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3. Juni

Anjony – D160xD922xN120 – Aurillac – N122xD920 – Montsalvy – Entraygues-sur-Truyère – D920xD34 – Saint Amans-des-Cots – D97xD621xD900 – (Privatstraße der E.D.F von der D900 bis zur Barrage de Sarrans und zurück) – D900xC?xD166xD98 – Laussac (131 km)

Auf asphaltiertem Boden liegt es sich zwar sicher, aber doch relativ fest, um nicht zu sagen: hart. Da die Isomatte wirklich nur isoliert, nicht aber federt, muss das dünne Gespann aus Schlafsack und Speck für ausreichend Nachtschlaf sorgen. Tut es auch. Als ich wach werde, ist bereits heller Tag, aber das ist er in dieser Jahreszeit schon früh. Gestern Abend habe ich beschlossen, jetzt endlich mal den Reifen des Hinterrades zu wechseln; denn der ist nun – wie natürlich auch der vordere – seit Reiseantritt ca. 2000 Kilometer gefahren und sieht wirklich nicht mehr sehr vertrauenswürdig aus. Die erste Textilschicht ist bereits an vielen Stellen durchgewetzt, die zweite schon sichtbar. Wie dick der Rest ist, kann ich nur schätzen. Ich schätze ihn wechselreif ein. Wozu schleppe ich schließlich schon die ganze Zeit einen Ersatz mit mir herum? Den will ich schließlich zum Schluss nicht wieder mit nach Hause nehmen. Ich weiß noch – auf meiner Großbritannientour 1995 war ich noch nicht so erfahren mit der Lebensdauer der Reifen vorn und hinten, und als das Profil auf dem Hinterrad verschwunden war, glaubte ich, schleunigst für Ersatz sorgen zu müssen. Im schottischen Inverness kaufte ich mir deshalb einen Ersatz. Er war weder billig noch besonders gut noch so direkt von der Form, wie ich das für zweckmäßig hielt. Aber er passte, und das schien mir fürs Weiterfahren notwendig. Und was war das Ende vom Lied? Tag für Tag war ich zu faul, den Reifen zu wechseln, und auf diese Weise erreichte ich schließlich wieder Deutschland, kam in München an, fuhr sogar noch einmal nach Österreich auf der Großglockner-Hochalpenstraße einmal ’nüber und ’rüber, und erst als diese Fahrt vorbei war, wechselte ich den Reifen. Diesen Ersatz hätte ich natürlich auch zu Hause kaufen können und nicht von Schottland nach Bayern zu schleppen brauchen. Aber so ist das mit der Vorratshaltung: Sie ist manchmal auch mit ein wenig mehr Mühe verbunden.

Also ziehe ich mich an, um den Frühaufstehern kein anstößiges Bild zuzumuten, rolle die Utensilien und Zeugnisse meiner Übernachtung zusammen, genehmige mir ein gepflegtes Frühstück – Reifen wechseln ist anstrengend – und verfolge dabei, wie das Tal allmählich in Sonnenlicht getaucht wird. Die Sonne ist im Nordosten aufgegangen, und leuchtet das von Ost nach West verlaufende Tal erst allmählich aus. Von meinem Nordhang aus blicke ich auf die bereits helle Südseite, die ihrerseits in mehrere Seitentäler zerfällt. Die dazwischen liegenden Rücken sind bewaldet, in den Tälern ist Wiese. Das sieht alles klein und fein aus. Mit solchen Betrachtungen beende ich das Frühstück und krame das Werkzeug heraus. Der Reifenwechsel ist reine Routine. Ich muss noch die Bremsen neu einstellen, da bei der Gelegenheit die Kette etwas gespannt wird, und dann kann’s losgehen. Derweil ist hier und da jemand aus den Häusern getreten. Die Menschen gehen ihren Geschäften nach, aber insgesamt hat sich wenig gerührt. Und von mir hat überhaupt niemand Notiz genommen. Nun, ich brauche ja auch keine Hilfe, da ist es mir fast lieber, es kümmert sich niemand um mich. Es könnten Leute kommen, die es nicht gut finden, dass die Straße zur Werkstatt gemacht wird. Es könnten andere kommen, die einfach einen Smalltalk mit mir führen wollen und mich mit meinen Französischkenntnissen in Verlegenheit bringen würden – wobei… das wäre ja vielleicht noch lehrreich. Will ich aber möglichst schnell in Gang kommen, dann ist es so am besten. Ja, Postkarten muss ich noch schreiben. Ich sende ein Lebenszeichen an Kerstin (und Authari natürlich) und eines an Johanna.

