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1. Juni 1. Juni3. Juni 3. Juni

2. Juni

le Mont-Dore – D983 (um die Dordogne in Richtung Quelle) – le Mont-Dore – D36 – Col de la Croix Saint Robert – Besse-en-Chandesse – D978xD678 – Condat – Riom-es–Montagnes – D3xD62 – Col de Serre – D680 – Pas de Peyrol – Saint Julien-de-Jordanne – D17xD46xD35xD60 – Anjony (146 km)

Der Tag beginnt mit einer Rundfahrt. Jedenfalls ist es so geplant. Ich will zum Quellsee der Dordogne fahren. Zwar ist der Weg dorthin oder vielmehr die Straße an ihm entlang mit einem Doppelpfeil gekennzeichnet, aber da es eine Rundfahrt wird, kann ich große Teile des Gepäcks irgendwo deponieren, und dann wird’s schon gehen. Komisch ist allerdings, dass eine Straße um einen See so steil ist, aber wenn ich an die schottischen Küstenstraßen zurückdenke, von denen ich glücklicherweise – oder leider? – kaum eine fahren musste, weil die Straßen begradigt und dann durch das auch sehr schöne Landesinnere führten und nebenbei nun nicht mehr das Neunfache der Luftlinie an Länge hatten, sondern nur noch das Dreifache…, wenn ich also an diese Straßen denke, die ja auch nur neben dem immer ziemlich ebenen Meer entlang führten und die dabei doch unfeierliche Steigungen aufwiesen, weil die Natur das so vormachte und die ersten Reisenden keine Möglichkeiten hatten, der Natur ihren Willen aufzuzwingen oder abzubaggern – wie man’s nimmt –, dann: Ist das hier auch möglich. Hinter einer Mauer verstecke ich meinen Kram und hoffe, dass mich dabei niemand beobachtet. Fotoapparat mitnehmen! Solche Seen sind meist sehr fotogen.

Wenn er denn nur käme. Ich fahre die Straße hinauf, und sie wird immer breiter, und so, wie ich das Tal vor mir sehe, geht es in Fahrtrichtung immer weiter hinauf, ohne dass mal eine abflusssichere Ebene käme. Aber wenn man von unten kommt, sieht man das natürlich nicht, kann es nur vermuten, wenn etwa eine Anhöhe den weiteren Blick auf die Talsohle versperrt. Allein – so etwas ist auch nicht in Sicht. Na ja. Wir werden’s ja sehen.

Im Grunde ist mir völlig schleierhaft, warum die Straße hier so breit angelegt ist. Das ist doch effektiv eine Sackgasse, auch wenn die Rückfahrt auf einer anderen Strecke verlaufen mag. Beide müssen jedenfalls in diesem Tal verlaufen. – Links und rechts stehen ab und zu Appartements oder Hotels. Wintersport, ganz klar. Das ist es, wovon hier die Menschen leben, und davon lassen sie sich zur Not auch ein bisschen ihre Täler und Hänge verschandeln; denn bei den Hotels ist es offensichtlich, und die Wiesen am Rand des Tals können es auch nicht leugnen: Das ist keine beschauliche Idylle. Die Gästehäuser sind nach dem Geschmack der frühen 70er gebaut worden und mögen dazumal als schick empfunden worden sein. Jetzt stehen sie zum Verkauf. Und die Skilifte machen sich im Frühsommer einfach nicht malerisch auf der Alm, die für eine Alm im Grunde viel zu ramponiert aussieht. So, und nun steht auch fest, dass das mit dem See eine schlaffe Legende war. Wie bin ich eigentlich auf die Idee mit dem See gekommen? Ich studiere noch einmal genau die Karte. Und da wird es sichtbar: Der Fluss und seine Beschriftung, beide in blau gehalten, füllen die Rundstrecke so gut aus, dass man meinen könnte, auch der Hintergrund sei blau. Der ist aber grau, und darum ist hier kein See, nicht mal eine Pfütze – nur eine Jugendherberge. Da hätte ich ja dann auch übernachten können. Aber erstens wäre es sehr spät geworden und zweitens mit vollem Gepäck ziemlich anstrengend. Das war also eine Chance, die nicht weiter beklagt werden sollte.

