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27. Mai

la Chaumière – D944 – Château-Chinon – D27xD177xD157 – Onlay – D18xD299xD227 – Chiddes – D124xC?xD985 – Luzy – D27xD25 – Issy-l’Evêque – Gueugnon – D994xD25 – Saint Vincent-Bragny – Saint Aubin-en-Charollais – Charolles – Aigueperse – D987xD43xD10xD66 – Anglure-sous-Dun – Mussy-sous-Dun (161 km)

Das »Einzige«, was am Morgen zu tun bleibt, ist die Inspektion der Wäsche, deren Ergebnis jedoch einigermaßen belanglos ist, weil ich sie ja doch wieder mitnehmen oder sogar anziehen muss, und das Frühstück. Das dauert natürlich, aber irgendwann steige ich mit all meinen Taschen wieder hinab ins Erdgeschoss, belade meinen Drahtesel im Hinterhof, bedanke und verabschiede mich und radle von dannen.

Die Karte verzeichnet hier viele landschaftlich angeblich reizvolle Strecken, jedenfalls finde ich neben vielen Straßen grüne Streifen, und so ist es auch mit meiner Route, und ich muss sagen: Es ist hier wirklich recht nett. Hier hätte ich auch übernachten können. Ich fahre an einem Bach entlang, und Schilder warnen – sogar auf Deutsch – vor Überflutungen und Hochwasser. Das ist ja gerade so wie in der Wüste. Ich erinnere mich, wie ich 1993 im Death Valley Warnschilder sah, die bei knapp 46 Grad im Schatten vor Hochwasser und Überflutungen warnten, und es war weit und breit kein Tropfen Wasser zu sehen, nicht einmal eine Rinne oder ein Flussbett, in dem sich die angekündigten Wassermassen gegebenenfalls hätten dahinwälzen können. Na ja, hier gibt’s immerhin Wasser, und wenig später lerne ich meine Lektion: Solche Schilder finden sich häufig am Unterlauf von Staudämmen, wie niedrig auch immer sie sein mögen. Kurz darauf erreiche ich den gefährlichen Stausee, und zwar ist das Wassergefälle nicht sehr groß, aber wenn sich diese Fläche auch nur um zwei oder drei Meter Höhendifferenz in Bewegung setzt, ist lange nicht Schluss: Der See ist einige Quadratkilometer groß. Aber das Stauwerk sieht nicht wie eine drohende Katastrophe aus. Und ich fahre jetzt ohnehin oberhalb des Sees. Und nicht nur das – von wenigen flachen Abwärtspassagen abgesehen, geht es immer hügelan.

So erreiche ich Château-Chinon. Am Ortseingang wird der Verkehr aus Richtung Norden in die Tiefe umgelenkt. Die Stadt liegt aber oben auf dem Berg, und ich habe überhaupt keine Lust, jetzt wieder hinabzurollen, um kurz darauf alles wieder hinaufklettern zu müssen. Also ignoriere ich die Umleitung kurzerhand, muss nun allerdings sorgfältig auf den Gegenverkehr achten, von dem ich nicht dasselbe erwarten kann. Aber die unsichere Strecke ist nicht lang. Nach wenigen Minuten erreiche ich das Stadtzentrum, und dort hat die Einspurigkeit ein Ende und Einkaufen ist angesagt. Was brauche ich denn so alles? Na ja, das Übliche, würde ich sagen: Viele Kalorien, aber wenig Fett, denn die Berge liegen ja noch vor mir, und mit 70 Kilo fährt es sich objektiv leichter hoch als mit 75. Also keine Schokolade? Aber ja doch! Was haben wir denn noch? Eine Geschäftsstraße bietet alles, was in einer Kleinstadt so nachgefragt werden könnte. Da ist auch eine Buchhandlung. Also, ich werde mir jetzt ganz bestimmt keine französische Literatur kaufen. Aber gucken kann ich ja trotzdem mal, was sie so haben. Von außen natürlich nur, durch die Schaufensterscheibe. Am Ende fragt mich noch jemand: Monsieur, vous désirez? Was soll ich denn da sagen? Sieh an, den Michelin-Atlas haben sie hier auch, natürlich mit französischem Einband. Und ein Jahr jünger. Dauert halt lange, bis man so ein Deckblatt übersetzt und nach Deutschland transportiert hat. Ist ja weit weg. Oder ich habe einen Restbestand gekauft. Einerlei – gute Karten, die nur ein Jahr alt sind, kriegt man von Deutschland auch nicht so ohne weiteres.

