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30. Mai 30. Mai1. Juni 1. Juni

31. Mai

Larcenac – D103xD136xD13xN102 – Le Puy – N102 – Polignac – D13 – Saint Paulien – D906 – Bellevue-la-Montagne – D1 – Craponne-sur-Arzon – D9xD202xD111xD251 – Saint Just – D251xD205xD38 – Ambert – D906 – Courpière – D58 – Saint Dier-d’Auvergne – Mauzun – D997xD306 – Egliseneuve-près-Billom (156 km)

Der Morgen ist unerquicklich. Zwar hat es nicht geregnet, aber trotzdem ist alles feucht: Der Schlafsack vom Morgentau – glücklicherweise ist die Nässe nicht durchgedrungen – und meine Beine vom Schweiß – und der klebt auch noch. Da gebe ich mich nicht lange Tagträumen hin. Raus aus dem Sack! Ups, da kommt gerade ein Zug vorbei. Aber egal, ich stehe ja nicht splitternackt auf der Wiese. Rasch ziehe ich mir Hemd, Hose und Schuhe an, und nun kann’s eigentlich losgehen, aber ein kleines Frühstück wäre vielleicht kein Fehler.

Bei dieser Gelegenheit wird der Honig alle. Das wird auch Zeit. Irgendwie ist Honig nicht der Joint, der mich die Berge hinaufbringt. Er ist mir, so paradox das vielleicht klingen mag, zu süß. Schokolade ist mir lieber, auch wenn sich deren Fett dem Körper sicherlich nicht so leicht erschließt wie Zucker. Trotzdem hat der Honig in den letzten Tagen nicht gerade wie ein Dopingmittel gewirkt; irgendwie zeige ich Schwächen. Aber ich werde halt älter. Daran wird’s wohl liegen… Du lieber Himmel! Sollte ich vielleicht schon mal Kontakt zur Firma Denk aufnehmen? Und meinen Nachlass regeln?

Schon nach den ersten Metern fällt mir wieder ein, dass mein Hintern und der Sattel keine Freunde sind. Also, es kann doch nicht sein, dass der Sattel schon wieder so weit durchgesessen ist, dass ich jetzt erneut auf dem Stahl sitze! (100 oder 200 Kilometer hinter den Vogesen hatte ich nach längeren ähnlichen Leiden auf einmal die Eingebung, einen Blick unter das Leder zu werfen, und nach ein paar Handgriffen saß es sich wesentlich gefederter als zuvor – aber das liegt inzwischen wieder eine beachtliche Strecke zurück.) Aber was ist es dann? Geht das Fahren neuerdings nur in Jeans? Oder mit drei dicken Unterhosen? Oder ist der Sitzspeck schon restlos weggeschmolzen? Das muss bei so viel Arbeit doch möglich sein, ohne danach gleich die Reise einstellen zu müssen. Wieder einmal kommen mir Zweifel daran, dass der Brooks-Sattel wirklich das optimale Sitzmöbel auf zwei Rädern ist. Er hat zwar eine schöne Federung, aber weich ist er weiß Gott nicht, im Gegenteil: eher hart wie ein Stück Holz. Ich habe den Verdacht, dass die Anpassungsfähigkeit des Leders doch nicht so groß ist wie in der Werbung angepriesen. Hoffentlich gibt sich das bald wieder, sonst wird es ein lustiges Reisen.