Auf der Westseite des Tals, nunmehr unter der Morgensonne, geht es dann viel beschaulicher wieder ins Tal. Ich komme an einigen Höfen vorbei, und die Hunde kläffen mich an, als hätte ich etwas verbrochen. Ob Herrchen sich um diese Zeit wohl schon über das Wecken freut? Mir ist es egal. Ich sehe jetzt zu, dass ich mein Gepäck wieder an Bord habe – dann kann es mir keiner mehr wegnehmen. Als ich bei dieser Gelegenheit mein erstes Foto machen will, stelle ich fest, dass der Film voll ist. Na, da kann ich ja richtig froh sein, dass da oben kein See war. Das wäre vielleicht ein schöner Frust gewesen: Kamera hochgeschleppt und vor dem Schloss-Neuschwanstein-Motiv nicht zu gebrauchen.

Jetzt geht es in die Berge, aber richtig! Zwar liegt das Tal selbst auch noch ziemlich hoch über dem Meeresspiegel, aber der nächste Pass soll eine Höhe von 1450 Metern haben. Es steht außer Frage, dass davor ein paar Meter zu erklimmen sind. Und ich sollte denjenigen Weg dorthin nehmen, der meinem jetzigen Standpunkt am nächsten ist, also möglichst gar nicht erst wieder in die Stadt hineinführt. Ganz lässt sich das dann aber doch nicht vermeiden, weil so viele Wege schließlich nicht in die Berge führen. Es bleibt letztlich nur einer. Aber so, wie der ist, mag ich sie. Es ist kühl am Morgen – wie der Himmel aussieht, ist im Prinzip noch jedes Wetter möglich –, und schon nach noch nicht mal 100 Metern habe ich den ersten Blick auf die Stadt. Noch nicht sehr übersichtlich natürlich, gerade mal auf einige Häuser kann ich bereits herabschauen und das eigentlich auch nur, weil der Beginn der Auffahrt noch über dem Stadtzentrum liegt. Aber je weiter ich komme, desto mehr kann ich sehen, desto mehr schaue ich von oben auf die Stadt im Tal, und im selben Maße gelangen die Dinge ins Blickfeld, die hinter oder vielmehr: auf der anderen Seite über der Stadt liegen: Lifte, Wiesen, Wälder, die Hänge des Tals, in das ich heute morgen hinaufgefahren bin.

Nach zwei Kilometern kommt eine Kehre, und von da an geht der Blick ins Tal ziemlich verloren. Ich sehe, dass ich noch längst nicht oben bin; denn vor mir liegt noch immer der Berg, seine Spitze sogar in den Wolken oder im Nebel. Von der Höhe kann er locker mit Puy de Dôme mithalten, allerdings führt auch keine Straße zum Gipfel. Vielleicht ist dies einer der Gipfel, die ich von der Spitze des ehemaligen Vulkans gesehen hatte.

Es bleibt kühl. Mir soll es recht sein. Und erfreulicherweise wird die Auffahrt auch nicht steiler, so dass es sich für den fortgeschrittenen Morgen ausgezeichnet anlässt. Die Straße führt über Wiesen, die zum Tal hin erst leicht abfallen und dann, nach einer Kante, steil in die Tiefe stürzen. In einem Seitental, das überhaupt erst das Erreichen dieser Kante von unten ermöglicht, erblicke ich Wanderer, die vielleicht auf dem Weg zum Gipfel sind. Eine große Gruppe, junge Leute, verteilt über ca. 100 Meter… Es gibt ja immer welche, die die ersten sein wollen, und meist auch welche, die eigentlich gar keine Lust haben und deshalb die Nachhut bilden. Die bunte Kleidung bildet einen interessanten Kontrast zum Rundum-Grün der Wiesen und Waldflecke und zum Grau der Felsen und Wolken. Unsere Wege werden sich wahrscheinlich nicht kreuzen. Auf dem Fahrrad bin ich noch immer schneller als sie, auch wenn es bergauf geht. Außerdem haben auch sie kleines Gepäck dabei. Muss schon sein, wenn es auf einen Gipfel geht. Da braucht man ein bisschen Wegzehrung – auch ohne so viel Packzeug wie ich.