Nun muss ich aber weiter, der südliche Teil des Parc régional du Morvan liegt vor mir. Hier werde ich zwar keine solchen Haken schlagen wie im nördlichen Teil, aber schnurgerade verläuft die Route auch nicht. Und flach ist sie nebenbei bemerkt ebenso wenig. Es geht nach einer Weile bergan. Ich fahre durch den Wald, und das ist schon mal schön. An der nächsten Kreuzung hinter dem Anstieg muss ich nach rechts abbiegen. Es geht nach Onlay. Ich stelle bald fest, dass die Kletterei umsonst war – oder sich gelohnt hat. Wie man’s nimmt. Jedenfalls geht es bergab, und zwar lange und tief und kurvenreich. Ich komme gar nicht so richtig in Fahrt, so verwinkelt ist die Straße. – Und dann bin ich unten, über 300 Meter tiefer. An der Kreuzung mit der quer verlaufenden Durchfahrtsstraße mache ich Pause. Da ist auch ein Restaurant und eine Baustelle, auf der gearbeitet wird. Einer der Bauarbeiter scheint mit einer Goldwing »angereist« zu sein, jedenfalls steht das Motorrad eher vor der Baustelle als vor der Kneipe. Alle Wetter! Nobel geht die Welt zugrunde. Von der Bauarbeit kann man, scheint’s, leben. Während ich kaue, umkreise ich die Maschine, die so wendig wie ein Sattelschlepper zu sein scheint. Der Lenker sieht ziemlich dürr aus, ist zwar an den meisten Stellen mit Armaturen verkleidet, aber dort, wo man sein Rohr sieht, wirkt er regelrecht mickrig. Wie schwer solch eine Kiste wohl ist. Also, eine Panne möchte ich damit nicht haben. Dann kann man ja nur noch bergab rollen – wenn man denn noch rollen kann.

Letztlich biege ich links ab und fahre neben einem Bach ein Stückchen in Richtung Südosten. Ich habe leichten Gegenwind. Das hatte ich hier eigentlich nicht erwartet. Ich hatte von dem Mistral gehört, und der solle von den Alpen in Richtung Süden wehen, und zwar heftig. Und die Alpen… na ja, sie liegen wohl doch eher östlich oder gar noch südlich von mir. War also nix. Könnte aber trotzdem von hinten kommen, der Wind. Was heißt eigentlich Rückenwind auf französisch? Also, in Amerika waren das so ziemlich die ersten Vokabeln: head wind und tail wind. Und weil das wörtlich weder mit gegen noch mit dem Rücken zu tun hat, muss ich vorsichtshalber vermuten, dass die Franzosen da auch ihre eigenen Formulierungen haben. Ich muss bei Gelegenheit nachsehen. Jetzt ist aber keine Gelegenheit, denn es geht wieder in die Berge, nachdem ich die Hauptstraße in Richtung Süden verlassen habe. Es geht anständig in die Berge! Die Straße ist schmal wie auf einer Alm, nichtsdestotrotz wollen große Fahrzeuge an mir vorbei. Die Hauptstraße unten im Tal war im Weiteren wegen einer Baustelle gesperrt, und nun wollen Tankwagen, Trecker, LKW und PKW an mir vorbei, als sei ich auf einer Nationalstraße unterwegs. Nur haben sie schon ohne mich mit dem Gegenverkehr Probleme. Was soll das erst noch mit dem langsamen Radfahrer werden? Ich mache Platz, sobald sich dazu vernünftig Gelegenheit bietet.

Allgemein gilt: Je weiter man nach oben kommt, desto übersichtlicher wird das Terrain. Sofern kein Nebel herrscht. Es herrscht kein Nebel. Übersichtlich ist es trotzdem nicht. Es geht auf und ab, links und rechts rum, und immer mal wieder an irgendeiner Ecke steht ein Haus. Es ist ganz hübsch hier, und nachdem die Fahrt insgesamt auf hohem Niveau stattfindet, ist der Hauptteil der Kletterarbeit bereits geleistet, aber ich bin mir keineswegs sicher, noch auf richtiger Route unterwegs zu sein. Und so finde ich mich nach einer Weile in Chiddes, das 5 km abseits meiner Route liegt. Da die Richtung insgesamt aber stimmt, suche ich nun nach dem kürzesten Weg nach Luzy, wo ich eine viertel Stunde später auch eintreffe.