Na, und dann wäre da noch das Châlet. Gestern hatte ich ja kein Glück mehr mit dem Weg dorthin. Alles fix und fertig für die Reise rolle ich nun langsam durch die Gassen, um heute noch einmal einen Versuch zu unternehmen. Und er gelingt. Bald fahre ich durch eine geöffnete Pforte auf das alte Bauwerk zu. Überall weisen Schilder auf Privateigentum hin, aber solange mir kein solcherart gekennzeichnetes Tor den Weg versperrt oder der Weg selbst mit entsprechenden Hinweisen versehen ist, lasse ich mich nicht verschrecken. Das Châlet besteht im Wesentlichen aus vier wuchtigen, runden, hohen Türmen, die weitgehend fensterlos sind. Diese Türme sind im Rechteck angeordnet und bilden die Eckpunkte eines Gebäudes, dessen eigene Grundfläche vielleicht doppelt so groß ist wie die eines dieser Türme. Auch das Gebäude selbst enthält kaum Fenster. Es muss ein Gaudi gewesen sein, darin zu wohnen. Wahrscheinlich war es zudem schlecht geheizt, und Aufzüge hatten sie damals wohl auch keine. Eine lose Gruppe älterer Herrschaften bewegt sich zielstrebig auf den Eingang zu. Ich stelle einfach mal das Fahrrad ab und schließe mich ihnen an. Keiner stellt eine Frage, keiner dreht sich um. Ist mir recht. Auf diese Weise gelange ich zwischen zweien der vier Türme durch eine Tür ins Innere, und dort herrscht bei gedämpftem Licht eine Museumsatmosphäre. In der Mitte des Raums wird kassiert. Bezahlt wird mit Scheinen. Will ich mir das wirklich ansehen? Die Frage beantwortet der Chef selbst. Mit scharfem Blick hat er erkannt, dass ich zu einer anderen Altersgruppe gehöre als seine übrige Klientel, und deshalb erwachsen ihm Zweifel daran, dass ich hier richtig bin. Kurz darauf finde ich mich zu einer Tür komplimentiert, und schon stehe ich draußen. Hoppla, das ging ja schnell. Aber wer weiß denn, welche Privatrechte ich drinnen verletzt hatte. Vielleicht kann ich noch froh sein über meine Behandlung. Und im Grunde reicht mir mein Eindruck auch. Ich mache noch eine oder zwei Aufnahmen von außen, und da ich jetzt mitreden kann, wenn es mal um Anjony und sein Châlet gehen sollte, breche ich nun endgültig auf. Zeit wird’s auch. Ich habe heute eine sehr facettenreiche Tour vor mir und will sehen, wie weit ich dabei komme.

Zunächst muss ich die D922 nach Aurillac erreichen, und die Strecke dorthin verläuft im Tal oder sagen wir mal: zwischen den beiden Kämmen, die das Tal begrenzen. Völlig eben und neben dem Bach, der in der Sohle vor sich hin plätschert, verläuft die Straße naturgemäß nicht. Ein paar Mühen hat der Herr vor die Erreichung selbst ganz leicht erscheinender Ziele gestellt. Meine größte Mühe ist nach wenigen Minuten, irgendwo ein dunkles Gebüsch zu finden. Auf diesen Reisen ist das schlimm: Du ahnst nichts Böses, und plötzlich ist es ganz dringend. Sollte kreislaufmäßig wirklich alles so beschleunigt ablaufen? Wo bleibt da die Frühwarnzeit?

Na ja. Schließlich und endlich bin ich auf der Hauptstraße, und von hier an wird’s zur Strecke. Die Straße ist keiner Erwähnung wert und testet mich mit kleinen Erhebungen und Senken. Aus dem Massiv der Monts du Cantal, die gestern die drei Pässe geformt hatten, senken sich mehrere Täler wie das von Anjony nach Westen, und wenn sie sich in 30 Kilometern Entfernung auch schon wesentlich geglättet haben mögen, so bleibt’s doch wellig, und wenn’s das nicht wäre, bräche schlicht die Langeweile aus. In einem Dorf statte ich dem örtlichen Supermarkt einen Besuch ab, und danach bin ich wieder drei Kilo schwerer und fühle mich für den Tag weitgehend versorgt.