Der Pass liegt mit dem Puy de Dôme etwa auf einer Höhe. Es ist ein breiter Sattelpass, fast nicht als solcher erkennbar, weil er auf beiden Seiten so flach abfällt. Aber zu merken ist es doch, dass das Treten wesentlich leichter geht. Zu beiden Seiten liegen die Bergspitzen im Nebel. Vor mir bricht dann auch mal die Sonne durch, und die Abfahrt macht einen sehr übersichtlichen Eindruck. Da steht kein Baum, kein Strauch – nur die Straße, und die ist jetzt sogar breiter und neu ausgebaut, also von hervorragender Qualität, was nach einem Straßenneubau in Frankreich nicht selbstverständlich ist, wie ich inzwischen gelernt habe: Es gibt Arbeiter, die wissen, wie man so etwas macht, und dann gibt es welche, die sich eher auf den Bitumenkutscher spezialisiert zu haben scheinen. Die Abfahrt ist nicht nur übersichtlich, sondern sehr kurvig und flach. Da kann ich mich bei anständigem Tempo mal so richtig in die Kurven legen, soweit das die Reifen bei dieser Belastung mitmachen, ohne seitlich auszubüchsen. Man muss es ja nicht übertreiben.

Vor mir liegt jetzt ein tief eingeschnittenes Tal, und auf der anderen Seite ist die Fortsetzung »meiner« Straße zu sehen. Da ist doch die Frage, wie der Weg hinüber gezogen ist. Und es stellt sich heraus, dass ich einen langen Umweg machen muss, dafür allerdings auch nicht viel an Höhe verliere. Der Weg führt weit nach rechts, fast parallel zur Talsohle. Das Tal fällt nach links deutlich ab, so dass mein Weg weniger tief hinabführt, als wäre die Straße in Serpentinen sofort nach unten und auf der anderen Seite wieder hinaufgezogen worden. Am Wendepunkt, als es scharf nach links und wieder hinaufgeht, verfolgt mein Blick den Oberlauf des Tals. Das sieht gar nicht so gut aus. Ein dunkler Nebel verhüllt den Fortgang. Ich muss da zwar nicht hinein, und es führt auch nur eine schmale Straße in die undurchsichtige Richtung, aber in wenigen Kilometern wird dies meine Richtung sein, und dann interessiert mich natürlich letztlich doch, welches Wetter dort auf mich wartet. Denn dunkel ist der Nebel nur, weil über ihm dunkle Wolken stehen.

Als ich wieder dem Pass gegenüberstehe und nun von der zur ursprünglichen entgegengesetzten Richtung über das Tal blicke, stehe ich wieder auf einem relativ hohen Punkt. Und wie ich da so stehe und etwas esse, beginnt es zu regnen. Das sind nun die weniger erfreulichen Varianten einer Fahrt, aber es trippelt erst mal nur so ein bisschen. Und weil meine Jacke so wärmt und nach dem Regen so lange braucht, bis sie wieder einigermaßen getrocknet ist, zögere ich, sie gleich überzuziehen, fahre aber erst mal weiter, weil ich denke, dass ich im nächsten Ort mich immer noch unterstellen kann. Allerdings ist Besse noch ein paar Kilometer entfernt.