Le Puy kommt näher. Allerdings biege ich zwei oder drei Kilometer vorher rechts ab, praktisch auf eine Baustelle. Ich fahre also praktisch an der Stadt vorbei. Wenn ich jetzt noch wüsste, was ich hier eigentlich wollte… Das ist nämlich ein Problem beim Abfahren einer blanken Route: Entweder ich finde gut oder schön oder interessant, was ich entlang der Strecke so sehe, oder eben nicht. Sollte mir beim Durchstöbern der Prospekte zum Beispiel ein Weinkeller interessant erschienen sein, so werde ich den nicht zu Gesicht bekommen, weil mein Routenblatt keinerlei Zusatzinformationen enthält. Trotzdem ist er auf der Reise mein Stecken und Stab; denn ohne ihn kann ich nur noch wild durch die Botanik geistern – ohne eine Spur von Gewissheit, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein. Die paar kopierten Blätter aus dem Fahrradreiseführer enthalten da mehr Informationen, aber noch bin ich nicht in Südostfrankreich, so dass ich von diesem Vorteil derzeit nicht profitieren kann. Also, das war sicherlich ein Mangel in der Planung, den ich künftig vermeiden sollte. Die einzige Lösung besteht momentan in Zufällen (also beispielsweise einem genügend großen Schild, das auf einen exzeptionellen Weinkeller optisch so überzeugend hinweist, dass mir das als Motivation genügt) oder in der Erinnerung an den eigentlichen Grund für diesen Schnörkel in der Route. Aber letzteres ist eine schwache Hoffnung, denn die Bildbände, die ich während der Auswahl der Ziele durchblätterte, waren so rasch abgehandelt und wieder in der Bibliothek, dass ich mir da kaum etwas gemerkt haben dürfte.

So viel weiß ich aber sicher, und das weist sogar mein magisches DIN-A4-Blatt aus (aber nur, weil es außerdem noch auf der Karte verzeichnet ist): Hier soll es irgendwo Basaltfelsen geben, die als Orgelpfeifen bezeichnet werden, weil sie senkrecht und sechseckig im Querschnitt (formschlüssig) nebeneinander in erstaunlich exakter Gleichmäßigkeit und beachtlicher Anzahl emporragen. Außerdem ist die Festung Polignac ausgewiesen, eine Burgruine auf hohem Felssockel. Diese Ziele werde ich also nicht vergessen, und Polignac wird schon bald rechts vor mir sichtbar. Zuerst will ich aber zu den Orgelpfeifen, denn die liegen südlicher, und letztlich geht es heute wieder nach Norden, genauer: nach Nordwesten. Bei dieser Gelegenheit komme ich durch le Puy, und vielleicht fällt mir dort auf, was mich interessieren sollte. Also kehre ich Polignac vorerst den Rücken und halte wieder direkt auf die Stadt zu.

Und tatsächlich: Als ich von oben in einen der besseren Stadtteile einrolle, breitet sich links von mir die ganze erstaunliche innerstädtische Topographie aus. Und was Besonders auffällt, war auch mein Motiv für die Reise hier her: Eine Kirche auf einem kleinen, hohen Berg, in seiner Form am besten mit einem Zuckerhut vergleichbar. Man darf sich also fragen, wie die Bauleute vor vielen Jahren das Baumaterial auf die Spitze dieses Berges gebracht haben, der möglicherweise wie so vieles hier vulkanischen Ursprungs ist. Die Kirche – oder Kapelle – bedeckt dabei so ziemlich die gesamte einigermaßen flache Oberfläche, ist aber wesentlich kleiner, d.h. niedriger, als der Berg selbst hoch ist. Sie ist sozusagen das Häubchen auf einem viel größeren Kuchen, und ich frage mich, ob sie ausschließlich zur Ehre Gottes oder auch zur Einkehr der Gläubigen erbaut worden ist, was quasi einer Büßerfahrt gleichkommen musste. Andernorts scheuen Touristen den Aufstieg in den Glockenturm, und hier muss schon bis zum Parterre des Gotteshauses eine wesentlich größere Höhe überwunden werden. Ich werde jetzt nicht dort hinunterfahren, um meine Kletterkünste zu erproben. Am Ende gibt es keinen oder keinen gerade geöffneten Weg nach oben – dann kann ich mich unverrichteterdinge wieder aus dem Tal strampeln. Nein, viel einfacher ist es doch, von hier aus ein Foto zu machen. Das ist leichter gesagt als getan. Es liegt nämlich ein Schleier über der Stadt, und als ich durch den Sucher blicke, stelle ich außerdem fest, dass der Berg aus dieser Entfernung samt Kirche eher unscheinbar wirkt. Also krame ich meinen Konverter heraus, aber das macht die Sache noch viel schlimmer. Zwar füllt das Motiv jetzt das Foto, allerdings scheint die zusätzliche Optik noch einen Extraschleier über den vergrößerten Ausschnitt zu legen. Es kommt eine sehr grauhaltige Aufnahme zustande. Das wird wohl eher nicht die Wucht. Jetzt also zu den Orgelpfeifen.

