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28. Mai 28. Mai30. Mai 30. Mai

29. Mai

Mussy-sous-Dun – D316 – Chauffailles – D485 – Chamelet – D82 – Croix de Thel – Valsonne – D13xD65e – Tarare – D38xD4 – Saint Laurent-de-Chamousset – Sainte Foy l’Argentière – D4xD34 – Chazelles-sur-Lyon – D12 – Saint Galmier – Saint Just-Saint Rambert (136 km)

Mussy-sous-Dun, Viadukt

Am Morgen schnüre ich meine Pakete wie gewohnt, also etwas umfangreicher als noch am Tag zuvor. Heute sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein paar mehr Berge zu bewältigen; es geht weiter in die Welt hinaus, und ich will sehen, dass ich am Morgen nicht so lange trödele. Dann habe ich nämlich nach den ersten 16 Kilometern, die sich kräftemäßig auch in Grenzen halten dürften, eine einigermaßen bequeme Fahrt vor mir. Jene 16 Kilometer sind die letzten von gestern, nur in umgekehrter Richtung. Da kenne ich mich also schon aus. Zuvor verabschiede ich mich aber von meinen Gastgebern und verspreche ihnen, nach meiner Reise ein Lebenszeichen von mir zu geben. Ich weiß nur noch nicht so richtig, wie ich das erzeugen soll. Aber da wird mir schon was einfallen. Zeit zum Überlegen habe ich jetzt ja reichlich.

So schön, wie die Abfahrt gestern war, so leicht nimmt sie sich jetzt während der Auffahrt. Wie mit dem Lineal gezogen geht es nach oben. Ich passe auf, ob ich irgendwo den Montierhebel sehe, aber die Chancen stehen denkbar schlecht, und so finde ich auch nichts. Das ist hier zwar noch nicht die letzte Chance, aber nachher komme ich nur noch an einer zwei oder drei Kilometer langen Passage vorbei, die ich gestern auch benutzt hatte. Das ist wohl aussichtslos. Ich werde es verschmerzen, zumal das übrige Equipment noch ausreicht, um mit jeder Reifenpanne fertig zu werden – vorausgesetzt, sie ist nicht so verheerend, dass sie auch mit einem zusätzlichen Hebel nicht mehr in den Griff zu kriegen wäre.

In Übereinstimmung mit allen meinen Erfahrungen und Theorien zu Hangthermiken weht mir der Wind bei der Abfahrt in Richtung Lyon ins Gesicht; es geht aber noch – es bleibt sozusagen eine Abfahrt. Über 25 Kilometer habe ich praktisch eine ideale Warmwerde-Strecke, wie ich sie gestern als wünschenswert beschrieb. Dann ist allerdings Schluss mit lustig. Ich biege rechts ab und komme als erstes unerwarteterweise an eine weitere Kreuzung. Hier weist die Karte nur eine Straße aus, nicht gleich drei. Ich fahre erst mal geradeaus, weil das von der Richtung am ehesten stimmt, allerdings auch dem Leidensweg am ähnlichsten. Die anderen Richtungen schließen Kompromisse mit der Geologie, meine nicht. Es geht »in« den Berg. Dass es nicht steiler wird, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass hier ein Bach sein Bett gegraben hat. Meiner Ansicht nach ist er noch nicht lange genug am Werk; denn es ist wirklich sehr steil. Ich habe doch ernste Zweifel daran, dass dies hier nicht mehr als neun Prozent sind. Das alte Lied mit Michelin. Hinzu kommt eine affige Hitze. So sehen also die Vergnügungen eines Aktivurlaubs aus. Aber jeder Meter, den ich hinter mich bringe, ist ein Meter weniger vor bzw. über mir. Und mit dieser Philosophie erreiche ich schließlich das Croix de Thel in gerade mal 650 Meter Höhe. Das gibt noch keinen Eintrag im Guinnesbuch der Rekorde. Verlieren wir keine Worte darüber. Stattdessen setze ich mich an den Waldrand und denke über die Welt im Allgemeinen und über Kartographen und ihre Unfähigkeit im Besonderen nach. Dies ist nicht der letzte Berg heute. Also sollte ich mich nicht mit wehleidiger Rückschau aufhalten. Immerhin bin ich oben und kein bisschen geschwächt. Oder doch? Das wird sich erweisen.

