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31. Mai 31. Mai2. Juni 2. Juni

1. Juni

Egliseneuve-près-Billom – D303xD997 – Billom – D229xD212xD765 – Clermont-Ferrand – D559xD774xD90xD941a – (zum Puy de Dôme und zurück) – Col de la Moreno – D941axD216xD27 – Orcival – D27xD983 – Col de Guéry – le Mont-Dore (99 km)

Am Morgen gibt’s Frühstück. Das ist selbstverständlich ein Pluspunkt, denn normalerweise ist das Guten-Morgen-Essen nicht im Preis enthalten. Auf meine Frage hin erklärt meine Gastgeberin, dass sie deutsche Eltern gehabt habe und einen russischen Großvater. Später schreibt sie mir ihre Adresse auf, damit ich im nächsten Urlaub wieder hier Quartier suche. Na ja, ich glaube nicht, dass ich meine alten Wege so oft kreuzen werde. Warum also gerade hier? Aber das muss ich ihr ja jetzt nicht erzählen, zumal es nicht feststeht. Die Geschichte mit dem russischen Großvater ist überzeugend, aber ich habe Zweifel, dass dies die nächste Verwandtschaft ist. Ihren Vornamen (Kira) schreibt die Frau mit kyrillischen Buchstaben – er klingt nicht gerade deutsch. Und das Schreiben lernt man doch auch nicht vom Großvater! Einerlei.

Schuschu (oder wie sich das schreibt) macht sich heute morgen rar. Das Schwein ist beleidigt. Es hat diese Nacht nicht an seinem angestammten Platz (vor meiner Kammer) verbringen dürfen. Ja, es gibt schon Probleme auf dieser Welt. Mein Problem ist, jetzt nicht länger herumzutrödeln. Also breche ich auf.

Der Weg nach Clermont-Ferrand ist nicht sehr interessant. Ich mache (schon wieder) große Einkäufe, werde von einem Rennradler überholt, und dann beginnt die Stadt. Die Einfahrt wirkt auf mich ziemlich amerikanisch. An den Straßen stehen unheimlich viele Werbeplakate, und dies ist ein reines Gewerbegebiet mit verhältnismäßig flacher Bebauung, so, als ob der Quadratmeter hier nicht sonderlich viel kostet. Angesichts der Ausdehnung der Stadt kann ich mir das nicht so recht vorstellen. Aber das soll nicht meine Sorge sein.

In der Stadt suche ich dann nach der Kathedrale. Das zieht sich hin. Erst mal muss ich das Zentrum erreichen, und nachdem dieses relativ dicht und hoch bebaut ist, reicht es nicht, einfach mal den Blick zum Himmel zu erheben, um irgendwo einen Kirchturm zu erspähen. Ich mache einen Zwischenstopp in einem Schnellrestaurant. Es ist schon Mittag – ich habe heute früh wirklich ziemlich lange herumgetrödelt; denn viel geschafft ist noch nicht. Nach einigen Innenstadtrunden stehe ich schließlich vor der Kathedrale. Sie sieht aus wie eine solche: hoch, groß, aufwendig und mit mindestens einer Baustelle. Und sie ist schwarz. Sie sieht aus, als hätte sie einen großen Brand in der Stadt überstanden, aber es ist wohl eher so, dass sie das Ergebnis eines großen Brandes ist. Vor der Einfahrt in die Stadt habe ich bereits den Puy de Dôme, den höchsten Berg in der Umgebung der Stadt, gesehen. Das ist ohne jeden Zweifel ein erloschener Vulkan, und was die so ausstießen, sieht fast immer verbrannt aus. Wahrscheinlich ist die Kirche also aus vulkanischem Gestein erbaut worden. Ob das immer schwarz sein muss, bezweifle ich allerdings, denn ich erinnere mich, 1991 am Ätna Straßenbauarbeiten beobachtet zu haben. Die Lavafelder waren ausnahmslos mit einer schwarzen Kruste überzogen, im Inneren allerdings grau und sehr monolitisch, wahrscheinlich, weil das Magma dort sehr viel heißer war und langsamer abkühlte.