Ich verlasse le Puy wieder, und nun kommt die spannende Suche nach dem, was in einem Maßstab 1:200000 einen knappen Zentimeter breit eingezeichnet ist. Demnach könnten die Felsen fast zwei Kilometer breit sein. Das sind sie natürlich nicht. Die Autobahnen sind ja auch nicht 600 oder 700 Meter breit, nur weil sie auf der Karte eine Breite von drei bis vier Millimetern aufweisen. Michelin mag sich rühmen, präzise Karten herauszugeben, aber die Dominanz all dessen, was asphaltiert ist, gegenüber Gebieten, die für die Zielgruppe eher unbefahrbar ist, scheint nach gemeinsamem Verständnis aller Herausgeber, die für die rollende Klientel arbeiten, eine erhebliche Verzerrung der Maßstäbe zu rechtfertigen. Natürlich muss man alles noch erkennen können, damit die Lupe beim Studium der Karte entbehrlich bleibt, aber vieles ließe sich realistischer, d.h. schmaler, darstellen. Michelin kennzeichnet lobenswerterweise wenigstens die besonders schmalen Straßen dadurch, dass sie tatsächlich sehr schmal gezogen werden. Dass dann eine Abstufung in vier Grade vorgenommen wird, scheint nur für LKW-Fahrer interessant zu sein, denn ob eine Straße drei oder acht Meter breit ist, interessiert die wenigsten. Vielmehr muss meistens zügiges Fahren möglich sein. Auch wenn es gewöhnungsbedürftig sein mag, hätte man etwas phantasievoller bei der Farbgebung sein können. Damit hätten sich viele verschiedene Kategorien und Breiten von Straßen bei gleich schmaler Zeichnung darstellen lassen. Aber auf mich hört ja keiner.

Die Orgelpfeifen scheinen vom Erdboden verschluckt worden zu sein. So was muss doch sichtbar sein, und wenn nicht, so muss wenigstens ein Hinweisschild existieren. Nichts. An der Stelle, wo sie spätestens kommen müssten, wo der Ort auch aufhört und wo die Auffahrt allmählich ein Ende hat, entscheide ich mich zur Offroad-Exploration der Gegend. Nach einigem Hin und Her, auch einigen Fragen, mache ich mich schließlich über den Hof und einige Grünanlagen eines Hotel, also über Privatgelände, auf den Weg in die Büsche. Also, wenn’s denn tatsächlich hier sein sollte, dann muss es entweder viel bessere Stellen geben, oder diese geologischen Dinge interessiert ansonsten kein Schwein.

Und ich werde fündig! Nach vielleicht 100 Metern ragen rechts die Orgelpfeifen steil auf, na ja, senkrecht eben. Allerdings sind schon einige von ihnen abgebröckelt und liegen nun als Brocken von vielleicht doppelter Fußballgröße mit noch erkennbarem sechseckigem Querschnitt, aber teilweise schon bemoost, herum. Etwas dichter an die noch stehenden Teile heranzukommen, ist gar nicht so einfach, denn auf dem Trümmerhaufen herumzuklettern, erfordert eine möglichst gute Einschätzung der Beständigkeit des Materials. Es soll ja möglichst nicht die ganze Schräge ins Rutschen kommen. Und einen Knöchelbruch kann ich jetzt auch nicht gebrauchen, also sollte ich nicht ausrutschen. Von der Stadt aus dürften die Orgelpfeifen auch mit einem guten Fernglas kaum noch zu sehen sein, denn am Fuß der Trümmerhalde erhebt sich ein Wald, der mindestens die untere Hälfte der Szene verdeckt. Na ja. Gesehen habe ich sie also. Und ein Foto habe ich natürlich auch gemacht, aber so die Wucht war’s nicht direkt. Bin schließlich auch kein Geologe.