Kurz, nachdem ich solcherart sozusagen die Flucht nach vorn angetreten habe, beginnt erneut die Abfahrt, und das stimmt mich zuversichtlich, noch mit einigermaßen trockenem Tuch ein Dach zu erreichen. Der Regen wird indes immer stärker und ehe ich’s mich versehe, schwimme ich durch einen Gewitterguss vom allerfeinsten. Da kommt alles zusammen, was ich nicht mag: Blitz und Donner im Wald in einer Hochlage – gefährlicher ginge es eigentlich nur noch am Pass. Eiskaltes Wasser und Graupel praktisch auf die nackte Haut; denn mein Hemd ist sofort durch und vermag nicht die Spur zu isolieren oder abzuhalten. Mir ist dramatisch kalt. Zu guter Letzt ist es nicht einfach ein stärker gewordener Regen – nein, es gießt wie aus Kannen, und das mag zwar den Vorteil haben, dass es bald wieder vorüber ist, aber wenn mir das im tiefen Tal mit angezogener Jacke passiert wäre, hätte ich es mit deutlich mehr Gelassenheit getragen. Jetzt nehme ich mir nicht einmal die Zeit, nun doch abzusteigen, denn während ich in den Gepäcktaschen nach der Jacke wühle, wird mir nur noch der Sattel nass, und das ist im Grunde das Einzige, was mir jetzt noch fehlt. Also Augen (fast) zu und durch.

Im nächsten Ort finde ich einen überdachten Brunnen oder Wasserhahn mit großem Bassin – wie man’s nimmt. Darunter regnet’s nicht, und darum mache ich dort halt, um einfach mal eine Bilanz der Überschwemmung zu erstellen. Die Landkarte hat nun auch ihre Wassertaufe erhalten. Zwar ist der Umschlag mit einer dünnen Plastikschicht versehen, aber wo die versehrt ist und an der ungeschützten Seite natürlich sowieso ist das Wasser eingedrungen, das vorher seinen Weg in die längst nicht mehr dichte Karstadt-Tüte gefunden hat. Die Jacke ziehe ich mir jetzt trotzdem an, weil alles andere nur einer Erkältung und womöglich Schlimmerem Vorschub leisten würde. Bald darauf hört wirklich der Regen auf, und tatsächlich bricht bis Besse sogar die Sonne wieder durch. Das gefällt mir gar nicht, denn es heißt sicherlich auch in Frankreich: »Scheint die Sonn’ aufs nasse Blatt, jib’s bald wieder wat.« Oder so ähnlich.

Ob der Sonnenschein nun das ideale Wetter für einen Einkauf ist, weiß ich nicht. Es ist aber ganz praktisch, mit den Schokoladentafeln, Puddings, dem Obst und all den anderen Dingen nicht gleichzeitig einen halben Liter »offenes« Wasser einzupacken. Insbesondere mein Werkzeug und meine Klamotten mögen es trocken, und all die Papiere, Adressverzeichnisse vertragen Wasser auch nur begrenzt.

Es ist jetzt später Vormittag, und im Grunde ist meine Entfernung vom Startpunkt noch lächerlich – in der Luftlinie jedenfalls. Also will ich hier nicht lange verweilen. Ich mache noch ein Foto von einem interessanten Haus (freistehend, ganz schmal und dabei relativ hoch, wäre vielleicht was für Clemens) und breche dann auf. Mein nächstes Ziel ist ein Kratersee. Ob das nun tatsächlich mal ein Vulkan war oder so etwas wie ein Eifel-Maar ist, sei mal dahingestellt. Mir ist jede Entstehung recht, wenn ich ihn nur zu sehen bekomme und dabei in irgendeiner Weise an die Fotos davon erinnert werde. Auf diesen Fotos sehen sie folgendermaßen aus: Eine pechschwarze Fläche (weil der See von keinem Windhauch in seiner Stille gestört wird, tief ist, und das Gestein darunter meist auch schwarz), umrandet von einem Wald oder zumindest einem Wäldchen, und zwar ringsherum. Optional kann noch ein gelbes Getreidefeld außerhalb des Feldes das Farbspektrum abrunden. Und natürlich wird das Ganze bei einer Sicht aufgenommen, die gegen unendlich geht – und von oben.

