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4. Juni 4. Juni6. Juni 6. Juni

5. Juni

Grandrieu – D5xD988xD26xN88 – Langogne – D906xD19 – Saint Etienne-de-Lugdarès – D19xD24 – Col de Meyrand – Valgorge – Largentière – D5xD104xD4 – Ruoms – D579 – Vallon-Pont-d’Arc – D290 – Gorges de l’Ardèche – Aiguèze – D41xD901xN86 – Pont-Saint Esprit – D994 – Bollène (184 km)

Nach einer letztlich doch erholsamen Nacht breche ich auf in Richtung Südosten. Laval-Atger ist mein erstes Ziel. Es wird eine wunderschöne Abfahrt, flach, morgendlich kühl und sonnig in einem Flusstal. Genauso mag ich’s, wenn’s nach unten geht. Da hat man wenigstens eine Weile was davon. An der nächsten Kreuzung geht es dann rechts ab, nunmehr richtig auf Kurs, allerdings hat die Talfahrt dann auch bald ein Ende. Ich überquere einen kleinen Höhenzug zur Linken und fahre nun auf einen Stausee zu. Die Landschaft um ihn herum ist sehr flach und genauso scheint auch der See selbst zu sein. Als ich jedoch über die Staumauer fahre, sehe ich, dass es doch ein paar Meter fünfzig sind. Vor mir liegt nun Langogne.

Das könnte eine Durchfahrt mit der einzigen Herausforderung werden, die richtige Ausfahrt zu finden. Aber der Ort ist auf weite Sicht der letzte größere, und heute ist Samstag. Ich sollte mich mit Lebensmitteln eindecken. Also fahre ich langsam durch die Hauptstraße, um mir keinen wichtigen Laden entgehen zu lassen. Wenn’s gut läuft, muss ich nur einmal Halt machen und habe dann schon alles. Als erstes entdecke ich jedoch eine große Werbetafel, auf der Karl Marx mit einer Gurken-Gesichtsmaske abgebildet ist. Wofür das wohl werben soll?

Bald darauf habe ich alles. Dann fällt mir allerdings ein, dass mir meine Diafilme langsam ausgehen. Ich fotografiere mehr als geplant. Soll ich das nun einschränken oder nachkaufen? Nachkaufen natürlich, mein Budget wird solche Peanuts doch wohl verkraften. Ich betrete einen Tabac-Laden und suche. Diafilme sind nicht gerade in großer Auswahl vorhanden. Kodak bietet welche an. Ich nehme vier Stück und gehe zur Theke, um zu bezahlen. Die Verkäuferin scheint mich zu fragen, ob ich wirklich vier Stück davon haben will. Ja, natürlich, warum nicht? Als sie den finalen Knopfdruck an der Kasse auslöst, trifft mich fast der Schlag: 200 Francs! Nicht, dass ich mir das nicht leisten könnte, aber ich schätze, in Deutschland hätte ich – vielleicht nicht Kodak Gold, aber eine vernünftige Qualität – die vier Filme zu dem Preis bekommen, der hier für eine Kartusche zu entrichten ist. Ich bewahre die Fassung und bezahle. Schließlich hat sie mich vorher gefragt, ob ich sicher bin, und nicht ich sie, was denn wohl ein solcher Film kostet.

Holzauge, sei wachsam, wenn Du noch mal nachkaufen musst. Das sind jetzt 144 Aufnahmen. Die sind bei der Vielfalt an Motiven auch schnell weg. Und dann heißt es erneut, tief in die Tasche zu langen. Oder Du fotografierst jetzt nicht mehr jede Schlucht oder jeden Ginsterhang. Auf den Schreck frühstücke ich erst mal. Auf einer Bank mache ich es mir dazu bequem und versuche, mich zu entspannen.

Auf der D906 verlasse ich nach Süden die Stadt, und das könnte alles ganz wunderschön sein, wenn hier nicht so viel gebaut werden würde. Die Straße wird zur Magistrale ausgebaut, wobei der rollende Verkehr völlig offen lässt, was die Veranlassung für solchen Aufwand ist. Im Klartext: Es ist nicht viel los auf der Piste. Warum sollte man sie also breiter machen? – Davon einmal abgesehen, ist die Landschaft jedoch sehr schön.

