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26. Mai

D944 (an der TGV-Strecke) – D944xD86 – Noyers – D86 – l’Isle-sur-Serein – D86xD957 – Avallon – D957 – Saint Père – D36 – Usy – D20xD944 – Vésigneux – Queuzon – Chalaux – Marigny-l’Eglise – D210xD6 – Lormes – D944 – Vauclaix – la Chaumière (136 km)

TGV bei Tonnerre

Der Morgen fängt so an, wie der Abend aufgehört hat: laut. Wenigstens weiß ich, dass halb sechs die ersten Züge gen Süden fahren. Oder sollte ich tatsächlich den einen oder anderen dieser Krachmacher übersehen haben? Wer mit diesem oder einem der nächsten Züge fährt und aufmerksam erstens aus seinen verschlafenen Augen und zweitens aus dem Fenster schaut, mag mich dort liegen sehen, ein oder zwei Sekunden lang vielleicht.

Unter diesen Umständen gibt es natürlich kein längeres oder gar mehrfaches Umdrehen und Weiterschlafen. Schlafen schon gleich gar nicht. Jetzt mache ich noch ein morgendliches Foto von diesem hässlichen rasenden Stück Technik, und dann geht’s weiter. Es wird doch bald mal wieder einer kommen? Jetzt ist alles gepackt, jetzt ist schönes Wetter, die Kamera schußbereit, auf dem Film noch Platz, und jetzt macht sich die Kiste rar. Kann ja wohl nicht sein! Da, endlich taucht noch einer auf. Standen wohl doch noch ein paar Leute auf dem Bahnsteig in Paris. Mit einer 500stel dürfte nicht viel schiefgehen.

TGV bei Tonnerre

Als ich wieder auf der Hauptstraße gen Süden bin und fast oben auf dem höchsten Punkt, taucht noch mal ein Zug auf. Ja, so viel zum TGV. Wer weiß, wann ich mal wieder einen sehe. Die Karte weist dessen Strecke künftig weit abseits meiner Route aus. Stattdessen fahre ich in den Parc Regional du Morvan. Dort sind einige Schnörkel geplant. Hoffentlich macht er dann auch was her. – Vorerst werde ich das Flüsschen Serein eine Weile begleiten. Also verlasse ich nach acht Kilometern wieder die Hauptstraße. Nach einer Weile erreiche ich das sehr flache Tal, und wieder einige Minuten später den Ort Noyers, eine kleine Stadt, die den Fluss malerisch umgibt. Hier atme ich zum ersten Mal das normale und typische Frankreich, einen Markt, auf dem es alles Lebensnotwendige gibt. Zwar könnte ich schon etwas gebrauchen, so richtig dringend aber nicht, und das Flair hat seinen Preis. Also gehe ich doch beim Bäcker einkaufen. Der Bäcker verkauft Honig. Und gar nicht mal so teuer. Es ist zwar kein Schnäppchen, gemessen an meinen sonstigen Quellen, allerdings sind die jetzt weit weg, und ich weiß auch nicht, ob der Honig wirklich gut ist, also kalt geschleudert, aber darauf kommt es im Moment jetzt nicht so an. Ich brauche etwas, was dem Baguette die Trockenheit nimmt. Künftig werde ich es also abwechselnd in Honig und in Nugatcreme tunken. Ist das nichts?

Noyers-sur-Serein

Diese Zukunft beginnt gleich am Fluss. Hinter der Brücke, im Schatten einiger Bäume, lasse ich es mir gut gehen. Eine Telefonkarte habe ich leider nicht bekommen, aber ich habe ja gerade erst zu Hause angerufen – nur bei Servas-Anrufen könnte ich sie schon bald vermissen. Aber noch ist es nicht so weit.

Weiter geht’s. Weiter im Tal, eine leichte und recht angenehme Fahrt, jedoch nicht spektakulär. In l’Isle-sur-Serein verlasse ich den Fluss in Richtung Avallon. Der Naturpark liegt deutlich höher als dieses Tal und auch seine Umgebung, und Avallon macht den Anfang. Es geht bergan.

Um die Mittagszeit komme ich in der Stadt an. Es ist ein heißer Tag, und da ich noch in der »Aufwärmphase« bin (also oft zum Essen anhalten muss), kommt mir ein Platz im Zentrum der Stadt gerade recht. Warm im eigentlichen Sinne ist mir allerdings wirklich genug; darum setze ich mich wieder unter die Bäume.

Bevor ich die Stadt wieder verlasse, fahre ich noch ein bisschen in der Altstadt spazieren. Ich möchte die Stadt in Richtung oder besser: entlang des Vallée du Cousin verlassen, und irgendwo finde ich auch Schilder, aber ich traue der Richtung nicht. Jedenfalls fahre ich dann praktisch genau in die entgegengesetzte Richtung, es geht auch ein ganzes Stückchen bergab, aber nur, damit ich noch innerhalb der Stadtgrenzen wieder auf eine Straße in die Höhe treffe, die ich dann auch benutze, weil mir die ganze Beschilderung nicht geheuer ist. Letztlich lande ich auf so etwas wie einer Umgehungsstraße, also nicht gerade einem naturalistischen Reißer. Da kann ich letztlich nichts falsch machen: Die ist gut beschildert, führt in die richtige Richtung, und nach wenigen Kilometern erreiche ich letztlich auch das Vetterntal, allerdings nur auf der Durchquerung. Hier wäre ich dann also herausgekommen. Nicht schlecht, aber nun nicht mehr zu ändern. Stattdessen geht es weiter nach St. Père, wo die heutige Route die erste scharfe Wendung nimmt.