Aurillac ist schon eine Stadt mit Größe. Sie hat eine Ringstraße, die den Stadtkern von Südwesten her halb umkreist, wobei die Bebauung jenseits dieser Straße keineswegs endet. Eine richtige Umgehung ist dies also nicht, aber eine andere gibt es nicht. Da ich nichts Besonderes von dieser Stadt weiß, nehme ich die Magistrale, und dasselbe oder anderes denken sich wahrscheinlich auch all die Kraftfahrer, die hier noch unterwegs sind. Es ist, auf Deutsch gesagt, was los. Und es ist gar nicht so einfach, die richtige Ausfahrt zu finden. Dies ist die D920, und rasend interessant ist auch die nicht. Die Täler südlich von Aurillac, also zwischen den Flüssen Cère und Truyère, sind ebenfalls flach, jedenfalls suggeriert dies der Verlauf der Straße. Die Abfahrten und Anstiege sind flach und langgezogen, und das merke ich naturgemäß vor allem während des jeweils nächsten Anstiegs. Der Blick auf die Karte lehrt mich allerdings, dass es effektiv, also quasi über alle Täler gemittelt, in die Berge geht. Na, das ist mir ja ein Trost. Ich dachte schon, ich mache schlapp. Der Atlas informiert mich allerdings auch darüber, dass all dies auf den letzten zehn Kilometern vor der Truyère praktisch wieder den Bach hinunter geht. Das kann also eine lauschige Abfahrt werden. Es könnte. Wenn da nicht Bauarbeiten wären und die Straße bald klebt, bald dick mit Splitt überzogen ist. Wie bauen die hier nur Straßen? Ich erinnere mich an die Werbung für Brooks-Sättel. Da heißt es: Den finishing touch müssen sie ihm schon selbst geben. Das heißt bei dem Ledermöbel: Fahr ihn 500 Kilometer lang ein, dann passt er Dir. Und hier scheint es zu heißen: Lass 5000 Autos darüber fahren, dann ist der Splitt hinterher dort, wo es vorher klebte, und alles ist in schönster Ordnung und festgefahren. Weiter unten auf der extrem breiten Straße steigt die Qualität dann allerdings deutlich an, und es fährt sich wieder sehr gut, was gerade bei kurvigen Talfahrten sehr schön ist. Leider besteht der Zweck der Bauarbeiten in einer extremen Verbreiterung der Straße – sie könnte glatt vierspurig markiert werden –, was natürlich mit massiven Wühlereien in Feld und Wald verbunden ist, und die Wunde wird, vom laufenden Verkehr einmal abgesehen, sicherlich einige Jahre brauchen, bis sie einigermaßen verheilt ist.

Auf diese Weise erreiche ich in rasantem Tempo den Ort Entraygues. Er liegt an der Truyère, und es ist gar nicht so einfach festzustellen, ob das hier gerade mal ein kleines Stückchen Fluss ist oder ein Stausee. E.D.F. hat nichts dem Zufall überlassen, wie ich vor allem der Karte entnehmen kann. Das Wasser wird schon seit vielen Jahren zur Energiegewinnung genutzt. – Ich könnte jetzt hier den Fluss überqueren, da die Straße auf der anderen Seite das Tal wieder verlässt… – wenn ich wollte und wenn da eine Brücke wäre. Komischerweise aber führt die Straße erst einen Kilometer stromaufwärts (und auf der anderen Seite entsprechend zurück), und dann dürfen nur diejenigen über den Fluss, die nicht zu breit und wirklich nicht zu schwer sind. Dort überquert eine angeblich gotische und wirklich ziemlich alt aussehende Brücke das Wasser, und in der Mitte gibt’s sogar noch einen richtigen Knick, damit die Statik stimmt und es keinen Knack gibt; man fährt also bis zur Flussmitte hinauf und dann wieder herab. Ich schaue mir die ganze Sache von meiner Seite aus an und mache ein Foto, aber hinüber will ich ja nicht, und ob das Kopfsteinpflaster ein so erhebendes Gefühl vermittelt, bezweifle ich eher. Also bleibe ich erst mal hier. An der nächsten Brücke (die für den Fernverkehr weitgehend ohne Einschränkungen benutzbar ist) fällt mir dann aber doch ein, dass ich hinüber muss, und nun kann ich mir die gotische Brücke noch einmal aus der Ferne und sozusagen im Profil ansehen.