Ich suche jetzt ein Telefon, denn ich möchte Johanna anrufen, um mal ein Lebenszeichen von mir zu geben. Als ich dann jedoch eins an dem Abzweig finde, an dem ich das Tal in Richtung Osten verlasse, ist es ein Münztelefon. Das habe ich ja in ganz Frankreich noch nicht erlebt! Nicht, dass ich jetzt an Steinzeit denken würde – schließlich ist in Deutschland wohl noch mehr als die Hälfte der öffentlichen Telefone als Münzer ausgelegt –, aber mit meinen paar Geldstücken starte ich hier lieber kein internationales Gespräch, und vermutlich ist es auch teurer als mit der Karte. Auf ein Kartentelefon muss ich aber noch warten.

Der neue Richtungswechsel führt mich wieder direkt nach Osten, und nach wenigen Kilometern erreiche ich St. Etienne. Freilich handelt es sich hier nur um ein kleines Dorf. Was mir dort auffällt, ist die Zweisprachigkeit auf Schildern. Ist das hier so etwas wie Kleingallien oder eine französische Sorbenregion? Die Frage wird wohl unbeantwortet bleiben, weil ich von der einen Sprache wenig und von der anderen gar nichts verstehe. Um solch eine diffizile Sache klären zu können, müsste ich jemanden fragen, und das würde sich im Extremfall so abspielen: Frage: Gibt es hier zwei Sprachen? Antwort: Ja. Frage: Welche ist die zweite? … (unverständlich für mich). Und damit hätte sich die Sache erledigt, ohne dass ich schlauer wäre. Also verzichte ich auf diese Konversation und fahre weiter.

Vor mir liegt der Col de Meyrand. Mein Radreiseführer beschreibt diesen Pass als wichtigen Meilenstein, als Grenze zum Midi, zum Mediterranen, und die Abfahrt nach Süden sei so etwas wie ein Showdown. Na, dann wollen wir doch mal schauen, wie so was aussieht. Natürlicherweise ist die Auffahrt zum Pass etwas anstrengend, weil es bergan geht, aber es hält sich in Grenzen, und als ich ihn erreiche, ist erst mal eine Mahlzeit angesagt. Vorerst sehe ich noch nichts. Als ich dann jedoch nach einer kurzen Pause wieder aufbreche, tut sich im leichten Dunst vor mir ein Tal auf, in dem die Straße tatsächlich ungefähr einen Kilometer tief versinkt. Hier darf also lange bergab gefahren werden. Den Straßenverlauf kann ich sogar ganz gut von hier oben überblicken. Nun denn, auf ins Vergnügen!

Es geht flott nach unten. Was immer der Autor des Radreiseführers damit gemeint hat, als er schrieb, dass dieser Pass die Grenze zum Midi sei – der Südhang wirkt karg, so, als bekäme er kaum Regen, als wäre er stärker mediterran geprägt als meine bisherige Route. Vielleicht hat er ja das gemeint. Ich konzentriere mich derweil auf Lenken und Bremsen, gucke ab und zu mal in die Büsche, aber die vielen Kurven fordern schon etwa mehr Aufmerksamkeit, und so habe ich gar nicht den Anspruch, eine anwechslungsreiche Landschaft vorzufinden. Weiter unten wird es dann etwas flacher, ab Valgorge fahre ich nur noch neben einem Fluss her, und wenige Kilometer später biegt er gar rechts nach Süden ab, und für mich beginnt mal wieder ein Anstieg. Alles klar, das ist keine Überraschung, wusste ich vorher schon.