Die Abfahrt nach Valsonne ist dafür umso angenehmer. Die Straße ist sehr schmal und sehr ruhig. Mit einer vernünftigen Gangschaltung könnte ich hier den ganzen Tag ’rauf und ’runterfahren. In Valsonne muss ich mich zwischen dem kürzesten und dem landschaftlich schönen Weg nach Tarare entscheiden. Was für eine Frage! Natürlich nehme ich den schönen. Um ihn zu erreichen, muss ich jedoch erst ein paar Kilometer weiter ins Tal in Richtung St. Clément fahren. Das werde ich dann wohl wieder hinaufklettern müssen. Ach was, die paar Meter. Beim nächsten Abzweig biege ich rechts ab. Kurz darauf gabelt sich die Straße, und ich nehme den rechten, der Beschilderung nach Tarare folgend. Glaube ich jedenfalls. Der Anstieg lässt mich die gerade überstandene Auffahrt rasch vergessen. Die »paar Meter« hinab nach St. Clément reuen mich allerdings rasch. Neun Prozent? Mindestens 14! Es wird so steil, dass ich sogar mal absteige. Aber das ist auch nicht gerade leicht. Also wieder in die Pedale. Ich bewältige den Berg in Serpentinen, von denen die Straßenbauer sicherlich nichts wissen, immer im Zickzack über die Straße. Es ist ein Elend, und so herausragend ist die Landschaft dabei keinesfalls. Als mich ein Auto überholt, verfolge ich sein Motorengeräusch so weit wie möglich, um den weiteren Verlauf und ein mögliches Ende des Anstiegs erahnen zu können. Ich kann es noch sehr lange knattern hören. Das ist kein rechtes Ziel für diese Schinderei. Da müssen andere Motivationen her, Nahziele gewissermaßen. Es bleibt schwer.

Aber auch dieser Anstieg hat irgendwann ein Ende, und als ich dann mal wieder einen Blick auf die Karte mit Hoffnung auf Perspektive werfe, erkenne ich meinen Irrtum. Dies ist eine recht kurze, zwar viel zu flach klassifizierte, aber nicht grün markierte Straße. Ich hätte wohl vorhin dem linken Zweig folgen müssen. Der wäre sicherlich auch flacher gewesen, denn er ist deutlich länger. Habe ich nun also die Beschilderung falsch gelesen? Jetzt ist diese Erörterung ohnehin müßig. Wenn ich das nächste Mal hier vorbei komme, weiß ich Bescheid. – Ortseingang von Tarare. Ah, diese Stadt hat eine Partnergemeinde in Allemagne. Wo liegt das Nest?! In Badenwürtenberg? Ah ja, die besuchen sich wohl nicht allzu oft. Ich ziehe den Kuli heraus und korrigiere drei Fehler. Na gut, von weitem wird das nicht zu sehen sein, aber vielleicht sieht’s ja doch mal jemand. Im Grunde müsste das dann bei der Ausfahrt ja so ähnlich aussehen, aber ich bin ja nicht gekommen, um Städtepartnerschaften zu retten.

Hier sollte ich mir mal ein schattiges Plätzchen suchen und wieder etwas Substanzielles essen. Es wird Zeit. Indes kann ich Runden drehen, wie ich will – es gibt nur geschlossene Läden. Zwar würde kaum ein vernünftiger Mensch bei dieser Hitze freiwillig arbeiten, aber es gibt ja auch unvernünftige, was man schon daran sehen kann, dass ich jetzt unterwegs bin, und dann bleiben noch die Unfreiwilligen. Es dauert einige Zeit, bis ich einen Laden finde. Dann versorge ich mich, suche mir eine Bank, und dort finde ich es für die Dauer meiner Mahlzeit ausgesprochen lauschig.