Allerdings ist die Kathedrale geschlossen. Sie macht erst in zwei Stunden wieder auf. Ich hätte die Reise wohl zwei Stunden später beginnen sollen. Was ich da alles schon geöffnet und zulässig und erlaubt vorgefunden hätte… Jetzt allerdings mache ich trotzdem erst mal eine Pause. Der Liter Milch, den ich vorhin in mich hineingeschüttet habe, liegt mir schwer im Magen. Wahrscheinlich ist es jetzt ein großer Käseklumpen, wie Omi mir als Kind immer sagte, wenn ich Milch zu kalt und zu schnell getrunken hatte. Ich lege mich auf eine Bank im Schatten des Kirchturms und warte auf Besserung. Nach 15 Minuten kommt erst mal die Sonne, und ich muss auf der Bank ein Stückchen weiter rutschen. Als ich dann schließlich das Ende der Bank erreicht habe, ist die Öffnungszeit der Kirche noch lange nicht erreicht, aber meine Trägheit ärgert mich hinreichend. Also stehe ich auf, schwinge mich aufs Fahrrad und suche nun die Ausfahrt aus der Stadt, die ich mir vorgenommen hatte. Das ist indes gar nicht so einfach. Zwar muss ich nur alle Straßen abklappern, die in die Berge hinaufführen, kann also quasi immer an der Wand lang fahren, aber um damit Erfolg zu haben, müssen alle diese Straßen gut beschildert sein. Ich habe keinen Stadtplan, und nicht immer sind die Hinweisschilder an Straßennummern orientiert. Manchmal weisen sie statt auf den Weg (die Straßennummer) auch nur auf das Ziel hin, und diese lassen sich bekanntlich meist auf verschiedenen Wegen erreichen. Deshalb tue ich mich schwer, die richtige Ausfahrt zu finden. Nach einer Weile hin und her reicht es mir dann schließlich, und ich nehme die nächstbeste. Und nach einer weiteren Weile stellt sich heraus, dass es die richtige Richtung war. Bitte, Glück muss man haben.

Aber so glücklich ist die Auffahrt nicht. Eine brütende Hitze liegt über der Stadt, und die Sonne sendet auch zum Osthang der Berge genügend Strahlen. Also, wenn das übliche Maitemperaturen sind, wie mag es hier dann erst im Juli sein? Die Straße geht hübsch steil hinauf, aber was will man auch erwarten, wenn es von 400 auf 1400 Meter hinauf geht? Und irgendwie bin ich noch immer gelähmt. Na, das ist ja ein tolles Reisen! Hoffentlich wird’s bald besser. Brunnen sind unterwegs mein erstes Ziel. Frisches Wasser zum Trinken und Abkühlen – daran führt bei diesen Bedingungen kein Weg vorbei, auch keine Disziplin, aber wozu sollte ich mir die hier auch auferlegen.

Einmal verfahre ich mich, fahre zu weit in die Berge hinauf, und bei der Gelegenheit sehe ich den Berg plötzlich viel näher vor mir. Er ragt allerdings noch höher auf, weil seine höchsten Hänge sehr steil sind, aber ich weiß, dass das eine optische Täuschung ist. Die Hälfte der Höhe dürfte schon fast geschafft sein. Danach kehre ich um und suche die richtige Auffahrt. Vorher gibt’s noch ein Eis. Es bleibt heute nicht das letzte.

Schließlich erreiche ich die Hauptstraße, die unmittelbar am Berg vorbeiführt, und dann kommt die Stichstraße, die zur Spitze führt. Da ich denselben Weg wieder zurückfahren muss, beschließe ich, den größten Teil des Gepäcks irgendwo zu deponieren, um auch den als sehr steil ausgewiesenen Teil der Auffahrt im Sattel bewältigen zu können. Ich nähere mich einem Grundstück, auf dem ein Auto parkt, rufe Hallo, und als die Leute sich melden, frage ich, ob ich meine Taschen dort lassen kann. Sie haben keine Einwände, auch wenn sie nicht den Eindruck machen, als wollten sie mich gleich auf ein kühles Bier einladen. Aber das erwartet ja auch niemand. Wäre nur gut, wenn der Inhalt der Taschen zum Schluss noch komplett ist.