Die Gegend ist enorm vom Vulkanismus geprägt. Rechts der Straße ist so etwas wie ein Steinbruch, und überall tritt das schwarze Gestein zutage. Man könnte meinen, hier werde Steinkohle oberirdisch abgebaut, aber das täuscht. Die Orgelpfeifen waren übrigens nicht so dunkel. – Nach einigen Minuten gerät Polignac wieder in mein Blickfeld. Auf denn, stürmen wir sie. Zunächst mal steigt die Straße, und die Ebene, aus der sich die Festung erhebt, versinkt rechts neben mir. Auf diese Weise habe ich einen Blick auf das Plateau der Burgruine. Aus der Entfernung ist zwar nicht sehr viel zu erkennen, aber dass es eine Ruine ist, bleibt außer Zweifel. Alles scheint von einem grünen Flor überzogen. Die Natur holt sich eben zurück, was man ihr nicht immer wieder entreißt. Dann biegt eine Nebenstraße zum Dorf Polignac ab. Ich folge ihr, komme in die Siedlung – die praktisch um die Burg herumgebaut ist –, und was mich nun nur noch interessiert, ist die Stelle, an der ich mit der Auffahrt oder wenigstens dem Aufstieg beginnen kann. In der Tat scheint das Ziel eher für Fußgänger zugänglich zu sein. Ich muss Treppen und steile Wege überwinden, aber noch will ich das Fahrrad nicht abstellen, dann das hieße ja auch, all den Kram aus den Augen zu lassen, der da mehr oder weniger diebstahlsfreundlich angehängt und festgeklemmt ist. Meine Erkundungen enden vor einem verschlossenen Tor, das mir verrät, dass die Festung nur am Nachmittag zugänglich ist. Also, das kann doch wohl nicht wahr sein! So ein paar Steinhaufen brauchen doch nicht verschlossen zu werden. Aber die Franzosen sehen das anscheinend anders. Was kann man da tun, vielmehr: Was kann ich da tun? Das Tor ist ohne Zweifel verschlossen. Das habe ich schon überprüft. Der Blick durch das verhältnismäßig große Schlüsselloch befriedigt meine Neugier nicht hinreichend. Wie wär’s, wenn ich das Bauwerk stürmen würde, die Mauer hinauf? Aber diese Möglichkeit müssen die Erbauer auch schon im Auge gehabt haben. Ob sie damit nicht weit genug gedacht hatten und die Burg deshalb heute so aussieht, wie sie aussieht, oder ob das einfach der Verfall im Laufe der Zeit war, sei mal dahingestellt, aber um jetzt hier die Wand hochzugehen, müssten mich stärkere Motive als einfach nur Neugier antreiben. Das sieht doch etwas gefährlich aus. Vor allem: Runterwärts wär’s noch krimineller. Da sähe ich dann nicht so gut, wohin ich trete. Das ist alles recht ärgerlich, aber eben nicht zu ändern. Und bis zum Mittag warte ich hier nicht, so viel steht fest. Bis auf die paar Treppen, die ich mein Gefährt und seine Fracht hochgewuchtet hatte, war ja kaum ein Weg umsonst. Die Burg lag sozusagen auf meinem Weg.