Als Realist stelle ich nicht so hohe Anforderungen, aber bei der Auffahrt zum Rand des Sees kommen mir immer mehr Zweifel daran, dass wenigstens bescheidene Erwartungen befriedigt werden. Die Sonne hat sich schon wieder verkrochen (man soll’s ja nicht beschreien, aber Erfahrungen lassen sich nicht so ohne weiteres verdrängen, und hier sind sie drauf und dran, sich wieder einmal zu bestätigen), und bis ich oben bin, ist ein Wind aufgezogen, der auf dem See eine regelrechte Brandung fabriziert. Wild schaukeln einige Boote hin und her. Auf der überdachten Terrasse warte ich den nächsten Schauer ab. Wer weiß, so sehen ihn vielleicht die wenigsten? Ist das nicht ein Wert an sich? muss es wohl, denn eine Alternative habe ich kaum, es sei denn, ich wollte mein Lager hier aufschlagen, vielleicht oben ein Zimmer mieten, gar noch einen Ballon, aber solange dieser Wind hier weht, wird der See nie im Leben schwarz. Was soll’s auch? Ich bin nicht wegen des Sees hierher gefahren; er liegt halt an der Strecke. Außerdem waren mir meine Chancen doch von vornherein ungefähr klar. Im mittelleichten Regen mache ich mich nach einer anständigen Pause wieder auf den Weg, und leider ist es nicht besonders kalt, so dass es mir unter der Jacke bald den Schweiß aus den Poren treibt. Man müsste für solche Gelegenheiten wirklich etwas anderes tragen. Nur: Welche Faser leistet, was ich erwarte?

Der Regen hört nach und nach auf. Die Temperatur bleibt so, und das ist mir recht. Die Strecke ist zwar schön, hochgelegen, aber nicht atemberaubend. So kann man reisen. Der Spaß hat erst in Condat ein Ende. Dort ist eine Baustelle, und ich verlasse die Hauptstraße, um durch den Ort meinen Weg zu finden. Und wie ich da so schön fahre, fliegt mir plötzlich ein mittlerer Hubschrauber ins rechte Auge. Verdammt, war das ein Riesenvieh! Und vermutlich macht es sich nicht das Geringste daraus, sondern fliegt einfach weiter. Mir fackelt derweil die Hälfte meines Augenlichts ab. Ich muss anhalten und erst mal warten, bis der Schmerz nachlässt. Brille, sage ich nur. Aber man trägt sie eben nicht immer, und im Zweifel schickt Murphy die Viecher während der Fünf-Minuten-Phase ohne Gläser. Meine Güte, so was habe ich ja noch nicht erlebt! Auch als der Schmerz langsam abklingt, fahre ich noch mit einer Hand auf dem Auge. Das war wirklich nicht lustig. Noch ein paar Mal so ein Ding, und ich kann beim Glaser anklopfen.

Die Straße verläuft nicht in der Ebene, sondern mal nach oben, mal nach unten – alles auf hohem Niveau. Ohne genaues Kartenstudium kann ich nicht mal sagen, ob die Flüsse mit mir fließen oder mir entgegenkommen. Irgendwann erreiche ich jedoch die D62, und sowohl der Blick in die Landschaft als auch in meinen Atlas verrät mir auf Anhieb: Es geht Flussaufwärts, und wenn diese Lappalie versickert ist, sprich: die Quellgegend erreicht ist, geht es erst so richtig zur Sache. Wenn ich mich einigermaßen anstrenge und von der Aussicht nicht entmutigen lasse, erreiche ich heute noch einen neuen (vorläufigen) Höhepunkt meiner diesjährigen Reise. Erst mal verdrießen mich jedoch die alten Dörfler der Gegend. Was haben die sich dabei gedacht, die Dörfer abwechselnd im Tal und am Berg zu gründen und schließlich eine Straße – oder damals wohl noch einen Weg – all die Siedlungen miteinander verbinden zu lassen? Es geht hinauf und hinab, und bevor ich den Fußpunkt meines Aufstiegs erreiche, darf ich bei schönstem Wetter vielleicht zehn Höhenmeter gewinnen und dafür ordentlich strampeln. Immerhin – das Wetter stimmt, und es wirkt auch etwas stabilisiert. Schließlich erreiche ich wieder die Ebene und in ihr das letzte Dorf. Ich habe links die Serpentinen der ersten Phase der Auffahrt vor mir, und vor mir türmt sich die Passhöhe auf. Sie hat eine beachtliche Höhe. Das ist eine Angelegenheit von mehreren Stunden. Mindestens zwei, würde ich sagen. Dann dürfte die Dämmerung langsam einsetzen, also ist es noch zu schaffen, denn nach unten geht’s meist schnell.

