aktueller Pfad stephangeue.de / trips / 1999 / 19990528.html

27. Mai 27. Mai29. Mai 29. Mai

28. Mai

Mussy-sous-Dun – D316 – Chauffailles – D31 – Belmont-de-la-Loire – D31xD8 – Cours-la-Ville – D64 Ranchal – D54 – Col de Favardy – Saint Nizier-d’Azergues – D9xD485xD9xD23 – Chénelette – D37xD485 – Chauffailles – D316 – Mussy-sous-Dun (79 km)

Der Tag geht los, und ich weiß nicht so richtig, was heute wird. Aller Voraussicht nach werde ich auch die nächste Nacht an derselben Stelle verbringen, also könnte ich mich faul von einer Seite auf die andere drehen. Allerdings ist das nicht Sinn eines Tages bei Servas-Gastgebern. Ich muss erst mal hören, wie meine Hosts sich das vorstellen, was sie heute vorhaben. Schließlich ist Werktag.

Bei diesem »Gespräch« (hoffentlich kann ich die Gänsefüßchen in späteren Jahren einmal weglassen) stellt sich heraus: Yvan geht arbeiten, zwar nicht vor Tau und Tag, aber wird eine ganze Zeit außer Haus sein. Auch Isabelle wird nicht den ganzen Tag zu Hause sein. In der Zeit des leeren Hauses werde ich wohl auch nicht da bleiben, also vielleicht eine Rundfahrt machen. Aber den Vormittag verbringe ich mit Beobachtungen und Kommunikationsversuchen. Dann wird es Mittag geben, und bis dahin werde ich wahrscheinlich eine kleine Rundreise konzipiert haben. Mein Vorteil wird sein, dass ich die Fressphase des Vormittags in Ruhe verbringe. Da schaffe ich sowieso keine langen Strecken. Also setze ich mich für eine halbe Stunde auf den Dachboden auf meinen Schlafsack, zähle Kilometer, beobachte einen »TGV« und habe zum Schluss einen unscheinbaren Rundkurs von gut 100 Kilometern zusammen. Der müsste wohl bis zum frühen Abend zu machen sein, wenn ich schon kein Gepäck mitnehme – außer vielleicht dem Flickzeug und dem Atlas. Isabelle nennt mich verrückt. Wieder einmal. Vorerst kocht sie Mittag. Sie benutzt dazu einen etwas antiquierten Schnellkochtopf, legt das Kochgut, ein großes Stück Fleisch, hinein, entzündet das Gas und überlässt die Angelegenheit sich selbst. Ich bin skeptisch. Einerseits wird sie wissen, was sie tut, und der Topf hat auch ein leistungsfähiges Sicherheitsventil. Andererseits benutze ich auch von Zeit zu Zeit einen Schnellkochtopf und weiß, dass die Hitze nach Erreichen des Maximaldrucks heruntergefahren werden sollte, weil sonst eben das Ventil anspricht und so nach und nach das Wasser verdampft. Und wenn das geschehen ist, unterscheidet sich ein angebranntes Essen im normalen Topf nicht mehr von dem im Schnellkochtopf. Dann ist ja auch der Druck weg. Es dauert ein paar Minuten, und dann beginnt das Hütchen wild zu tanzen. Der Dampf entweicht. Ich kümmere mich lieber um mein Gepäck. Das wäre wohl eine Anmaßung, wenn ich jetzt eigenmächtig nur aufgrund meiner Erfahrungen handeln würde.

Als Isabelle aus dem Ort zurückkehrt, weiß sie, dass sie früher hätte kommen sollen. Sie erklärt mir – auf Deutsch! –, dass sie keine gute Köchin sei und das Essen verbrannt hätte. Na ja. Kann mal vorkommen. Vom Fleisch ist noch was zu retten. Zuweilen wird es ja sogar über offener Flamme gegart.