Dann breche ich auf in die Berge, also zum »richtigen« Berg. Vorerst ist die Straße flach, doch allmählich geht es bergauf. Rechts und links stehen Autos an der Straße und auf Parkplätzen. Muss wohl ein touristisch wichtiges Ziel sein, dieser Vulkan. Aber das ist ja auch kein Wunder: In der Luft sind Paraglider zu sehen, auf Karten ist der Name des Berges fett eingezeichnet, wichtige Mineralwässer werben mit einer Luftaufnahme dieser Vulkanberge, und dann ist es der Hausberg einer Metropole. Wenn die mal wieder wissen wollen, ob sich irgendwas Wesentliches in der Gegend geändert hat, fahren sie einfach hinauf und schauen sich um – vorausgesetzt, die Sicht ist einigermaßen. Ich habe sie schon einige Male geprüft, wenn ich auf Clermont-Ferrand hinab gesehen habe. Die Stadt wird immer übersichtlicher, und es wird immer schwieriger – trotz des farblichen Kontrasts –, die Kathedrale auszumachen. Bis nach Deutschland wird die Sicht sicherlich nicht reichen, wahrscheinlich gerade mal bis zu meiner letzten Übernachtung, aber das sind dann ja auch schon über 30 Kilometer.

Und dann kommt da plötzlich eine Mautstelle. Na, das hätte ja jetzt nicht unbedingt sein müssen, aber wenn es sein soll, will ich mich die Auffahrt auch etwas kosten lassen. Aber so weit reicht die Großzügigkeit noch nicht einmal. Ich darf überhaupt nicht durch – weder mit noch ohne Geld. Verboten! Für Fahrräder. Also, das ist doch wirklich der Gipfel! Die Frau hat Mühe, mir das zu erklären, bleibt aber letztlich unerbittlich. Sie schickt mich 100 Meter hangabwärts zu einem Ranger, der englisch spricht, und der sagt mir, dass die Straße steil und schmal und darum gefährlich sei, dass ich doch einfach morgen zurückkommen solle. Da sei der Berg für Autofahrer gesperrt und nur für Radler freigegeben. Jetzt dürfe ich nicht hinauf. Na, das hatten wir schon: Wenn ich nur später käme… Das ist doch wohl nicht möglich! Im ganzen Land – außer natürlich auf Autobahnen und einigen anderen Schnellstraßen – dürfen Autos und Fahrräder auf einer Straße fahren – Schuldfrage hin, Verkehrstote her. Und hier, wo eigentlich niemand rasen muss, weil es hier entlang ganz gewiss nicht zur Arbeit oder zum Notarzt geht, soll ich nicht fahren dürfen. Ich! Hat der überhaupt eine Ahnung, welche Erfahrung ich habe? Hat er natürlich nicht. Aber dass ich aus der halben Welt bisher unfallfrei immer wieder nach Hause gekommen bin, interessiert den jungen Mann auch nicht. Gesetz ist Gesetz. Ihr mit Eurer Egalité! Das hätte aus Deutschland kommen können. Er lässt nicht erkennen, ob er sich dadurch geschmeichelt oder beleidigt fühlt. Ich sehe ein, dass es keinen Sinn hat, mit ihm zu streiten. Und dass es nötig ist, andere Wege zum Gipfel zu suchen. Ich kehre um. Ein paar 100 Meter weiter biege ich auf einen Parkplatz zur Rechten ab und fahre dort wieder nach oben, so weit das geht. Dieser Platz geht natürlich nicht um die Mautstelle herum, weil sonst ja niemand bezahlen würde. Also verlasse ich ihn direkt in die Büsche. Eigentlich wollte ich ja mein Fahrrad so wenig wie möglich schieben, aber hier muss ich froh sein, wenn ich es noch schieben kann. Das Unterholz setzt mir zu. Und es wird immer steiler. Aber was soll ich sonst erwarten? Unterwegs sammle ich Spinnweben. Wo werde ich wohl wieder herauskommen? Und wird es die Straße sein, oder laufe ich am Berg vorbei? Also, das dürfte mir ja eigentlich nicht passieren, wenn ich nur immer dahin laufe, wo es am steilsten nach oben geht.