Solange ich im Tal bleibe, ist alles okay. Links ist der Fluss, dahinter und rechts die Berge. Und die sind nicht von schlechten Eltern. Wenn ich hier wieder heraus muss – und ich muss! – dann wird das ein anständiges Stück Arbeit, zumal bei der Hitze, die sich jetzt eingestellt hat. Vergessen ist der Regen von gestern, Thema ist der Schweiß von heute. Und es dauert auch gar nicht lange, da kommt der Abzweig und die Auffahrt nach St. Amans. Und hier wird mal wieder gebaut, und das bedeutet Splitt auf der Straße. Aber ich lasse mich nicht irre machen. Gut gefrühstückt und mit einigen Happen zwischendurch fühle ich mich recht fit und nehme die Arbeit in Angriff. Und es lässt sich gut an – die Landschaft gefällt mir. Trotzdem zieht es sich hin. Kurz vor Erreichen von St. Amans komme ich an einer Weide vorbei. Da fällt mir eine ganz clevere Kuh auf: Auf drei Beinen stehend, etwas verrenkt also, melkt sie sich gleich selbst. Na, wenn das mal Schule macht…

Kurz darauf geht’s wieder zu Tal. Die Abfahrt ist nicht ganz so tief wie vorher die Auffahrt, denn dazwischen liegt eine Staustufe. Wie hoch sie ist, kann ich zwar nicht sagen, aber unter ein paar Metern lohnt es sich wohl nicht. Bevor allerdings der Fluss wieder erreicht ist, biege ich rechts ab und begleite das Wasser einige Kilometer in unmittelbarer Nähe. Auch hier ist die Truyère gestaut, bewegt sich also träge und führt sicherlich viel weniger Wasser, als es den Anschein hat. Dann allerdings fahre ich über eine Brücke und habe nun am anderen Ufer eine beachtliche Auffahrt vor mir. Hinter mir hat sich ein Gewitter zusammengebraut, und das ist mir eine ganz unsympathische Mischung: Regen und Gewitter und den Berg hinauf – das ist anstrengend und unangenehm und zudem gefährlich. In einer offenen Garage stelle ich mich unter, um den Gang der Dinge bis zu einer gewissen Beruhigung abzuwarten. Derweil studiere ich die Karte. Ja: dass es steil werden würde, hätte ich bei genauerem Studium meiner Unterlagen schon wissen können. Michelin hat zwei Pfeile spendiert, und die sind hier sicherlich korrekt. Man darf aber keinen Sehfehler haben, wenn man sich diese Kartenseite anschaut.

Die Auffahrt schlängelt sich zwischen Hochspannungsmasten hindurch. Unten im Tal befindet sich ein Wasserkraftwerk, wenngleich mir nicht ganz klar ist, aus welchem Fluss es gespeist wird. Anscheinend führen unterirdisch Rohre den Hang hinab, aber das ist alles verdeckt und ihre Herkunft natürlich auch. Da hätten sie eigentlich auch die elektrischen Leitungen verbuddeln können. Eine Zierde für das Tal ist dieses Gewirr nicht gerade. Aber vermutlich scheiden sich daran auch die Geister.

Weiter geht’s. Und leichter wird es noch lange nicht. Erst als ich das unzerschnittene Hügelland außerhalb des Flusstals erreiche und oben auf Höhe eines Umspannwerks bin, wird es deutlich flacher. Auch das Wetter hat sich inzwischen wieder beruhigt. Allerdings ist auch der Tag fortgeschritten. Ich erreiche nach einigen Minuten die D900, eine Straße, die erneut die Truyère kreuzt. Zwar will ich nicht schon wieder auf die andere Seite, aber meine Reiseroute sieht vor, nun auf der nordwestlichen Seite des Flusses bzw. seiner Stauseen ein ganzes Stückchen weiterzukommen. Es geht also wieder hinab. Im regennassen Wald, unter Wolken verhangenem Himmel, auf rauem Asphalt geht es Kurve um Kurve ins Tal. Das wäre alles ganz schön, wäre da nicht so ein vages Gefühl der Unsicherheit, ob das wohl der richtige Weg ist. Also, es ist ganz ohne Zweifel der Weg, den mir meine Route vorschreibt, aber der Abzweig unten vor dem Fluss sieht doch sehr schmal aus… Aber welcher Weg ist schon zu schmal für ein Fahrrad? Die Karte hat nur überhaupt kein Detail dem Umstand gewidmet, dass an der Staumauer zwei Straßen auf doch wahrscheinlich recht unterschiedlichem Niveau zusammentreffen: Eine oben und eine unten. Da würde es unter normalen Umständen doch eine Serpentine geben – oder mehrere…