Nach dem Essen fahre ich los. Draußen ist eine Affenhitze. Vielleicht hat Isabelle Recht. Jedenfalls geht es voran wie schlecht geölt, obwohl ich natürlich keinen Hunger habe. Selbstverständlich geht es so leichter voran als mit all dem Gepäck, aber es ist auch ungewohnt, vorn kein »beruhigendes« Gepäck zu haben. Der Lenker folgt jetzt jedem noch so kleinen Tipp, anstatt sich gemächlich auf die eigentliche Fahrtrichtung auszurichten. Und natürlich muss man schon zur Kenntnis nehmen, dass die Erleichterung vielleicht 20 Prozent beträgt, nicht etwa viel mehr. Das Fahrrad und ich bleiben nach wie vor. Auf den hinteren Gepäckträger habe ich meinen Atlas geklemmt, verpackt in seine bewährte Tüte. Außerdem findet sich darin noch das Werkzeug für eine Reifenpanne. Mehr darf nicht passieren.

Dass es nicht so recht vorangeht, liegt auch daran, dass das Tal bei Mussy, das ich zuerst durchqueren muss und über das der Viadukt führt, doch relativ niedrig liegt im Vergleich zu den Höhen, die meiner harren. Sind es am Anfang vielleicht gut 350 Meter über dem Meeresspiegel, so liegt die erste Anhöhe zwischen Belmont und Cours-la-Ville schon bei 680 Meter. Das sind an sich Kleinigkeiten, eine Stunde Aufstieg, aber eben nicht heute.

Die Landschaft ist dabei schön. Sie erinnert ein wenig an den Thüringer Wald oder das Erzgebirge, und wenn ich mir Mühe geben und hier mehr Zeit verbringen würde, bekäme ich vielleicht auf diesen Höhenzügen heraus, wo welche Wasserscheide verläuft, welche Gewässer sie trennt und wo die abenteuerlichsten Schienenstränge verlaufen. Hinter Cours freue ich mich nach den heftigen Steigungen gleich bei der Ortsausfahrt auf den ersten Wald, weil der mir sogar jetzt bei diesem hohen Sonnenstand Schatten spendet. Nach dem nächsten Höhepunkt bei 755 Metern scheint der Aufstieg erst mal geschafft. Es fährt sich jetzt ganz angenehm. Die Straße folgt glücklicherweise ziemlich konsequent dem Chaos der Höhenlinien, das die Geologie mir hier derzeit bietet. So weiß ich zwar nie genau, wohin die Fahrt geht, aber dafür kann ich mir die Dinge rechts von mir (wo das Tal liegt) aus mindestens zwei Himmelsrichtungen anschauen, manchmal fast rundum.

Kurz vor Ranchal hat der Spaß ein Ende, und es geht wieder bergan. Inzwischen bin ich so langsam zu Kräften gekommen – es scheint für meine Leistungsfähigkeit nicht so sehr darauf anzukommen, nach wie vielen Mahlzeiten oder wie viel Futter ich auf das Rad steige, sondern vielmehr darauf, dass ich meine Warmlaufphase unter möglichst angenehmen Bedingungen absolviere und dafür eine bestimmte Zeit zur Verfügung habe, so ein, zwei Stunden eben. Wenn ich stattdessen in des Tages Mitte Berge zum hors d’œvre nehme, macht’s eben weniger Spaß.

unklar

Die nächste Auffahrt führt über den Col de Favardy, den höchsten Punkt der heutigen Reise. Oben mache ich Pause und widme mich der Verpflegung. Ich habe Mühe, einen Sitzplatz zu finden. Zwar liegen da ein paar Fichtenstämme, aber die Borke ist so rau und meine Hose so dünn, dass dieser Sitzplatz bei aller Rustikalität und Natürlichkeit kein Vergnügen bietet. Da bin ich bald wieder im Sattel. Auf der Abfahrt wird es richtiggehend kühl, und je weiter es nach unten geht, desto steiler wird es. Michelin spendiert zwar mehrere Pfeile, aber sie stehen alle vereinzelt. Dass das hier nur maximal neun Prozent Gefälle sind, mag glauben, wer will. Wahrscheinlich hatten sie gerade keine Druckerschwärze mehr. Die Strecke endet so abrupt und steil, dass ich fast Not habe, an der Hauptstraße zum Stehen zu kommen. Ohne nennenswertes Gepäck auf dem Hinterrad hüpft das schon mal bei solcher Verzögerung – und dann bremst es natürlich nicht mehr. Aber das Fahrrad steht, und jetzt stellt sich allmählich die Frage, ob die ausgearbeitete Route angesichts der fortgeschrittenen Zeit durchgeboxt werden sollte. Ich mache nicht lange ’rum und kürze zehn bis 15 Kilometer. – Als ich einem Klappern am Vorderrad nachgehe, muss ich feststellen, dass nun auch der zweite Lowrider an einer Strebe gebrochen ist und nunmehr stärker schwingen wird als bisher. Tragen kann er das Gepäck zwar noch, aber wie lange, das wird sich erweisen.