An der Straße stehen Kirschbäume. Na, es wird Zeit, dass ich meine Speisekarte mal um ein paar Vitamine bereichere. Zwar sind es keine Straßenbäume im eigentlichen Sinne, also gibt es wohl einen Eigentümer, aber dann soll er halt kommen und ernten, anstatt das Obst vertrocknen oder verfaulen zu lassen. Diese Gefahr besteht allerdings noch nicht allen Ernstes. Trotzdem bringe ich einige Hände voll in Sicherheit. Dann geht es weiter den Hang hinauf. Als ich den kleinen Pass erreicht habe, denke ich darüber nach, mal wieder eine Servas-Familie anzurufen. In Orange habe ich eine Adresse lokalisiert. Das ist zwar noch sehr weit hin, aber der Tag hat ja auch noch ein paar Stunden. Zuerst muss ich in die Ebene hinab, dann durch die Gorge de l’Ardèche, und dann sind es sicherlich immer noch 40 Kilometer. Aber anrufen schadet ja nichts. Ich erreiche, wie es scheint, nur die Tochter des Hauses. Es gelingt mir, ihr mein Anliegen begreiflich zu machen – glaube ich jedenfalls. Aber sie kann das verständlicherweise nicht allein entscheiden. Also sage ich, dass ich später noch einmal anrufen werde. Gut.

Largentière ist eine Stadt im Tal. Auf der Karte sieht es so aus, als läge sie am Hang, mit offener Flanke nach Osten oder Südosten; sie wirkt indes ziemlich abgeschlossen. Für Spaziergänger, Leute, die gern promenieren, könnte das ein lohnendes Ziel sein. Im Vorbeifahren sehe ich eine sehr lange Treppe den Hang hinaufkriechen. Als ich den Ort schon so gut wie wieder verlassen habe, komme ich an einem kleinen Stand vorbei, an dem vielleicht ein paar Snacks und Getränke verkauft werden – jedenfalls sitzen dort ein paar jüngere Leute. Als mich einer von ihnen sieht, ruft er: Attaque! und Attends, j’arrive! und wenn ich es auch nicht als bedrohlich ansehe, so habe ich Moment doch keine Lust, anzuhalten. Er schwingt sich seinerseits auf sein Fahrrad und hetzt mir hinterher, aber was immer ihn auch hemmen mag – er kommt kaum näher und bleibt schließlich ganz zurück, ohne dass ich deswegen hätte hektisch werden müssen. Aber natürlich geht es gut bergab, und da fahre ich leicht 30, und manch anderer Fahrer muss bei diesem Tempo mangels vernünftiger Übersetzung schon heftig pedalieren, was diesem wohl letztlich abging.

Die Fahrt führt jetzt tatsächlich in die Ebene, was im Allgemeinen nicht so aufregend ist, aber schon bald steigt das Gelände zu einem geschichteten Massiv an, durch das sich der Fluss Beaume, neben dem ich fahre, ein tiefes Bett geschnitten hat. Der Fels ist grau und schmutzig und scheint ziemlich mürbe zu sein. Und wie üblich, hat der Fluss nicht den kürzesten Weg genommen. Für die Straße wird es aber zunehmend enger. Das geht so weit, dass sie schließlich in einer Galerie und ganz am Ende ampelgesteuert durch einen Tunnel geführt wird. Die Berge enden in Ruoms. Die Stadt liegt sehr schön, denn auch hier verläuft der Fluss noch zwischen den Felsen, sehr ruhig – wahrscheinlich gestaut – und etwa fünf bis zehn Meter unterhalb des felsigen Plateaus, auf dem die Stadt zumindest zum Teil gegründet ist. Die Grundstücksbesitzer können also, wenn sie Mut und Lust haben und sich im Fluss keine Untiefen befinden, wie von einem Sprungturm hinabspringen und haben damit auch eine relativ schwierig zu überwindende Grundstücksgrenze. (Dasselbe Problem stellt sich allerdings auch den mutigen Springern, wenn sie wieder zurück wollen.) Aber das sind alles wilde Erwägungen. Am Hochufer ist kein Mensch zu sehen, noch nicht mal ein Haus, so dass es keineswegs sicher ist, dass dort überhaupt jemals jemand hinkommt.