Weiter geht’s also. Und das Geschäft bleibt zäh und mühsam. Ich sollte mal meine Vorräte aufstocken. Ob ich wohl schon ein paar Kilo abgenommen habe? Die Berge werden jetzt immer greifbarer, aber so, wie ich mich fühle, habe ich eher zugenommen, und wenn ich mir morgens meine »Nierenschützer« ansehe, dann brauche ich mir um meine Nieren wenigstens keine Gedanken zu machen. Da scheint sich nichts verändert zu haben. Die ganze »Diät«, d.h. die Versuche, auf fettreiche Nahrung zu verzichten, fruchtet irgendwie nicht. Aber angesichts ziemlich »leerer« Taschen ist das jetzt schon einerlei. Einkaufen tut langsam not. Aber das ist gar nicht so einfach. Kaum ein Laden hat geöffnet. Um genau zu sein: Erst mal hat kein Laden geöffnet. Der einzige Weg zum Futter führt über Restaurants, und auch dort bin ich mir keineswegs sicher, etwas Substanzielles zwischen die Kiemen zu kriegen. Allerdings versuche ich es erst gar nicht. Nur für Selbstbedienungsläden und vielleicht die Boulangerien gilt: What you see is what you get. Vorerst gehe ich an meine Kraftreserven und verzehre zwei Packungen Powerbar. Erst in Bellevue finde ich einen Bäcker, der nebenbei noch Getränke und Schokolade verkauft. Wasser bekomme ich kostenlos, eiskaltes sogar. Und ich verzeichne als eine wichtige Erfahrung: Montags, zumindest vormittags, hat man beim französischen Einzelhandel schlechte Karten.

Ein Blick auf die Karte lehrt mich, dass ich ganz schön abgehoben agiere. Die Straße verläuft hier und auf den nächsten 20 oder 30 Kilometern auf einer Höhe von ca. 1000 Metern. Na gut, das ist nichts Ungewöhnliches. In den Vogesen war ich noch höher. Aber dort war das auch zu sehen: Links oder rechts tiefe Täler. Hier bin ich einfach nur oben und alles andere um mich herum ebenso. In Craponne versuche ich erneut, etwas zu ergattern, aber es will mir nicht gelingen, ein geöffnetes Geschäft zu finden. Wenige Kilometer später entschädigt mich allerdings die Landschaft für meine Entbehrungen. Links vor mir tut sich ein breites, tiefes Tal auf, und es sieht ganz so aus, als wäre jetzt eine lange Talfahrt angesagt. In der Tat wird die Abfahrt immer flotter, aber dann zweigt meine Route entlang einer Nebenstraße rechts ab und geht wieder in die Höhe. Das muss man dann wohl mit Gleichmut nehmen, aber die Fahrt durch den Wald entschädigt mich für die Anstrengung. Das Tal sehe ich vorerst nicht wieder.

Als ich dann aber oben bin, verläuft der Weg sichtlich im Hochland. Das heißt nicht, dass links und rechts tiefe Schluchten gähnen. Die Landschaft ist im Gegenteil sehr flach und mit einer Mischung aus etwas zerzausten Nadelwäldern und kleinen Äckern überzogen. Aber ich kann förmlich riechen, dass es irgendwo tief hinab gehen muss. Nun, im Grunde ist das keine Kunst, denn erstens habe ich das Tal schon gesehen, und zweitens genügt ein Blick auf die Karte. Nach zehn oder 15 Minuten wird das Dore-Tal auch wieder sichtbar, und die Route führt erst streng an der »Kante« entlang, senkt sich dann aber doch langsam hinab. Die Szene ist traumhaft. Die kleinen Dörfer sind das perfekte Feriendomizil, und so werden sie wohl auch genutzt. Die Landwirtschaft muss hier oben anstrengend sein; konkurrenzfähig mit den Ebenen im Norden ist sie gewiss nicht. Und wovon, wenn nicht vom Fremdenverkehr, sollte hier jemand leben? Von der Fahrt ins Tal? Ja, natürlich, aber ich kann mir so was fast nicht vorstellen, weil ich nicht jeden Tag eine beachtliche Strecke mit dem Auto zur Arbeit und wieder zurück fahren würde, wobei zusätzlich ein Höhenunterschied von einem halben Kilometer zu überwinden ist. Das kostet letztlich auch etwas.