unklar unklar

Ausfahrt: Abseits der Hauptstraße geht es wieder in die Berge. Höher hinaus als bisher heute, aber diesmal nicht so steil, und das allein bestimmt die Tonart der Musik. Je mehr ich an Höhe gewinne, desto angenehmer wird die Landschaft. Bald kann ich die ganze Stadt überblicken, und irgendwann versinken auch die bisherigen Pässe unter mir, allerdings auch in der Ferne im Dunst. Nach wie vor weht ein frisches Lüftchen, und je weiter ich nach oben komme, desto intensiver wird es. Zwar unterstützt mich der Wind nicht gerade, aber ich empfinde ihn auch nicht als Handicap. Als ich schließlich wieder einmal einen Höhepunkt erreiche und mich im Schatten eines einzelnen Baumes zur Stärkung setze, veranstaltet der Wind einen Pauken- und Trommelwirbel mit der Informationstafel neben mir. Wie lange wird die das wohl aushalten? Ein paar Meter neben mir hält eine junge Frau mit ihrem Kleinwagen und macht sich auf den Weg zu einem nahegelegenen Hügel. Nach einer Wanderung sieht das nicht gerade aus. Sie hat nur eine Decke dabei. Vielleicht will sie in der Nachmittagssonne eine längere Arbeitspause verbringen. Das wäre jetzt was! Aber ich verwerfe rasch den Gedanken. Sonnenanbeter bin ich ja nicht gerade. Und außerdem würde mir ohne jede Bewegung bei dieser Bestrahlung sofort der Schweiß ausbrechen, und kein Fahrtwind wäre da, der ihn wegtrocknete. Na gut, an sich ist auch ohne Fahrt genug Wind da. Einerlei. Das würde mir viel zu viel innere Unruhe erzeugen, einfach dazuliegen und nichts zu tun.

Also geht’s nach beendeter Mahlzeit weiter. Die Straße geht nicht immer den direkten Weg nach Süden. Mal mehr nach Südwesten wie jetzt, mal eher nach Südosten wie nach dem nächsten Abzweig. Kurz vor St. Laurent überholt mich ein PKW sehr knapp – und in dem Moment, als die Beifahrertür direkt neben mir ist, schreit mich einer an. Dieses Arschloch! Den müsste man doch direkt aus dem Verkehr ziehen. Aber sie werden wohl nicht freiwillig gegen den nächsten Baum fahren. Ich bin ja auch nicht freiwillig vor lauter Schreck in den Straßengraben gefahren. Aber erschreckt haben sie mich schon. Das war nicht die Situation, wo ich mit knappem Überholen rechnete, denn es herrschte kein Gegenverkehr. Was kann ich in meiner Wut jetzt machen? Einfach auch mal losschreien? Es würde wohl kaum jemanden beeindrucken, denn es ist keiner da. Zwar habe ich das Kennzeichen des Wagens, aber was soll ich damit? Er ist über alle Berge. Oder auch nicht. Der Wagen kommt kurz hinter der nächsten Ortseinfahrt aus einer Seitenstraße heraus. Na, und jetzt? Mit Steinen werfen? Ich habe keine. Er sieht meinen Mittelfinger. Das ist an sich schon etwas leichtsinnig, denn die stärkeren Argumente hat allemal er, aber was soll er jetzt machen? Mich umfahren? Vor aller Augen im Stadtverkehr? Zwar drehe ich mich nicht um, denn das würde mich unsicherer erscheinen lassen, als ich mich tatsächlich fühle, und den Gefallen will ich ihm auf keinen Fall tun, aber zwischen meinem Rücklicht und seinem Kotflügel sind kaum mehr als fünf Meter – so viel ist sicher. Auf spontane Bremsversuche verzichte ich jetzt also lieber. An der nächsten Kreuzung muss ich abbiegen, und seine Richtung scheint das nicht zu sein. Damit bin ich ihn wohl los – bzw. sie, denn es waren ja mehrere Insassen im Wagen. Wer hat wohl jetzt in dieser Szene letztlich das bessere Gefühl gehabt? Wahrscheinlich er. Und wäre das anders gewesen, wenn ich ihn nicht zurückgeärgert hätte? Gewiss nicht. War es also eine gute Idee von mir? Wahrscheinlich auch nicht, aber ich habe das Gefühl, nicht gänzlich passiv geblieben zu sein. Letztlich bin ich der Schwächere, aber einmal angenommen, ich hätte jetzt nur so zum Spaß ein Auto – was wäre dann? Dann könnte ich ihn auch nicht einfach anfahren. Um ihn wirklich zu ärgern, müsste ich wahrscheinlich ein paar scharfe Tetraeder haben, die ich ihm vor die Reifen schütten könnte, solche Dinger, wie ich sie mal in einem Film gesehen habe, wo sie genau dem Zweck dienten, einen Transporter zu stoppen, indem man ihm die Reifen zerlöcherte. Nur: Über die Dinger würden wahrscheinlich auch Unbeteiligte fahren. Aber so ist das im Kampf – man kann ihn kaum ausfechten, ohne dass Unbeteiligte auch etwas abbekommen. Also war die reale Variante vielleicht doch die beste.