Die Weiterfahrt nach Gueugnon ist nicht weiter spektakulär – nur heiß. Es ist Mittag, und die Hitze ist immerhin so beachtlich, dass sich die Kühe auf der Weide – oder was unter dieser Sonne noch davon übrig geblieben ist – unter dem einzigen großen Baum, der Schatten spendet, zusammenscharen. Und dort sind sie geduldig. Bis zum Geht-nicht-mehr. Ich möchte mal auch nur einen kleinen Teil der Gelassenheit dieser Viecher haben. Da stehen sie also, gut gewärmt durch ihr Fell, bei gut 30 Grad, einige in der Sonne, weil im Schatten nicht genug Platz für alle ist. Und sicherlich – von hier aus kann ich das nicht beurteilen, aber ich habe es schon mal beobachtet – schwirren ihnen die Mistfliegen um die Augen und das Maul und sonst wo noch, und sie können sie weder erschlagen noch fernhalten… es einfach nur erdulden. Nun könnte man sagen, ich sei noch verrückter – oder geduldiger –, weil ich nicht nur nicht im Schatten unterwegs bin, sondern mich sogar noch anstrenge, was keineswegs erforderlich ist, um Nahrung aufzunehmen oder gar am Leben zu bleiben. Aber ich empfinde die Hitze in meiner Kleidung und bei dem, was ich tue, nicht so störend, und dann habe ich noch etwas, was ich den Kühen sicherlich getrost absprechen kann bei dem, was sie tun oder lassen: Ehrgeiz. Aber mal angenommen, man würde hier ein paar Leute einsperren, auf dieser Weide, zu viele für alle Schattenplätze und ein bisschen stinkend, damit auch die Fliegen kommen. Die würden doch alle den Verstand verlieren. Also ich jedenfalls.

In Gueugnon wird erst mal eingekauft. Vor dem Supermarkt bettelt mich einer an. Ich biete ihm von meinen Keksen an, aber die gefallen ihm nicht. Na, dann nicht. Hat wohl keinen Hunger. Ich fahre mampfend langsam weiter durch die Stadt. Die Kirche des Ortes ist von einem riesigen Platz umgeben. Dort stehen auch ein paar Bänke. Hier mache ich erst mal Pause, weil sich beim Fahren doch nicht so richtig essen lässt. Heute Abend würde ich ganz gern einen neuen Versuch unternehmen, bei Servas-Gastgebern »an Land« zu gehen. Dazu muss ich die Herrschaften allerdings anrufen. Ich habe einen Horror davor. Bisher bin ich ja immer bei Anrufbeantwortern gelandet, und die waren anspruchslos, was die Menge und Verständlichkeit meiner Rede angeht. Und sie nahmen es mir auch nicht übel oder wurden ratlos, wenn ich sie nicht verstanden hatte. Aber das eigentliche Ziel meiner Übungen war es ja nicht so sehr, France Télécom ein paar Francs Extraumsatz zu verschaffen, sondern eher mir eine Übernachtung. Also muss ich wohl oder übel auf gut Wetter hoffen. Und tatsächlich habe ich Glück. Die Dame des Hauses, von der es im Adressverzeichnis heißt, sie spreche ein wenig deutsch, ist zu Hause. Aber wie erwartet, verstehen wir einander nicht. Vielmehr missverstehen wir einander. Als ich dann das Wort Servas einige weitere Male fallen lasse, scheine ich doch eine Tür auf der anderen Seite aufgestoßen zu haben, und ich kann schließlich auch begreiflich machen, dass ich voraussichtlich gegen Abend bei ihnen eintreffen würde. Na ja, ob das jetzt alles so angekommen ist, wie ich es mir dachte…? Aber letztlich ist das Risiko gering. Wenn’s nix wird, schlaf’ ich halt in bewährter Weise. Die Frau scheint mir noch Tipps für die beste Anfahrt geben zu wollen. Ich schätze, das geht weit über meine kommunikativen Fähigkeiten hinaus. Wozu habe ich schließlich einen Atlas und die Adresse?— Eine neue Telefonkarte könnte ich langsam gebrauchen.