Auf der anderen Seite des Tals ist schemenhaft die Fortsetzung des Gebirges zu erkennen. Das ist allerdings mindestens 15 Kilometer entfernt. In der Talsohle verläuft die D906, die ich in Bellevue verlassen hatte, und so viel ist ganz sicher: Dort ist es langweiliger. Also genieße ich die leichte Abfahrt, die Landschaft unmittelbar um mich herum, die angenehme Temperatur (hier oben ist es doch etwas frischer als unten im Tal), und auf diese Weise erreiche ich schließlich die Schussfahrt, bei der wieder eher die realistische Einschätzung des Straßenbelags und der nächsten Kurve gefragt ist – und natürlich die Verläßlichkeit der Bremsen – als die beschauliche Erbauung an der Flora. Bei diesem Gefälle ist die Ebene bald erreicht. Die Karte zeigt an, dass die Straße nun nahezu parallel zum Fluss verläuft, noch ein klein wenig darauf zuhält, also könnte es noch ganz leicht und sympathisch abwärts gehen, aber für meine besondere Sympathie ist es letztlich zu flach. Dennoch, die Abfahrt war eindrucksvoll genug.

Was wird jetzt? Gibt es in Ambert vielleicht endlich was zu futtern? Ich werde es sehen. Gleich an der Ortseinfahrt erblicke ich links so etwas wie einen Süßwarenladen, vielleicht auch so ein Tabac-Geschäft, in dem es von Briefmarken, der Tageszeitung und… na ja, das hatten wir schon – jedenfalls alles Mögliche gibt. Um wählerisch zu sein, stehen meine Aktien einfach viel zu schlecht. Ich betrete das Geschäft. Es ist alles nicht so, dass ich davon träumen würde, aber ich greife tief in die Tasche, nachdem ich Erwägungen über kohlenhydratorientierte Ernährung auf Reisen konsequent über Bord geworfen habe. Ab heute wird gesündigt, wie es mir passt. Ich bin doch in der Vergangenheit nicht so schlecht mit meinen Instinkten gefahren. Als ich mit vollen Händen den Laden wieder verlasse, erlebe ich ein Musterbeispiel von einem Generationenkonflikt: Oma, Mutter und Kind stehen mitsamt ihrem Wagen vor dem Geschäft (dumm freilich von der Mutter, hier überhaupt erst angehalten zu haben), und nun erlebe ich, wie die Oma und ihr Enkel konzertiert Einlaß begehren, damit… tja, damit was? Damit die ältere Generation mal wieder punkten kann? Natürlich habe ich keine Ahnung, wie es in der Familie zugeht, ob sie alle unter einem Dach wohnen, welche Rolle die Eltern und welche die Großeltern spielen. Jedenfalls kann die Mutter sich hier nicht durchsetzen. Ob sie das bei zahllosen früheren Gelegenheiten bereits gründlich vergeigt hat, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber wäre ich an ihrer Stelle, dann hätte es ein deutliches Wort gegeben.

Mit Vorräten für den Rest des Tages breche ich auf, allerdings ist im Stadtzentrum schon wieder Schluss: Der Wochentag scheint angebrochen zu sein; denn alle Geschäfte haben geöffnet, und sogleich betrete ich den nächsten Supermarkt. Diesmal habe ich nicht nur die Hände voll, sondern noch diverse Taschen, und diesmal reichen die Vorräte garantiert für mehr als nur 24 Stunden. Damit ich alles verstauen kann, lange ich gleich noch einmal hemmungslos hin, und nach dieser Völlerei ist die Welt wieder in Ordnung und alles zur Weiterfahrt bereit.