Nach 20 oder 30 Minuten erreiche ich tatsächlich die Straße. Wer sagt’s denn? Ich schwinge mich wieder in den Sattel und fahre los. Ja, steil ist es wirklich, aber ohne Gepäck lässt es sich schon machen. Das Einzige, was ich jetzt bei mir habe, ist die Karte, ein paar Lebensmittel und Wasser natürlich, der Fotoapparat und Flickzeug. Ein etwas ungutes Gefühl habe ich trotzdem. Die Franzosen sind ja manchmal sehr rigide. Was ist, wenn mich jetzt einer der Autofahrer anschwärzt? Dann kommt mir womöglich die Polizei oder so etwas wie eine Nationalparkwache hinterher. Das könnte Ärger geben. Aber gemach! Werden sie wegen eines Radlers einen solchen Aufwand veranstalten? Ich fahre weiter. An der nächsten Kurve – im Grunde ist die Straße eine einzige Kurve, denn sie windet sich spiralförmig nach oben – erschreckt mich ein Verbotsschild: Radfahren verboten! Ja, was denn? Wollen die die Schilder hier für morgen alle entfernen? Ach was. Ich fahre weiter. Aber ein Siegergefühl leiste ich mir lieber nicht. Noch ist nicht aller Tage Abend.

Die Straße ist wirklich steil. Und wenn ein Auto kommt, fahre ich sehr defensiv an die Seite. Schließlich haben die heute fast alle Rechte. Da will ich nicht den starken Mann markieren. Und natürlich ist da immer noch die Sorge, in einem der Autos könnte eine Ordnungskraft sitzen. Als rechts ein kleiner Platz sichtbar wird, biege ich ab und halte an. Ein Wagen parkt dort, und sein Besitzer bastelt am Motor herum. Wird doch wohl nicht zu warm geworden sein? Ich schon, aber ich nehme einfach nur meine Flasche zur Hand, und dann ist mein Problem gelöst. In der Zwischenzeit überqueren ein paar Wanderer die Straße und klettern hinter mir weiter den Hang hinauf.

Ich fahre weiter. Zur Linken werden jetzt die »Volvic-Berge« sichtbar. Das sind Nachbarvulkane oder Nebenkrater, deren Schlot versandet oder sonstwie verschüttet ist und nun mit einer dünnen grünen Schicht überzogen ist. Die Werbefotos sehen natürlich besser aus, aber die sind vermutlich auch im Frühjahr bei besonders guter Sicht und von einem Ballon aus mit allen technischen Raffinessen aufgenommen worden. Da kann ich nicht mithalten. Trotzdem mache ich ein Foto. Wer weiß, ob ich hierher noch einmal zurückkomme.

Na, und nach einigen weiteren Zwischenstopps bin ich schließlich oben. Hier ist alles, was hier sein sollte: Ein Restaurant oder sogar zwei, Andenkenshops, eine Wetterstation, das Militär natürlich ganz oben. Ich drehe erst mal die Runde. Die größte Gefahr ist jetzt wohl vorbei; denn die Abfahrt dauert dann ja nicht mehr so lange. Und bei aller Luftfeuchtigkeit muss ich sagen: Das Panorama ist schon beeindruckend. Im Osten die Stadt, wirklich schon fast verschwindend und unheimlich weit unten, d.h., wenn hier oben was losgehen würde, dann wäre die Stadt erheblich betroffen. Im Westen… ein weites Land. Was da ist, weiß ich nicht. Es geht halt abwärts, aber das geht es zunächst mal in alle Richtungen. Aber im Westen gibt es keine Berge. Der Ausblick verliert sich im Dunst. Und im Süden? Meine weiteren Ziele, Berge, sogar welche mit Schnee. Sollten da noch größere Erhebungen sein als dieser hier? Die machen mir jedenfalls erst mal keine Bange. Momentan sitze ich auf dem hohen Ross.

Ein Foto brauche ich noch: Ich und Clermont-Ferrand. Ich muss also jemanden finden, der mit meinem Fotoapparat zurechtkommt. Das ist heute schon fast eine Anforderung wie Assemblerprogrammierung bei Informatikern – obsolet. Wer heute noch in der Lage ist, Schärfe und Belichtung einzustellen, der kann auch Feuer aus dem Stein schlagen. Ich spreche eine Familie an, und die wiederum erkiest die große Tochter, das Werk zu vollbringen. Meine Herren, fotogen sehe ich ja im Moment nicht gerade aus: Verschwitzt, unrasiert, unfrisiert und nicht ganz sauber gekleidet. Aber so ist das halt. Mademoiselle kriegt es letztlich hin, nachdem ich alle Einstellungen vorgenommen habe.