Und wie komme ich jetzt aus der Stadt heraus? Auf dieser Straße vielleicht. Nur die Richtung passt nicht ganz, der Sonne nach zu urteilen. Ich sollte einen Stadtplan haben. Aber in diesem Punkt kommen französische Orte, jedenfalls die meisten ab der Kategorie »Kleinstadt«, dem Reisenden sehr entgegen. An vielen Ortseingängen stehen Tafeln mit ausführlichen Ortsplänen, und zwar nicht nur für die Durchfahrt, sondern wirklich zu gebrauchen. Einer solchen »Karte« entnehme ich, dass dies tatsächlich nicht die richtige Richtung ist. Also zurück. Über einen Fluss und einen Hang hinauf, doch halt! Links ist ein Tabac-Laden. Oder ein Zeitungskiosk. Oder eine Bonboniere. Oder alles zusammen. Dort gibt’s jedenfalls Telefonkarten. Zwar habe ich meine Not damit, die Preise für die beiden Angebote mit der enthaltenen Anzahl von Einheiten zu vergleichen, um so das günstigere Teil zu ermitteln, was weniger an den Rechen- als mehr an den Sprachkünsten liegt… »Künsten«! Also, schon das Wort in näherer Umgebung meines Französisch! Letztlich ist der Unterschied nicht so groß – je Einheit jedenfalls. Ich plane noch viele Anrufe, also lange ich hin. Wie steht es um mein Budget? Ach was.

Kurz vor Charolles fällt mir eine interessante Brücke über das Tal auf. Das scheint die Umgehungsstraße für den wahrhaftig nicht so großen Ort zu sein. Sehr großzügig. Aber man gönnt sich ja sonst nichts.

Jetzt wird’s ein bisschen schwierig. Zuerst muss ich die D25 finden, dann an der richtigen Stelle abbiegen und schließlich einen sehr steilen Berg hinauffahren. Auch das Wetter ist inzwischen schwierig geworden. Windig, zuweilen sogar ein paar Tropfen von oben, zusätzlich also noch bedeckt. Und an le Palais bin ich schließlich auch vorbeigefahren. Wo ist überhaupt dieses »le Palais«? Ich bin andauernd an irgendwelchen Gehöften vorbeigekommen, habe kleine Dörfer passiert, eher winzige Siedlungen, x-mal die Karte studiert, aber Ortsschilder scheinen hier Sammlerobjekte zu sein. Es gibt keine. Und dann bin ich in Aigueperse zu einer Zeit, wo ich eigentlich schon bei meinen Gastgebern eintreffen wollte. Bis dorthin sind es aber noch je nach Strecke bis zu 20 Kilometer. Mir fällt mein erster Tag in den USA ein. Halb zwei an Los Angeles International Airport, 60 Kilometer vor mir. Ja, und dann war plötzlich das Hinterrad verbogen, die Karte vom ADAC taugte nur für den Hintern, andere Karten waren nicht so ohne weiteres zu kriegen, Auskünfte musste ich zweimal einholen, um sie einmal zu verstehen, und von der Sonne glaubte ich, dass sie in Amerika im Osten untergeht, was zu einer Irrfahrt über die doppelte Distanz führte mit Ankunftszeit gegen halb elf, tief in der Nacht. So schlimm wird’s hier hoffentlich nicht werden. Ich suche mir eine Telefonzelle und »präzisiere« meine Ankunftszeit.

Wie geht’s jetzt weiter? Klar ist, ich muss über den Berg. Also, da nehme ich doch vielleicht lieber die längere, dafür landschaftlich schönere Strecke. Der Wind sollte zweckmäßigerweise aus einer anderen Richtung wehen, aber das kann ich mir nicht aussuchen. Ab der nächsten Kreuzung wird’s einfacher. Die D66, die dann schon einigermaßen »zielführend« ist, schlängelt sich in erträglichen Prozenten nach oben. Am ersten Pass biege ich ab, fahre erst durch buchstäblich dunklen Tann (schwarz wie die Nacht), dann quasi auf Almwegen und schmalsten -straßen wieder zu Tal. Hoffentlich war das nicht schon zu früh. Noch einen Berg brauche ich nicht. Brauche ich doch! Mussy liegt nämlich am Hang. Zwar beginnt es unten, und darum starte ich – da ich einmal im Tal bin – dort meine ersten Erkundungen zur Gastgeberfamilie, aber eine Straßenbezeichnung will nicht auftauchen, auch die Nummern sind völlig anders. Ist wohl nicht der richtige Ortsteil. Ich fahre unter einem riesigen Viadukt hindurch. Oben soll eine Bahnstrecke das Tal überqueren. Auf der anderen, der Sonnenseite (ja, sie scheint inzwischen wieder, wenn auch inzwischen hart an der Kante) erfahre ich die grausame Wahrheit: Ich muss hinauf, bis zur Eisenbahn. Aber warum auch nicht? Überschlagen habe ich mich heute ja nicht.