Hier muss ich zwei Probleme angehen. Ich muss noch einmal in Orange anrufen, und ich brauche Geld. Jedenfalls brauche ich bald welches. Und hier befindet sich wahrscheinlich eine Bank. Die Frage ist nur, ob sie meine Geldkarte von der Post akzeptiert. Mit meinem Anruf habe ich kein Glück. Papa ist jetzt zwar zu Hause, er nimmt den Anruf auch an, und wir verstehen uns so einigermaßen, aber er will heute Abend ausgehen, und dann kann er natürlich keinen Besuch empfangen. Na, war ja nur so eine Idee.

An der Bank habe ich auch Probleme. Der erste Automat will meine Karte nicht, rückt natürlich auch kein Geld heraus. Später habe ich dann mehr Glück. Die Stadt gucke ich mir bei der Gelegenheit auch gleich ein wenig an. Sie steht voll im Zeichen des Tourismus. Entlang der Hauptstraße sind rechts und links jede Menge Buden aufgestellt, und in ihnen gibt es das, was Touristen kaufen und sonst kein Mensch braucht. Bin ich ein Tourist? Doch lieber nicht. Jedenfalls hätte ich zumindest ein Transportproblem, wenn ich hier kaufen würde. Überhaupt haben die Händler hier wenig Kundschaft, aber es ist halt noch Vorsaison. Im Juli wird das sicherlich anders.

Weiter geht’s. Der nächste Ort von Bedeutung ist Vallon-Pont-d’Arc, das Tor zur dahinter liegenden Schlucht. Michelin hat fette Lettern für diese Schlucht spendiert – also muss das was sein, das anzusehen sich lohnt. Die Stadt selbst (oder das große Dorf) ist nicht weiter bemerkenswert. Darum halte ich mich dort nicht weiter auf. Zunächst folge ich der Ardèche (flussabwärts) auf gleichem Niveau. Was sofort auffällt, ist der Rummel mit Bussen, Kanuvermietungen und eben hin und wieder auch einem Bootsfahrer auf dem Fluss. Der führt gerade so viel Wasser, dass das noch funktioniert. Über die Fahrer kann man nun geteilter Ansicht sein. Eine gewisse Sportlichkeit muss wohl auch stromabwärts gegeben sein. Aufwärts wären die 30…50 Kilometer eine echte Herausforderung. Abwärts ist es eine Sache, bei der sich im Lager normaler Autofahrer die Spreu vom Weizen trennt. Das zeigt sich zum Beispiel so, dass einige auf halbem Wege aussteigen – ob nun geplant oder nicht, das sei mal dahingestellt.

Einen besonders guten Überblick über das Tal habe ich von hier unten freilich nicht. Die Berge um mich herum türmen sich hoch auf, wesentlich höher als vorhin vor Ruom. Im Grunde bin ich ja auch nicht so scharf darauf, solche Berge andauernd hoch und wieder runter zu fahren. Aber ich weiß von der Karte, dass genau das noch kommen wird – früh genug, denke ich. – Eine besonders eindrucksvolle Passage ist eine natürliche Brücke über den Fluss. Man muss also nicht nach Amerika fahren, um so etwas mal zu Gesicht zu bekommen. Wahrscheinlich sind sich hier die beiden Enden einer Haarnadelschleife mit der Zeit immer näher gekommen, bis am Ende der Durchbruch geschafft war, und nun ist da nichts mehr, woran sich der Fluss hier reiben könnte.

Nach einer halben Stunde ist Schluss mit lustig. Es geht hinauf in die Berge, und zwar nicht von schlechten Eltern. Will heißen: Steil und lang. Aber nach zwei Kilometern hat die Arbeit ein Ende und ich kann mir nun, sofern ich etwas sehe, von oben die Szene angucken. Sicht mindernd wirken lauter kleine Büsche und Bäume, die das Hochland bis zum Abgrund mehr oder weniger vollständig bedecken – und die Straße führt natürlich nicht hart an der Kante entlang, sondern zumeist ein paar Meter davon entfernt, so dass zwischen ihr und dem Blick in die Tiefe fast stets das Grüne steht –, und das Wetter. Nicht, dass ich mich beklagen könnte. Wind, Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind nahezu perfekt für einen Radfahrer – nur nicht für Fotos einer solchen Szene. Die Sonne macht sich nämlich rar, und wo es kein direktes Sonnenlicht gibt, da fehlt der Kontrast, und ohne Kontrast kann man vielleicht dokumentieren, aber nicht faszinieren. Das muss nun vielleicht nicht jedes Foto liefern, aber die Gorges de l’Ardèche sind auch nicht irgendeine Passage der Reise. Na, denn eben nicht. Angucken tue ich sie mir wenigstens.