Sainte-Foy-l'Argentière

Als Ziel strebe ich für heute St. Etienne an. Da wird es langsam Zeit, sich um die Übernachtung zu kümmern. Ich krame meine Adressverzeichnisse heraus. Bei nächster Gelegenheit sollte ich einfach mal anrufen. Das Verzeichnis »Radfahrer empfangen Radfahrer« (CAC) weist für zwei Nachbarstädte von St. Etienne Adressen aus, eine davon beherbergt sogar den Organisator des französischen Verzeichnisses. Das wäre vielleicht auch mal nicht schlecht. Ein erster Anruf von Ste. Foy aus ergibt zunächst mal gar nichts. Also fahren wir doch erst aus dem Tal heraus. Vielleicht sind auf dem Berg die Verbindungen besser. Und bis dahin vergeht auch etwas Zeit. Der normale Mensch geht ja tagsüber an Wochentagen arbeiten. Was erwarte ich also?

Die Auffahrt zieht sich hin. Der Höhenunterschied ist Arbeit für eine Stunde. Oben erreiche ich ein Dorf, und gleich am Ortseingang, hinter einer Kirche, steht eine Telefonzelle. Also, in St. Etienne wird das heute wohl nichts. Versuche ich es also noch einmal in St. Just. Zwar wollte ich ein Stückchen weiter kommen, aber was soll’s, wenn ich dafür vielleicht ein paar nette Gespräche habe? Und tatsächlich – es nimmt jemand ab. Ich stelle mich auf französisch vor, so gut das geht, und frage dann aber angesichts der viel versprechenden Eintragungen im Adressverzeichnis nach, ob mein Gegenüber auch englisch spricht. Er, Julien Launay, tut es, und sogleich funktioniert die Konversation viel flüssiger. Ja, ich könne heute Abend kommen. Da gäbe es nur ein Problem: Er selbst sei mit seiner Freundin zu Freunden eingeladen und werde wohl erst sehr spät zurückkehren. Wenn ich wolle, könne ich mit zu den Freunden kommen. Hm, ja, warum nicht, aber es dauert noch eine Weile, bis ich da bin. Das sind immerhin noch etwa 30 Kilometer, und nein, in einer Stunde ist das beim besten Willen nicht zu schaffen. Also gut, dann ruf, sobald Du da bist, folgende Nummer an. Er sagt mir die Nummer. Wir verabschieden uns bis auf weiteres. Also, jetzt habe ich ja ein Ziel. Folglich ändere ich meine Route, was zur Folge hat, dass ich nach zehn Kilometern die grün markierten Straßen verlasse. Die Fahrt führt ganz allmählich in die Ebene hinab, dorthin, wo irgendwo und irgendwann die Loire kommen muss. Das ist ja immerhin ein Fluss nicht gänzlich ohne Bedeutung. Verpassen sollte ich das nicht.