Auf geht’s. Und wieder einmal geht es gut nach oben, wird die Aussicht an jeder Kehre oder auch mal zwischendurch, wenn die Bäume etwas lichter werden, von mal zu mal immer besser, übersichtlicher quasi. So lasse ich es mir gefallen. Anstrengend ist es zwar, aber das haben Berge so an sich. Immer mal wieder fixiere ich bei diesen Betrachtungen die letzte Kurve in der Ebene, und mit der Zeit wird auch interessant und sichtbar, was es außerhalb des »Auf-und-ab-Tales« noch so für Landschaft gibt. Spätestens am ersten Pass – dem Ende der ersten Serpentinen – wird dahinter ein zweites Tal sichtbar, das im spitzen Winkel auf das Ende des ersten zuläuft, Schnittpunkt der gedachten Verlängerung dürfte der oberste Pass sein – oder der Puy Mary, der Berg zum Pass – das bleibt sich ungefähr gleich. Inzwischen sind wieder Wolken aufgezogen, aber sie lassen hin und wieder der Sonne einen Spalt nach unten frei, und dann gibt es Spots, wie man sie in diesen Breiten selten zu sehen bekommt. Die Beleuchtung erinnert mich an die Lofoten, wo ich dieses Licht jenseits des Polarkreises zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe. Allgemeine Düsterkeit, und ein kleiner Lichtstrahl macht zum Spektakel, was immer er in der Landschaft trifft, mag es normalerweise auch noch so banal sein. Und so geschieht es mit einem kleinen Waldstück im zweiten Tal. Nicht, dass es gleich aufglühte, aber vorübergehend geadelt wirkt es durch die wandernden Sonnenstrahlen, die ihm für Minuten den absoluten Vorrang gegenüber den vielen umgebenden Quadratkilometern geben. An einer anderen Stelle sehe ich die Fläche zwar nicht, auf die das Licht trifft, aber den Strahl. Das sind Momente, in denen die Kawohl-Fotografen zuschlagen…

Vom Pass aus geht es jetzt wieder parallel zum (ersten) Tal, nur leicht bergan, bis der steile Kegel (in grober Näherung) des Puy Mary erreicht ist. Dann geht es unfeierlicher zur Sache. Es wird richtig steil, kalt ist es auch, aber das verdränge ich, denn bei diesem Fahren wird mir nicht so schnell kühl. Trotzdem muss ich ein, zwei Pausen machen, und mein Zeitziel wird immer schwerer umsetzbar. Vielleicht einen Kilometer vorm Ziel muss ich mir die Niederlage im Wettlauf mit der Uhr eingestehen, aber das ist kein Drama. Ich mache hier ja kein Wettrennen; es ist nur immer ganz gut, eine realistische Einschätzung der benötigten Zeit zu haben, einerlei, ob sie nun einfach vorsichtig war oder ich mich an hohen Maßstäben zu besonderen Leistungen aufgeschwungen habe.

Und dann bin ich einfach oben. Es ist saukalt, und der Wind hier oben ist nicht von schlechten Eltern. Der Pass hat eine eigenwillige Form: Ich überquere den Sattel diagonal, d.h., ich könnte es, und es würde auf der anderen Seite gewaltig in die Tiefe gehen. Michelin weist 15 Prozent Gefälle aus. Das darf gefährlich genannt werden. Allerdings werde ich nicht diesen Weg wählen, sondern einen anderen, und der verläuft scharf nach links und nahezu eben. Auf diese Weise fahre ich zwei Drittel der Peripherie des Gipfels ab – einmal von Osten bis Südosten bei der Auffahrt und nach Süden bei der Weiterfahrt. Wie gesagt, dort geht es eher in der Ebene weiter.