Na, und noch ehe viel Zeit verstrichen ist – Abfahrten dauern nie sehr lange –, erreiche ich links einen Abzweig. Privatstraße, steht da, E.D.F. So so, das ist dann wohl nicht der richtige. Mein Wunschpfad muss also noch kommen. Was aber als Nächstes kommt, ist die Brücke über die Truyère. Also, so hatten wir nicht gewettet. Es gibt weder auf der Südostseite eine Straße entlang des Flusses noch auf der Nordwestseite eine zweite. Ich will doch lieber noch einmal genau nachsehen. Zurück! Allein – der einzige Weg bleibt die Privatstraße der E.D.F. Was mein Recht betrifft, diese Straße zu benutzen, so fehlt wahrhaftig nicht viel an meiner Gewissheit, dass ein solches Recht nicht besteht. Die Alternativen? Wieder zurück, hoch hinauf in die Berge, und zwar eine von beiden Seiten des Flusses. Die »Hochufer« unterscheiden sich kaum in ihren konditionellen Anforderungen. Es würde eine gediegene Arbeit werden. Ich weiß ja, wo ich eben noch heruntergefahren bin.

Kurz entschlossen biege ich auf den mehr oder weniger verbotenen Pfad ab. Die Straße wirkt tatsächlich sehr privat: Sie ist schmal, und die Bemühungen der Vegetation, auf dem Asphalt verlorenes Terrain zurückzugewinnen, scheinen von einem gewissen Erfolg gekrönt zu sein. Hier fährt selten mal jemand lang. Na, da habe ich ja Chancen, dass mir niemand begegnet.

Das Tal, in dem die Straße verläuft, wird immer schmaler. Dann zweigt noch ein Seitental ab, und hier kann man dann langsam eine Vorstellung davon gewinnen, wie breit die Truyère tatsächlich ist, wie hoch ihr Wasserstand ist, d.h., wie viel Wasser da pro Sekunde fließt; denn hier ist sie ungestaut. Keine Kunst, es folgt ja auch bald der Damm oder die Mauer. Ich überlege, was ich tun werde, wenn die Straße an der Mauer enden sollte. Durchs Gebüsch? Irgendwelche Treppen benutzen? Werksgelände betreten, d.h., richtig eingezäuntes Territorium? Abwarten, das kann man ja alles noch vor Ort klären. Vielleicht ist die ganze Unruhe umsonst.

So geht es drei Kilometer, und nach zehn Minuten ist alles klar: Dies ist der Punkt of return, nichts anderes. Die Mauer ist mindestens 20 Meter hoch, leicht auch 30 oder 40. Die 100 Meter davor sind kompromisslos und ohne eine Andeutung einladender Details eingezäunt und versperrt, und die Hänge des Tals sind selbst für Kletterer ohne Gepäck eine Herausforderung. Für Radfahrer mit Gepäck stellt sich im Grunde nur eine Frage: Wie viel Zeit habe ich durch dieses Wagnis, durch diese blöde Planung oder durch diese schwachsinnige Darstellung der Straße auf einer Karte verloren? Ich schiebe es natürlich wieder auf den Verlag. Was hat eine Privatstraße auf einer Karte verloren, wenn die ja doch niemand außer dem Eigentümer befahren darf? Und warum ist, wenn man diese Frage schon mit einer grundsätzlichen Forderung der Vollständigkeit beantworten mag, keine Lücke zwischen der Ober- und Unterseite des Damms geblieben? Die 100 Meter eingezäuntes Terrain hätten eine Lücke von 0,5mm ergeben. Details dieser Größe sind auf der Karte durchaus signifikant. Man hat der Einfachheit halber durchgezeichnet. Und ich stehe jetzt inmitten dieser tollen Landschaft auf verbotenem Grund wie ein Depp und muss mir auch noch sagen (lassen – es kommt aber keiner): Was hatteste hier überhaupt zu suchen?