Wieder entlang der D906 geht es nun weiter in Richtung Nordwesten, weiter neben dem Fluss, also vorerst wahrscheinlich zu ebener Erde. Ob es nun daran liegt oder an dem Festessen – es flutscht nur so. Allerdings ist auf der Straße ganz schön was los. Dank neuer Kräfte hoffe ich dieses Nadelöhr aber bald zu verlassen. Nach den ersten 30 Kilometern muss ich allerdings erst mal – gemeinsam mit allen anderen Fahrzeugen (außer der Eisenbahn) – das Tal verlassen. Es geht über den Berg, wahrscheinlich weil das Flusstal zu eng oder zu schützenswert ist. Aber ich nehme den Anstieg relativ gelassen. Schokolade musst du essen, dann sieht die Welt viel freundlicher aus! Wenn das kein Werbeslogan wäre.

Erst in Courpière verlasse ich die Hauptstraße, damit einher geht ein scharfer Richtungswechsel. Über die D58 fahre ich nunmehr fast in Richtung Süden. Das ist natürlich keine auf Länge bzw. Kürze optimierte Route, sondern wieder eine entlang »grüner« Straßen. Und diese ist wirklich grün. Die Strecke verläuft fast durch einen Urwald, diesmal zwar entlang eines Bachs bergauf, aber der Aufstieg bleibt moderat, und die Kurven und das mal helle, mal dunkle Grün machen’s einfach. Hier gibt’s keine phänomenale Aussicht, keine Schlucht oder sonstige spektakuläre Landschaftsbilder. Nur das scheinbar ungebremste Wachstum fasziniert.

Nach der guten Hälfte des Weges verlässt die Straße den Bach und geht über in die Ebene. Ein kleiner Stausee zeichnet ein weiteres Fotomotiv. Aber ich lasse die Kamera stecken. Es wird noch viele geben. – In St. Dier ist erneuter Richtungswechsel. Jetzt geht es wieder nach NW. Langsam muss ich mir überlegen, wie weit es heute noch gehen soll und wo ich übernachten werde. Aber noch steht die Sonne am Himmel. Ich fahre ihr hinterher.

Neben der Route gibt es laut Karte ein Château, vielmehr eine Ruine. Na gut, es wird nicht das letzte sein. Aber an der Straße weisen auch Schilder auf dieses Bauwerk hin, und das macht mich dann doch neugierig. Also verlasse ich für Mauzun die Hauptstraße und rolle in das Dorf hinab. Dahinter ist die Ruine bereits gut erkennbar. Ich stelle das Fahrrad unten auf einem Hof ab – das Dorf wirkt wie ausgestorben – und stapfe den Hang hinauf. Der Bau könnte fast ein Park sein, so viel Grün hat sich schon in seinem Inneren breitgemacht. Durch einen der eher inoffiziellen Eingänge (Löcher im Mauerwerk) komme ich hinein, Warnschilder ignorierend. Im Innenhof wuchert ein Wald. Hindurch führen einige Trampelpfade, die wohl weniger von Touristenführern als mehr von Abenteurern gebahnt wurden. Ich folge dem bequemsten, um mich zu den Mauerkronen vorzuarbeiten, denn nur von dort werde ich wohl einen Überblick über die Ruine und ihr Umland erhalten. An einigen Stellen scheinen Renovierungsarbeiten durchgeführt worden zu sein. Wer hat denn den Nerv, hier Geld ’reinzustecken? Außer ein paar Mauern und Türmen existiert nichts mehr. Zwar weiß ich nicht, ob das ein sehr altes Château ist, in dem das Bauwerk mit Abschluss der Maurerarbeiten praktisch fertig war, aber wenn es so ist, wird nach der Renovierung hier keiner wohnen wollen, und wenn es nicht so ist, muss das Ding praktisch vom Acker weg wieder neu aufgebaut werden und etliche Millionen kosten. Also, was diese paar Handgriffe sollen, die da zuletzt getan wurden, leuchtet mir beim besten Willen nicht ein. Ich balanciere noch eine Runde auf der (zwei Meter breiten) Mauerkrone, gucke in alle Richtungen mal ins Land, vor allem nach Westen natürlich, weil dorthin meine weitere Fahrt geht, und dann mache ich mich auf den Rückweg.