Das Panorama hier oben ist atemberaubend. Die beiden Täler, zwischen denen sich der erste Pass von vorhin erhebt, liegen mir weit weg und klein zu Füßen, immer noch vom wechselvollen Lichterspiel beleuchtet, das sich natürlich aus dieser Entfernung noch stärker im Zeitlupentempo entwickelt. Hinter mir die Schlucht, in die die steile Abfahrt führt. Über dieser Schlucht schwarze Wolken, rabenschwarz. Sie können jederzeit loslegen, und wenn sie es tun, dann zwar nicht unmittelbar über mir, aber wahrscheinlich mit einer noch größeren Härte als heute Vormittag. Was der Wind mit diesem Damoklesschwert anstellt, bleibt ungewiss. – Dann ist da noch eine Passhütte. Ich gehe hinein, und ein paar Männer und eine Frau genießen in der Wärme wärmende Getränke. Ich verzichte auf die Getränke und kaufe mir Briefmarken und ein paar Ansichtskarten. Darauf ist der Weg zum Gipfel natürlich nicht von schwarzen Wolken verschleiert; dafür rennen auch Horden von Touristen herum. Das habe ich jetzt nicht, und die Variante ist mir ganz recht. Den Weg nach oben unternehme ich auch nicht; denn dafür müsste ich das Fahrrad stehen lassen, und oben würde ich womöglich eine Sichtweite von zehn Metern haben. Das ist nicht der Sinn der Sache. Stattdessen ziehe ich mir an, was die Kleiderkammer an warmen und vor allem winddichten Dingen zu bieten hat, und mache mich an die Weiterfahrt. Die ebene Straße täuscht. Sie führt nur zu einem dritten Pass, der nur zwei Kilometer entfernt ist und hinter dem ich eine hübsche Abfahrt vermute. Die Schlucht liegt jetzt rechts von mir, und ich überlege mir, wie diese Formation wohl zustande gekommen sein mag. Ich tippe auf einen Vulkan, und die Schlucht mag der Krater sein, der dann wohl mal irgendwann außer Rand und Band geraten ist, wodurch er eine Seite einbüßte, und das ist die, wo die steile Abfahrt die Schlucht verlässt. So viel zur Theorie. Ich erreiche Pass Nummer 3, und es geht in der Tat nach unten. Ich kann allerdings nicht sehr schnell fahren, weil die Straße ziemlich schlecht ist. Da will ich nichts riskieren. Aber Spaß macht es trotzdem. Und langsam steigen auch wieder die Temperaturen.

Auf einer Höhe von 800 Metern verlasse ich die Hauptstraße. Ich habe jetzt das Châlet Anjony vor mir, d.h., es könnte mein heutiges Ziel sein. Noch trennen mich einige Berge oder zumindest größere Hügel davon, und ob ich es erreiche, hängt maßgeblich davon ab, ob mir bis dort ein attraktives Übernachtungsplätzchen »über den Weg läuft«. Aber irgendwie ist es alles nichts, und wenn da doch mal ein Stapel Strohballen liegt, dann befindet er sich entweder auf einem bewohnten Hof, oder es sind noch arbeitende Menschen in der Nähe. Die Landschaft ist sehr schön, sehr »wellig«, d.h., es geht andauernd bergab oder bergauf – keine großen Höhenunterschiede, auch Anstieg und Gefälle halten sich in Grenzen, aber ich bleibe in Bewegung. Rechts ist stets der Berg und links das Tal. Ebenfalls links ist auch die Sonne… – schon längst untergegangen. Die Dämmerung schreitet fort, und es wäre jetzt wirklich Zeit, etwas für die Nacht zu finden. An einer Bushaltestelle sitzen zwei Mädchen, die mich im Vorbeifahren irgendwas fragen. Ich muss wohl schon müde sein oder sonst einen Durchhänger haben, jedenfalls antworte ich statt mit »oui« mit »ja«, und Sie fragen zurück, ob ich Deutscher bin. Nun kehre ich doch um und frage (auf Französisch), ob sie deutsch sprechen. Darauf zeigen sie sich allerdings ziemlich zurückhaltend, und da ich keine Frage habe und mein Französisch nicht zum Smalltalk reicht, verabschiede ich mich und fahre weiter.