Und nun die Abfahrt. Ja, ich gebe es zu: Es ist wirklich steil, und wer seine Bremsen hier nicht im Griff hat oder den Geschwindigkeitsrausch, der hat in der Tat ganz schlechte Karten, wenn er nicht so etwas Ähnliches wie die Gleitschirmflieger auf dem Rücken hat. Schilder an der Straße mahnen: 30 km/h oder 50 – je nach Fahrzeugklasse. Muss ich mich dadurch reglementiert fühlen? Eigentlich bin ich ja hier sowieso illegal. Und darum betrachte ich die Tempolimits auch eher als freundliche Empfehlung, die ihren Sinn haben, aber schon mal überschritten werden dürfen. Das ist eine Sache weniger Sekunden, und dann ruft mich die Vorsicht zurück an die Bremsen. So erreiche ich rasch wieder den Sockel des Vulkans, wo dann auch die Mautstelle ist. Soll ich jetzt dort lang fahren? Wenn die Schranke offen wäre, würde ich es vielleicht riskieren. Aber so ist es doch etwas keck. Also wühle ich mich wieder durchs Unterholz, bis der Parkplatz erneut erreicht ist. Dann juckt es mich aber doch, mal zu sehen, ob der Ranger noch da ist. Er ist. Ich fahre zu ihm hinüber, und er blickt mich nichts ahnend an, wohl vermutend, dass ich jetzt einen zweiten Anlauf nehme. Denkste! Ich halte an und sage ihm, dass die Straßen nicht so schmal sind, wie er das behauptet hat, dass ich schon viel schmalere erlebt und dass es mir oben gut gefallen habe. Er guckt mich verdutzt an, aber meine Aussagen scheinen ihm glaubhaft, jedenfalls grinst er mich an – so nach dem Motto: Meine Aufgabe war nicht, Dich bis ins Unterholz zu verfolgen. Wenn Du einen Weg gefunden hast, geht’s mich nichts an, und Du hattest meinetwegen Deinen Spaß.

Auf dem Grundstück an der Hauptstraße lade ich mein Gepäck wieder auf, bedanke mich bei den Leuten und fahre weiter. Tja, abgesehen von diesem Aufstieg werde ich heute wohl keine Ruhmeskapitel schreiben, jedenfalls keine Streckenrekorde aufstellen. Sowohl die Mittagshitze als auch dieser Berg haben ihren Tribut gefordert. Und Talfahrten sind nach diesem Abstieg auch erst mal vorbei.

Der erste Pass kommt schon nach fünf Kilometern. Dann geht es längere Zeit bergab. Unten sieht es fast so aus, als wäre ich schon westlich des Vulkangürtels. Vor mir liegt die Hügellandschaft, die ich vom Puy de Dôme in Richtung Westen gesehen hatte. Meine Route führt jetzt in Richtung Süden, und da liegen wieder Berge vor mir. Die Karte stellt mir einen Höhenunterschied von ca. 400 Metern in Aussicht. Das ist für den Abend noch eine anständige Arbeit. Ich werde dafür aber durch das Panorama entschädigt: Ich befinde mich am unteren Ausgang eines ausgedehnten Tals. Dieses Tal ist aufgebaucht wie eine Dreiviertel-Arena, geöffnet nach Norden, und hinaus will ich am oberen Ende, das fast auf gleicher Höhe mit den seitlichen Begrenzungen liegt. Der Weg nach oben führt am östlichen Hang entlang. Auffällig ist ein Berg inmitten des Tals, der wie ein gigantischer Hinkelstein aufragt und quasi »den Besuchern der Arena das Panorama stört«. Während der Auffahrt gewinne ich immer mehr Schwung. Die Hitze des Tages ist vorüber, die Sonne hinter Wolken verschwunden, der Aufstieg nicht zu steil, und mir geht’s richtig gut. Ich mache mir langsam Gedanken über die Übernachtung.

Die einzige Unterbrechung der Auffahrt findet am »Hinkelstein« statt, wo ich einem Trampelpfad folge, um zu sehen, ob da irgendwo spektakuläre Aussichten oder dergleichen zu finden sind. Es ist ganz nett, haut mich aber nicht um. Also weiter.