Die weitere Fahrt ist nicht spektakulär. Ich gerate ein wenig in den Feierabendverkehr, aber es läuft nichts ab, was mich beunruhigen, erregen oder gar erschrecken könnte. Niemand verliert die Ruhe, also warum sollte ich? Und auf diese Weise lande ich schließlich auch in diesem Konglomerat, das sich St. Just-St. Rambert nennt. Ich irre durch die Stadt, bis ich den vereinbarten Platz finde, hinter einer Eisenbahnbrücke, gegenüber einem Supermarkt und in der Nähe eines Friedhofes. Hier muss das wohl sein. Ich verkrieche mich erneut in einer Telefonzelle und rufe an. Ja, ich komme und hole Dich ab. Derweil esse ich mal wieder. Zehn Minuten später fährt ein staubiger Wagen vor, und mein Gastgeber, ein Mann Anfang 30, steigt aus. Wir verständigen uns darauf, dass ich ihm einfach hinterherfahre. Über Stock und Stein, unmöglich zu finden, finde ich mich schließlich abseits aller Straßenschilder und Hausnummern vor einem Haus wieder, das er sein eigen nennt und in dem er mit seiner Freundin Bernadette wohnt. Sie ist noch auf der »Party«, also jedenfalls bei diesen Freunden. Ich packe aus, dusche mich rasch, ziehe mich etwas frischer an, steige wieder in sein Auto, und dann braust er los. Man kann nicht gerade sagen, dass er rast, aber das Fahrwerk hat auf der schlechten Straße extrem zu leiden, denn als angepasst kann sein Tempo auch nicht gelten. Wenige Minuten später sind wir da. An einem Hang stehen einige neue Häuser, durchaus Mittelstand repräsentierend…, jungen Mittelstand, denn die Gegend will erst noch wieder mit Bäumen bepflanzt werden, und bis die Schatten spenden, sind die Kinder alle aus dem Gröbsten ’raus – auch die, die erst noch gezeugt werden, um die Familie zu vervollständigen. Hier hat sich heute Abend die Elterngeneration getroffen, und man speist zu Abend. Es gibt Wildschwein. Das meiste ist allerdings bereits aufgeteilt, aber ich bin ja nicht hergekommen, um mir hier als Wildfremder den Bauch vollzuschlagen, sondern um vielleicht das eine oder andere Wort zu verstehen. Na ja, und so kommt es dann leider auch: Nur das eine oder andere. Nach einer Vorstellungsrunde nehmen die Gespräche ihren Fortgang, und ich begnüge mich damit, Gestik, Mimik und Temperament vor allem eines der Männer zu verfolgen und zu bewundern – so reden junge Franzosen, wenn sie jemanden überzeugen wollen und es ihnen dann auch gelingt, oder wenn sie unterhalten wollen und sie auch dies schaffen. Worum es geht, kann ich nur ahnen, und das ist auch wirklich nicht wichtig. Was mir zunehmend wichtiger wird, ist die nächtliche Kühle. Nachdem die Sonne im Westen über den beachtlichen Höhenzügen des Zentralmassivs glutrot untergegangen ist, tröstet noch eine Weile die Dämmerung, aber als die dann schließlich auch ausgeknipst ist, wird es richtiggehend kühl. Und ich Depp habe meine langen Hosen gegen kurze, mein langes Hemd gegen ein kurzes eingetauscht, und jetzt bin ich in diesem Aufzug nicht nur der einzige, nordisch scheinbar Frostsichere, sondern bewege mich auch noch kein bisschen, und dabei sind Pulsschlag 145 und Blutdruck 160 doch das, was mich schon seit Tagen begleitet und normal für mich ist. Der Kreislauf muss doch jetzt förmlich in konzertierter Aktion aller äußeren Einflüsse zum Stillstand kommen! Nach anderthalb Stunden, als – freilich fürs Abräumen des Tisches – eine Frau ins Haus geht, folge ich ihr einfach mit einer Schüssel in den Armen, um einen Grund zu haben, ein paar Minuten im wärmenden Haus verbringen zu können. Ich komme mit der Frau auf Englisch ein wenig ins Gespräch. Na bitte, was man dann auf einmal alles erfährt!

Gegen Mitternacht brechen wir zu dritt wieder auf. Wäre er nicht so kalt gewesen, hätte es ein richtig netter Abend werden können. Aber das war ja nun meine Schuld. Zu Hause angekommen, wird mir der Arbeitsraum (mit Büroausstattung, vielen Fotos von Kanadareisen und einigen Büchern) zur Schlafstatt angewiesen. Jetzt ist Schlafen angesagt. Ich sehe mich noch ein bisschen um, bevor ich mich im Schlafsack verkrieche. Da fällt mein Blick auf einen Bildband: La Tour du Monde. Mal gucken… Ist nicht wahr! Ein französisches Ehepaar mit dem Fahrrad um die Welt, in 17 Jahren, durch -zig Länder aller Kontinente, mit so und so vielen Pannen, Ersatzteilen für Lenker, Felgen, Reifen, Speichen etc. etc. Ich versinke in dem Buch, das mehr Bilder als Text enthält. Dagegen sind meine Reisehärten doch wirklich Kinderkram. Die letzten fünf Jahre haben sie noch ein Kind durch Nord- und Südamerika gezogen, dann noch durch Afrika, um kurz vor seiner Einschulung wieder Frankreich zu erreichen. Das ist ja der Hammer… Es ist sehr früh, als ich das Buch ins Regal zurückstelle und im Schlafsack verschwinde. Das wird eine kurze Nacht!

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