Darum darf diese Passage auch etwas länger dauern. Wo ich heute Abend unterkomme, ist ja wieder mal egal. Ich halte an jedem Geländer an, werfe einen Blick in die Tiefe, betrachte die Schleifen des Flusses, hin und wieder einen Kanufahrer, und wenn ich wieder auf dem Rad sitze, fahren die Busse und Transporter mit den Touristen und Booten wieder zum oberen Ende des Tals an mir vorbei.

An manchen Stellen liegen die Aussichtspunkte auch abseits der Straße. Dort mag die Straße vielleicht früher hart an der Kante entlang geführt haben, jedenfalls ist der Abzweig asphaltiert. Und der Blick in die Runde ist schon gewaltig. An einem solchen Ausblick kommen nur wenige Menschen auf dem Weg zur Arbeit vorbei, und wer sonst ihn – oder etwas Vergleichbares – zu Gesicht bekommen will, muss schon ein paar Kilometer fünfzig fahren. Als ich wieder auf die Hauptstraße zurückkehre, kommt von links ein Radfahrer. Er hat Gepäck, wenn auch vielleicht etwas weniger als ich, und wir begegnen uns praktisch, als ich wieder auf Touren komme. Er ist allerdings etwas rascher als ich, hat, was er nicht als Gepäck geladen hat, sozusagen »eingebaut«, in Summe also womöglich genauso viel zu tragen wie ich, er dürfte fünf bis zehn Jahre älter sein, und er hat so etwas wie ein Rennrad. Allerdings ist es natürlich mit Gepäckträgern ausgestattet. Wir begrüßen uns, und mir wird nach drei, vier Worten aus seinem Munde klar, dass er kein Franzose ist, und so frage ich ihn nach seiner Herkunft. Engländer ist er, kommt aus der Nähe von London und heißt Bruno. Wir beschließen, dass wir uns noch eine Weile unterhalten, was zur Folge hat, dass zumindest ich etwas flotter fahren muss. Aber wenn es einen Grund dafür gibt, schaffe ich das schon. Als Alleinfahrer bin ich halt oft einfach zu bequem, ohne erkennbaren Anstieg zu kämpfen. Schließlich habe ich Urlaub!

Bruno ist kein typischer englischer Name. Jedenfalls nicht für Menschen. Eher schon für Hunde, so erklärt er mir, und dass er solch einen untypischen Namen trägt, liegt daran, dass seine Mutter Französin ist, und dort ist Bruno offenbar kein Hundename oder jedenfalls auch für Menschen gebräuchlich. Nur lebt er selbst eben nicht Frankreich. So kommt das. Bruno fährt von Bordeaux oder so nach Venedig. Er hat dafür 14 Tage Zeit. Seit Geoffrey Portch mir einmal erzählt hat, dass Briten von ihren 20 Arbeitstagen Jahresurlaub grundsätzlich die Hälfte für den Haupt- oder Sommer- oder eigentlichen Jahresurlaub abzweigen und die anderen zehn Tage über Ostern und Weihnachten verbraten, habe ich noch nie einen Engländer getroffen, der das anders machen würde. Und so ist es wohl auch mit Bruno. Die Strecke nach Venedig ist beileibe kein Sonntagnachmittagsausflug. Es ist eine Mordsstrecke, gemessen an durchschnittlichen Maßstäben. Er kann sich nicht mit 140 Kilometern am Tag zufrieden geben, wie ich das tue, sondern fährt teilweise 160, 180 sogar 200 Kilometer weit. Dafür bricht er viel früher auf – viel später kann er abends eigentlich nicht ins Hotel gehen, aber eine zivilisierte Herberge genehmigt er sich immerhin. Und wenn er den ganzen Tag so schnell fährt, wie das jetzt der Fall ist, hat er sicherlich keine Probleme, seine Vorgabe zu schaffen. Ich habe keinen Bock, allein schneller zu fahren.