Wieder auf der Hauptstraße in Richtung Clermont-Ferrand fasse ich den Entschluss, sehr empfänglich für Hinweise auf kommerzielle Übernachtungsmöglichkeiten zu sein. Mit diesem Vorsatz halte ich am nächsten größeren Gebäude an und frage. Nein, dies ist keine Herberge, aber da und dort gibt es eine. Die Erklärung ist ausführlich – zu ausführlich für mich. Ich frage noch mal nach. Außergewöhnlich langsam erklärt mir eine junge Frau den Weg, so dass ich tatsächlich eine ganze Menge verstehe. Mit einer Mischung aus Zuversicht und Skepsis mache ich mich wieder auf den Weg und biege bei der nächsten Gelegenheit rechts ab, gespannt darauf, ob ich eine Korrelation zwischen der Beschreibung und der Strecke entdecke. Ich erreiche den nächsten Ort, ein kleines Dorf, und hier sollte es sein. Die Siedlung liegt auf einem Hügel. Kein Mensch ist auf der Straße, den ich fragen könnte. Also muss ich wohl einfach meine Kreise ziehen. In der Mitte des Dorfes steht eine kleine Kirche, und um sie herum windet sich auf der südlichen Seite ein schmales, aber langgezogenes Gebäude, das nach außen, also nach Süden, an den Hang angrenzt. Tatsächlich verspricht ein Schild hier ein Dach über dem Kopf. Allerdings ist die Dämmerung schon fortgeschritten, kein Licht zu sehen und auch kein Zeichen für irgendwelche Gäste. Aber Fragen kostet ja nichts. Ich klingele. Schweigen. Was sonst? Ich steige wieder auf das Fahrrad und will gerade losfahren, als von oben, aus dem Obergeschoss, eine Stimme zu hören ist. Ich trage mein Anliegen vor. Die Frau hört natürlich, dass ich meine Not mit der Sprache habe und fragt mich nach meiner Herkunft. Dann spricht sie einfach deutsch weiter. Dagegen lässt sich nun wirklich nichts einwenden, also setzen wir die Verständigung auf Deutsch fort. Es geht mir vor jeder Besichtigung vor allem um den Preis, und der scheint den Sprachservice zu beinhalten: 180 Francs! Aber man gönnt sich ja sonst nichts; außerdem nächtige ich nicht jeden Tag zivilisiert.

Die Frau erzählt mir, dass dieses Gebäude mal ein Priesterseminar war, und führt mich durch die Räume für Gäste. Da ist zuerst ein Bad im abgesenkten Erdgeschoss. Eine Dusche gibt es nicht, dafür eine Badewanne. Das werde ich mir sicherlich einmal genehmigen. Die Absenkung gegenüber dem Kirchhof führt dazu, dass die unteren Räume mit vielen Stufen ausgestattet sind. Das sieht alles sehr liebevoll restauriert aus. Plötzlich kommt knurrend ein Wildschwein angelaufen – mitten im Haus. Die Frau erklärt mir, dass dies ihr Haustier sei, es sei auch sauber und schlafe normalerweise vor der Kammer, die sie mir nun zeigen wolle. Die Kammer ist ein durchaus geräumiges Zimmer, bequem und überall mit Teppichen ausgelegt. Da lässt es sich gut schlafen, was ich nach einem ausgedehnten Bad dann auch tue.

30. Mai 30. Mai1. Juni 1. Juni