Als es schon fast dunkel ist, beginnt die Abfahrt nach Anjony. Die kurvenreiche Strecke im Dunkeln ist nicht ohne, aber schließlich erreiche ich den Ort. In der Silhouette sehe ich das Châlet – oder was immer dieses Gebäude sein mag – und denke mir, in seiner Nähe müsste sich gut übernachten lassen. Ich verfolge die Hauptstraße, aber die führt immer weiter bergab, bis sie deutlich unterhalb des Châlets verläuft. Keine Straße und kein Weg führen hinauf. Es muss einen anderen Zugang geben. Jetzt studiere ich also mal die Häuser an der Straße. Vielleicht kann ich dort ja irgendwo unauffällig unterkommen. Das Châlet hat bis morgen Zeit. Ein Haus liegt still im Dunkeln ohne ein Zeichen von Leben. Allerdings sind die Läden geschlossen, und das vermittelt einen verlassenen Eindruck, kann aber auch täuschen. Ich betrete das Grundstück und mache einen Rundgang um das Haus. Kein Schimmer. Wie sieht es hinter dem Gebäude aus? Von der Straße aus möchte ich am Morgen vielleicht auch nicht gesehen werden. Auch auf der Rückseite sind die Läden verschlossen. Es scheint ein brauchbarer Platz für die Nacht zu sein. Doch da dringt ein schwacher Lichtschein durch einen Spalt. Teufel noch mal! Den hätte ich beinahe übersehen. Ich trete ganz dicht heran, und zwar ist im Zimmer keine Festbeleuchtung, aber auch nicht gerade nur eine Kerze entzündet. Es ist ganz normal hell, und ich habe nichts gesehen. Vielleicht sollte ich in Zukunft bei geschlossenen Läden immer sehr genau hinschauen. Jedenfalls verlasse ich rasch das Grundstück und suche weiter. Es ist inzwischen Nacht, und bald darauf stehe ich wieder am oberen Ortseingang. Ich sollte mal einen anderen Weg in den Ort suchen.

Den finde ich dann auch. Zum Glück hat das Dorf eine halbwegs ordentliche Straßenbeleuchtung. Überhaupt machen die Häuser in der Siedlung einen gepflegten Eindruck. Nur habe ich bislang weder einen Schlafplatz noch den Zugang zum Châlet gefunden. Dies ist darum bald endgültig aus der heutigen Planung gestrichen, und ich konzentriere mich inmitten der Häuser, die zwischen sich keinen Quadratmeter wirklich dem Zufall überlassen, auf die Übernachtung. Ich finde auch noch eine Herberge, aber da ist kein Laut zu hören und kein Licht zu sehen (und diesmal sind keine Läden geschlossen, hinter denen sich ein Lichtschein verbergen könnte), so dass ich starke Bedenken habe, um halb elf noch anzuklopfen oder zu klingeln. Also lasse ich es. Na, und zu guter Letzt ist mir alles egal, und ich schlage mein Quartier mitten im Dorf auf. Schließlich werde ich morgens ja nicht so spät wach. Bis dahin dürfte ich wenig Anstoß erregt haben, vielleicht gar keinen. Meinen Schlafsack breite ich vor einer Bank aus, die zu beschädigt ist, um darauf schlafen zu können. So steht sie dann rechts von meinem »Bett«, dahinter ein Baum, und zur Linken – in Richtung Süden – steht zuerst das Fahrrad (umkippen sollte es also über Nacht möglichst nicht), dann eine niedrige Brüstung, hinter der die Mauer steil nach unten abfällt, vielleicht vier oder fünf Meter tief, und dort beginnt dann der Hang hinab ins Tal. Ansonsten stehen um meinen Schlafplatz herum vier Häuser. In einem wird ferngesehen, und ich könnte mitgucken, allerdings möchte ich hier lieber nicht gesehen werden – wenn es im Zusammenhang mit meinem Schlafplatz schlechte Stimmung geben sollte, reicht mir das morgen. Also halte ich mich zurück und außerhalb des Lichtscheins, den das helle Zimmer auf den Platz wirft. Na, und dann wird es einfach Zeit zu schlafen. Der heutige Tag bot genug zum Träumen.

1. Juni 1. Juni3. Juni 3. Juni