Oben angekommen geht’s nicht etwa gleich wieder in die Tiefe, sondern da sind erst ein paar Häuschen, die ein bisschen an die Ranger-Hütten amerikanischer Nationalparkverwaltungen erinnern, und ich studiere gleich das Terrain, ob sie sich vielleicht als Übernachtungsplatz eignen. Aber dann höre ich irgendwo Stimmen aus dem Inneren, obgleich von vorn alles ziemlich verschlossen wirkt. Das bremst meine Neugier, und ich beschließe, mir einen anderen Ort zu suchen. Außerdem ist es noch nicht dunkel, sondern die Dämmerung hat gerade mal begonnen. Ein See schafft ein tolles Panorama, aber zum Fotografieren ist es jetzt ein paar Minuten zu spät. Die Straße folgt seinem Ufer, und wenn da auch der eine oder andere Fleck zum Übernachten geeignet sein mag, so finde ich völlig unüberdachte Stellen doch nicht so attraktiv, da mir der Morgentau, eventuell auch der nicht so ganz zuverlässig wirkende Himmel einen Streich spielen könnten. Hier morgens nass zu werden oder gar in der Nacht flüchten zu müssen, gehört zu den weniger notwendigen Erfahrungen einer Reise. Ich bin schließlich in den Bergen, und da wird es nachts kalt und morgens nur langsam warm.

Am anderen Ende des Sees steht so etwas wie ein Hotel, und es wirkt beim Näherkommen immer heimeliger. Ich werfe einen Blick durch die Tür, trete dann noch einmal zurück, um durch die Fenster zu schauen. Das sieht erstens teuer und zweitens besetzt aus. Wenn ich mir dann die Wagen auf dem Parkplatz ansehe – da steht kein einziger Kleinwagen; das ist alles Mittel- und Oberklasse. Besser, ich suche mir einen anderen Platz. Und wenige Minuten später rolle ich hinab in das Tal von le Mont-Dore, eine Fahrt, bei der es zusehends dunkler wird. Das Tageslicht reicht aber noch, um an der Ortseinfahrt mehrere Werbeschilder für Hotels zu erkennen, und ich nehme mir auch noch die Zeit für einen Anruf bei den Lieben daheim. Dann marschiere ich ein, was umso leichter fällt, als der Weg nach wie vor nach unten führt, und nach einigen Versuchen finde ich auch ein Hotel, das sogar überraschend günstig ist, wenn man bedenkt, dass hier ein großes Wintersport-Paradies ist. Aber natürlich ist jetzt kein Winter, und Sommer ist auch noch nicht. Und so riesig ist das Hotelzimmer letztlich auch nicht, im Grunde sogar eine ziemlich kleine Kammer. Aber solange es sauber ist, ich meinen Kram abstellen und mich ordentlich duschen kann, ist mir das recht.

Heute gehe ich mal nicht gleich ins Bett. Ich fühle mich ein bisschen einsam und beschließe, noch eine kleine Runde durch die Stadt zu drehen – zu Fuß, denn das Fahrrad habe ich bereits verwahren lassen. Die Viertel der Wintersportorte dieser Welt scheinen eine gewisse Ähnlichkeit zu haben. Es gibt viele Andenkenläden, und natürlich auch die Dinge für die Dame und den Herrn, die mit der Bereitschaft, ordentlich Geld auszugeben, in den Urlaub gefahren sind: Mode, Lederwaren, Accessoires und Sportartikel. Was tun nun die Einheimischen, oder gibt’s die gar nicht? Es gibt sie. Sie besuchen ein Cafe, ein Kino, eine Diskothek. Und ich? Also einmal angenommen, ich könnte fließend französisch. Würde ich dann wohl ein Gespräch mit jemandem anfangen können? Versuchen könnte ich es. Aber vielleicht würde sich niemand dafür interessieren. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will: Manchmal wäre es schon besser, statt allein zu zweit zu reisen. Aber an die Reisen von 1991 und 1994 mit Carsten denke ich da lieber nicht zurück, sonst wird das nie wieder etwas. Ich gehe ins Hotel zurück und lege mich schlafen. Verdient habe ich mir das wohl.

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