Also wieder zurück! Dieser Misserfolg ist lähmend. Bloß gut, dass es auf den ersten drei Kilometern nicht bergan geht. Danach bewege ich mich wieder legal, aber der Gedanke an die Alternative über die andere Seite des Flusses (die habe ich immerhin noch nicht gesehen) kommt mir gar nicht. Zurück halt! Bei der Auffahrt kann ich immerhin die Landschaft etwas genauer in Augenschein nehmen. Und die Kräfte kommen bald wieder. Nach sechs sind sowieso die größten Leistungen drin, wie es scheint. Und glücklicherweise ist die Straße nach oben genauso flach wie nach unten. Ich muss mir jetzt nur Gedanken machen, wie ich nun die Mauerkrone erreiche, ob ich sie überhaupt erreichen will (um mir etwa den Ort meiner Schmach noch einmal von oben anzuschauen), damit der Route Genüge getan wird, oder ob ich jetzt einfach die günstigste Stelle für den Abzweig zu irgendeinem Punkt oberhalb der Mauer suchen sollte. Und als es dann nach längerer Zeit zum ersten Mal wieder rechts ab geht, denke ich nicht lange nach, sondern folge ihm. Jetzt kann ich mich sogar wieder an der Sonne orientieren.

Der neue Weg, der neue Abzweig ist noch schmaler als der Abzweig zur E.D.F. Das mindert seinen Wert nicht – für mich jedenfalls nicht und solange kein weiterer Verkehrsteilnehmer auftaucht. Freilich, wenn ein Auto auftaucht, ist bereits ein Ausweichmanöver fällig, aber das passiert auf den drei folgenden Kilometern nur einmal. Wäre da nicht dieser Ärger, dann wäre das eine richtig schöne Strecke, und wäre es etwas flacher oder einfach eben, dann könnte ich mich sogar entspannen. Aber so muss ich mich erst mal vom gerade Erlebten distanzieren.

Eine halbe Stunde später geht es bereits wieder bergab, mit der Korrektur des falschen Weges bin ich fertig. Die Dämmerung hat nun auch eingesetzt; es wird Zeit, dass ich mir Gedanken über die Übernachtung mache – ein bei dieser unsicheren Witterung nicht unwesentlicher Tagesordnungspunkt. Da wird rechter Hand ein Stück Land im See sichtbar, so etwas wie eine Halbinsel in den gestauten Fluten. Langsam komme ich näher, und dort stehen auch ein paar Häuser. Nirgends ist jedoch Licht. Es könnte also sein, dass in diesem so entlegen scheinenden Winkel dieser Welt ein Fleckchen für mich frei wäre. Auf einer Schussfahrt geht es von halber Höhe hinab. Ein paar Ferienhäuschen vor der Halbinsel sind eingezäunt – da ist also nichts zu machen –, und dann mache ich mich an die Erkundung des Objekts meiner Neugierde. Das ist wirklich idyllisch: Eine Straße führt über die Landzunge zu dem kleinen Hügel, auf dem eine Handvoll Häuser verstreut sind. Sollte hier mal die Sonne brennen, werden sie keine Not leiden. Riesige Bäume beschatten Teile des Areals. Wer mag, kann in der Kühle bleiben. Ob er damit gleichzeitig die Mücken auf dem Hals hat, ist nicht klar. Für die sollte es hier eigentlich noch zu früh sein, aber es gibt Mücken, die tauen gleichsam aus dem Eis, und davon gibt’s hier keines. Sie könnten also schon präsent sein und mich heute Nacht ärgern.

Drei der Gebäude sind eine Baustelle – höchstens eine Baustelle. Zumindest sind sie baufällig und nicht bewohnbar. Zwei sehen dagegen sehr bewohnt aus, und wenn es auch nirgends ein Lebenszeichen gibt, so steht da doch ein Auto, also kehre ich hier lieber gleich wieder um, bevor mich jemand ungebeten findet. Das am höchsten gelegene Haus hat es mir angetan. Es ist aber alles verriegelt und verrammelt. Und es sind deutliche Spuren von Bauarbeiten zu erkennen. Ganz oben auf dem Hügel steht sogar noch eine kleine Kirche, aber die hat nicht mal Fenster, geschweige denn eine geöffnete Tür. Zurück zum Haus! Ah, auf der Nordostseite steht eine riesige Lärche, und unter ihr so etwas wie eine Veranda. Der Bretterboden dieses Holzbauwerks ist teilweise löchrig, teilweise mit Nadeln bedeckt. Aber das kann man ja ändern. Oder lässt es so und begreift es als Gratis-Federung. Ich beschließe jedenfalls, hier mein Lager aufzuschlagen, trage die Isomatte und den Schlafsack hinein und bette mich zur Ruhe. Auf alle Fälle habe ich schon schlechter gelegen. Dies sollte eine gute Nacht werden.

2. Juni 2. Juni4. Juni 4. Juni