Bruno erzählt mir von einem Amateurrennen, an dem er teilnehmen will. Dazu soll dieses Training dienen. Soso, also bei allem Respekt, so fürchterlich schnell kann das Rennen wohl nicht sein, sonst müsste er noch ganz anders trainieren. Natürlich, auf der Etappe hat keiner Gepäck dabei, man schleppt noch nicht mal Gepäckträger oder Schutzbleche oder lauter solchen Luxus mit sich herum. Wie auch immer – ich kann’s nicht so richtig beurteilen, und ich werde Bruno auch nicht ’reinreden. Er ist für sein Alter überdurchschnittlich fit, ambitioniert allemal, und das stellt für uns beide einen Wert dar.

Die Straße hier oben ist trotz aller Auf- und Abfahrten relativ eben. Es geht nicht noch einmal ganz hinunter, nicht einmal annähernd, und das ist zum einen dem Vorwärtskommen im Allgemeinen und meinem Bemühen, Bruno zu folgen, im Besonderen sehr förderlich. Dafür macht die Straße allerlei Schnörkel, um Seitentälern zu folgen. Eine gute Stunde jedoch, nachdem ich Bruno begegnet bin, kommt das Ende des Tals im Dunst in Sicht. Wir haben zwar nicht miteinander verabredet, dass wir heute den Rest des Tages zusammen fahren werden, aber irgendwann ergibt sich die Frage, wo der Tag heute sein Ende findet, sprich: Wo Bruno übernachten wird, und ich sage mir: So weit schaffe ich es auch, und vielleicht findet sich dort eine ähnliche Unterkunft auch für mich.

Die Straßen, die wir jetzt benutzen, sind alles andere als berauschend. Erst kommt eine Nationalstraße, dann Pont-St.-Esprit (wo wir die Rhône überqueren), dann eine ähnlich bedeutende Landstraße – nebenbei ganz massiv die Dämmerung – und schließlich Bollène. Hier, so sagt Bruno, fände sich ein Formule-1-Hotel. Ich war zwar noch nie in einem zu Gast, weil ich nur ungern mit der Kreditkarte bezahle, aber irgendwann ist halt immer das erste Mal, und so beschließe ich, dass das eine akzeptable Variante ist. Allerdings haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht – bzw. ohne die Gäste. Das Hotel ist voll. Da kann man nichts machen. Das verdrießt mich nicht, da ich es gewöhnt bin zu improvisieren, aber Bruno möchte in einem Hotel übernachten, und da unsere Überlegungen inzwischen so weit gediehen sind, dass wir uns auch ein Zimmer teilen würden, halten sich die Kosten selbst bei einem Hotel in Grenzen, das nicht so auf Economy-Touristen ausgerichtet ist. Suchen wir also ein solches. Inzwischen ist Nacht.

Wir finden ein Hotel, und es ist ein Zimmer frei, und es ist bezahlbar, und wir können unsere Fahrräder im Flur abstellen, und jetzt stellt sich nur noch die Frage, was wir mit dem angefangenen Abend machen. Bruno pflegt abends gehoben zu tafeln – gehoben, was den Preis betrifft. Ich begnüge mich mit einem Salat, damit er nicht so allein essen muss, aber wie er da so einen Teller nach dem anderen serviert kriegt und hinterher noch nicht mal das Doppelte von dem bezahlen muss, was ich zu löhnen habe, frage ich mich, ob meine Bescheidenheit hier angemessen war. Aber es heißt ja, man soll vor dem Zu-Bett-Gehen nicht so viel essen. Heißt es… Für Normalverbraucher. Sind wir Normalverbraucher?

Dann kommt die Abendtoilette, die ich natürlich wahrnehme, auch wenn das jetzt schon die zweite Hotelnacht in Folge ist. Geschwitzt habe ich auf alle Fälle genug für eine Dusche – nur Wäsche waschen fällt heute aus. Na, und dann ist Nachtruhe.

4. Juni 4. Juni6. Juni 6. Juni