Als ich oben bin, ist die Sonne bereits verschwunden. Das wird problematisch. Wenn ich die Leute nicht allein finde, wen soll ich da noch fragen? Um die Zeit scheint hier niemand mehr auf der Straße zu sein. Und eine Telefonzelle ist auch weit und breit nicht zu sehen. Vielleicht unten im Tal. Haha.

Nur Mut und irgendwo angeklopft. Da macht sich noch jemand im Vorgarten zu schaffen. Ich halte der Frau mein Adressverzeichnis unter die Nase, und nach einigem Bedenken werde ich wieder in niedere Regionen des Ortes geschickt. Ich glaube, ich habe sie verstanden. Also denn. Ich rolle eine furchtbar steile Straße hinab und halte mit quietschen Bremsen vor einem einfachen Wohnhaus, klingele und bin – falsch. Aber dichter dran, wie es scheint. Das wird heute Abend noch eine richtige Fitnessübung. Wo geht’s jetzt hin? Nach einiger Diskussion kommt ein Auto. Der richtige Adressat wurde telefonisch benachrichtigt. Welch ein Service! Ah, die Tochter. Sie heißt Isabelle und begrüßt mich, und nach einigen Worten wird mir klar, dass ich den furchtbar steilen Berg wieder hinauf muss. Na, die Gangschaltung wird sich bedanken. Ich auch. Auf den letzten 50 Metern muss ich dann doch bei allem Stolz absteigen, obwohl ich »sûr« war, dass ich es schaffe.

Das richtige Haus macht einen besseren Eindruck. Man sieht, da steckt viel Arbeit drin. Erst später lerne ich, dass beaucoup de travaux genau das ist. Davon erzählt mir zumindest der Mann, Yvan. Er kann wohl ein paar Brocken Englisch, scheint aber nicht sonderlich scharf darauf zu sein, sie auszuprobieren. Dann nicht. Isabelle hat eine Zeit in Deutschland verbracht und spricht daher ein paar Worte deutsch. Aber ein besonderes Sendungsbewusstsein hat sie diesbezüglich auch nicht. Na ja, eigentlich wollte ich ja auch mein Französisch verbessern. Nur wo anfangen? Isabelle erzählt mir erst mal, warum sie am Telefon so lange gebraucht hat, mich einzuordnen. Yvan hatte nämlich in Deutschland einen Unfall, und sie meinte nun zuerst, dass der Unfallgegner am Telefon sei. Dieses Missverständnis zumindest hätten wir schnell aus der Welt geräumt.

Die beiden haben zwei Kinder und unwahrscheinlich viel Geschmack für die Einrichtung ihrer eher hohen als großflächigen Wohnung. Aus dem Dachgeschoss, wo ich mein Quartier aufschlagen soll, kann ich auf die Bahnlinie gucken, und hin und wieder kommt ein Triebwagen vorbei, ein TGV, wie Isabelle sagt. Das Prunkstück französischer Eisenbahntechnik scheint sie eher mit Ironie wahrzunehmen. Es fährt hier aber nicht lang. Die Strecke ist nicht elektrifiziert.

Für die Kinder bin ich der Fremde schlechthin. Was sollen sie mit jemandem anfangen, der zuerst von weit her kommt, dann auch noch auf dem Fahrrad, was in dieser geologischen Formation verständlicherweise nicht so sehr verbreitet ist, und dann versteht er kaum ein Wort, und was er sagt, ist auch nicht verständlich, egal, ob er deutsch spricht oder so tut, als spräche er französisch.

An dem Haus fällt auf, dass es tatsächlich vom deutschen Schema deutlich abweicht. Man betritt das Gebäude durch die Küche. Sie hat noch Platz für den Esstisch, und es gibt auch noch was zu essen, aber ich gebe mich, als hätte ich den ganzen Tag nichts getan und gerade ausführlich diniert.

Wir klären noch, dass ich am nächsten Tag da bleibe (muss ich an sich nicht haben, aber in den USA hatte ich mit meiner Weiterreise am jeweils nächsten Tag doch gelegentlich etwas Verwunderung ausgelöst, und das will ich hier nach Möglichkeit vermeiden), vielleicht eine kleine Rundreise mache. Dann schaue ich mir mit den Kindern noch einen Zeichentrickfilm an, verstehe natürlich nur Bahnhof – aber was macht das schon – und steige dann in meine Schlafetage hinauf. Es ist schrecklich viel Kram, den ich da ausbreite. Ich muss bei der nächsten Fahrt unbedingt weniger mitnehmen.

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