich eine Tür öffne und eine Treppe hinaufsteige. Aber überall brennt Licht. Es ist, als würde jeden Moment jemand kommen. Ich rufe »Hallo«, wenn auch nicht besonders laut, aber dadurch fühlt sich niemand angesprochen. Ich komme oben in einer Art Wohnflur an. Da ist eine Sitzecke, dort eine Küchenzeile, und an beiden Enden befinden sich Türen, die zu den eigentlichen Gästezimmern führen könnten. Hier könnte man sich’s für eine Nacht gut bequem machen, aber wie von einer Seuche entvölkert sieht das alles nicht aus. Da kann ja jemand kommen, und der stellt bestimmt unangenehme Fragen, wenn ich mich hier einfach auf die Couch haue. Also gehe ich lieber wieder. Ich greife mir mein Fahrrad und erkunde die Rückseite des Gebäudes. Hier quartieren diejenigen, die ein eigenes Haus haben, sprich: einen Wohnwagen oder ein Zelt. Ich habe keins, und darum suche ich nach einem Dach, das mir Schutz gegen etwaigen Regen oder wahlweise auch gegen den Morgentau bietet. Und solche Dächer sind hier Mangelware. Da sind eigentlich nur Wohnwagen und die Sanitärräume. Der Raum, in dem die Waschmaschine steht, ist zwar recht interessant, aber dort könnte ich nur im Sitzen schlafen, weil er zu klein ist. Das ist kein guter Platz.

Na ja, und so nach und nach werde ich immer bescheidener, und was mir schließlich bleibt, ist das Außenvordach. Dort lege ich meine Matte hin, und obwohl es schon 23 Uhr ist, nehme ich mir vor, um sechs mein Lager abzubrechen, weil dann die ersten Frühaufsteher kommen könnten. Weder denen noch dem Eigentümer des Platzes möchte ich morgen begegnen. Da hier nun aber einmal Waschplätze existieren, nehme ich sie auch wahr und lege mich danach zur Ruhe.

5. Juni 5. Juni7. Juni 7. Juni