Nachdem ich die Hauptstraße (die D485) wieder verlassen habe, geht es erneut in die Berge, aber zuerst versuche ich ein paar Zeichen von der Gleisschleife zu erkennen, die hier vorbeiführt. Die Brücke der Bahn über die Bahn (der »TGV« von Mussy) liegt jedoch auf der anderen Seite der Berge. Die werde ich dann vielleicht morgen sehen, wenn es in Richtung St. Etienne nach Süden geht. Der weitere Weg ist sehr schön. Am Rande eines flach ansteigenden Tals führt die sehr ruhige Straße langsam wieder in die Höhe; erst später nimmt der Anstieg etwas zu. Auf zehn Kilometern sind 250 Meter zu bewältigen. Das hält sich durchaus im Rahmen.

Oben angekommen, folgt eine scharfe Linkskurve, und nun bin ich auf direktem Weg »nach Hause«. Der einzige ernsthafte Berg, der jetzt noch kommt, liegt in Mussy selbst. Zwar brauche ich an der großen Kreuzung zwischen Kamm- und Passstraße (und einem weiteren Abzweig) eine Weile, um herauszufinden, wohin ich denn nun rollen darf – denn es geht praktisch in alle Richtungen mehr oder weniger bergab –, aber nachdem das geklärt ist, zögere ich nicht weiter, denn die Schatten werden länger, und ich will ja nicht erst zu nächtlicher Stunde zurückkommen. So war das jedenfalls nicht gedacht.

Die Fahrt bis Chauffailles ist eine Wucht. Die Pfeile, die Michelin vorhin vergessen hat, haben sie hier verschwendet. Welcher Depp macht bloß so viele Fehler?! Ansonsten ist die Karte exzellent, aber was die Steigungsangaben betrifft, reicht sie nur zum Feuermachen. Das Gefälle liegt hier bei vielleicht drei bis vier Prozent. Ich muss sogar nachtreten, wenn ich auf Touren bleiben will. Aber das macht ausgesprochen großen Spaß. Die Landschaft fliegt an mir vorbei, irgendwann kreuze ich wieder »meine« Eisenbahn, und ich bewundere die Straßenbaukünste, die in dieser keineswegs ebenmäßigen Topologie eine so gleichförmig abfallende Straße zuwege gebracht haben. Auf dem Weg nach Mussy komme ich noch einmal an einem Viadukt über ein Seitental vorbei (wahrscheinlich waren von dem großen Viadukt noch ein paar Steine übrig, denn Bauart und Stil sind identisch) und bin kurz darauf wieder bei meinen Gastgebern in Mussy. Einen meiner Montierhebel habe ich unterwegs verloren. Das hatte ich schon während der Fahrt befürchtet, weil die Tüte für den Atlas natürlich eine riesengroße Öffnung hat. Nur Konsequenzen hätte ich noch daraus ziehen müssen. Vielleicht finde ich ihn ja morgen, was aber natürlich davon abhängt, wo ich ihn verloren habe.

So aufregend wird der Abend nicht. Yvan fährt weg – was er genau macht, verstehe ich nicht so richtig –, und dieses Missverständnis kennzeichnet dann auch die ganze Begegnung: Ich müsste mehr Französisch können, vor allem verstehen, um so etwas wie eine holperige Plauderei auf die Reihe zu kriegen. So herrscht eher Verlegenheit. Na ja, vielleicht im nächsten Jahr oder bei jemandem, der ein bisschen englisch spricht oder gar deutsch. Der Tag endet letztlich so ähnlich wie gestern. Morgen geht’s wieder hinaus in die weite Welt.

27. Mai 27. Mai29. Mai 29. Mai