Cure in Saint Père Château de Chastellux-sur-Cure

Eine knappe Stunde später biege ich wieder nach Süden ab, nachdem ich die D944 erreicht habe, auf der meine Fahrt heute morgen auch begann. Jetzt wird die Landschaft richtig interessant, allerdings auch bergig – flaches Mittelgebirge, würde ich sagen. Wald, Wasser, Wiesen und Berge verschmelzen zu einem abwechslungsreichen und überaus grünen Arrangement. Wenn grün beruhigt, müsste ich ja bald apathisch am Straßenrand sitzen. Damit es nicht so weit kommt, thront an einem der Hänge ein Château, ein ziemlich großes, graues Schloss, quasi der Antifarbklecks, aber auch als solcher irgendwie passend und natürlich in toller Lage. Trotzdem möchte ich so ein Ding nicht geschenkt haben. Das macht ja endlos Arbeit und ist vermutlich zu keiner Jahreszeit warm zu kriegen. Was hatten die früher doch für ein erbärmliches Leben!

Lac du Crescent Lac du Crescent

Fünf, sechs Kilometer später beschließe ich eine kleine Abweichung von der Route und steuere nun einen See an, der auf der Karte zwischen den Höhenzügen regelrecht eingeklemmt wirkt. Michelin macht zwar falsche Steigungsangaben, aber insgesamt ist die Gegend viel zu schön, um sich darüber ernstlich aufzuregen. Der Park ist mit seinen Anstiegen etwas für ambitionierte Anfänger oder sagen wir mal: fürs Mittelfeld. Es geht fast immer entweder hoch oder ’runter, und die Höhenunterschiede sind teilweise größer als 100 Meter. Wer so was aus dem Stand macht, verliert trotz allen Grüns, trotz aller Stille und Abgeschiedenheit, trotz verwunschener Gehöfte und Dörflein wahrscheinlich schnell die Freude daran, kann sich zumindest nicht so viel ansehen wie ich, denn ich werde bis zum späten Abend fahren – ziemlich gleichgültig, ob es bergan oder bergab oder beides geht oder was sonst noch an hinderlichen oder begünstigenden Umständen eintreten mag, Reparaturen und Unfälle natürlich ausgenommen.

Ich erreiche den See und weiß auch schon, dass es dahinter noch weiter hinaufgehen wird. Na, und? Die Abfahrt ist Spitze. Schmal, hinter Wiesenrainen verborgen, zieht die Straße ihre Bahn. Natürlich ist unten dann nicht mehr so viel Tempo geboten, aber für die Auffahrt hat sich wieder alles eingefunden, was eine solche Sache zu einem Vergnügen machen kann – außer dem Rückenwind. Aber mit dem ist so mitten im Wald auch nicht zu rechnen. Es wächst von allen Seiten, kleine, dichte Bäume, alle möglichen Gräser – ich komme mir fast so ein bisschen wie im Urwald vor. Und kein Kraftfahrzeug stört das Idyll. Jedenfalls fast keins.

Bois de la Revenue auf dem Weg nach Marigny-l'Église

Die Auffahrt nach Marigny-l’Eglise zieht sich hin. Aber irgendwann bin ich oben – und wieder in einem Dorf, in dem man meinen könnte, die Leute müssten hier mit Frohsinn ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber ganz so ideal wird’s wohl nicht laufen. Jedenfalls mache ich dort erst mal wieder Pause. Auf den Stufen vor einer kleinen Kirche mache ich Rast und trinke Wasser aus einem nahen Wasserhahn. Wer weiß, ob das immer so gut ist, aber bisher hatte ich keine Beschwerden. Auch hier ist fast nichts los, kaum ein Mensch zu sehen.

Wieder geht es eindeutig ein Stückchen in die »richtige« Richtung, also nach Süden. Wieder führt die Straße durch den Wald, wieder hinauf. Das hier könnte eine Wasserscheide sein, so hoch, wie es hinauf geht. Im Wald überholen mich zwei deutsche Motorradfahrer. Das hat hier, so tief im Hinterland, schon einigen Seltenheitswert. Aber irgendwie muss schließlich jeder, der auf zwei Rädern an die Côte d’Azur will, den Weg dorthin bewältigen. Warum also nicht hier entlang?

Ganz oben, kurz vor der Abfahrt, sehe ich links im Wald die Spuren von Forstarbeiten. Tiefe Reifenspuren haben sich in den Waldboden eingegraben; hier ist kaum noch etwas, wie es vorher war. Riesige Stämme liegen zum Abtransport bereit. Na ja, wer mit dem Wald Geld verdienen will, muss hin und wieder etwas herausholen, keine Frage.

Abfahrten machen fast immer Spaß. Zwischen den nächsten zwei Ortschaften stoße ich auf ein Hindernis besonderer Art: Eine Kuhherde wird über die Straße auf eine neue Weide oder ins Dorf getrieben. Die Viecher zeigen einerseits kein Interesse, mich durchzulassen, aber andererseits haben sie anscheinend so viel Respekt, dass der Viehtrieb nicht mehr so richtig vorangeht. Dabei scheißen sie nach Kräften auf den Asphalt. Hier sind die Wiesen saftig, und entsprechend sieht das Ergebnis aus. Erst als ich Platz mache, funktioniert der Weitermarsch einigermaßen reibungslos.

An der nächsten Hauptstraße wechsle ich erneut die Richtung. Es geht jetzt wieder nach Westen, dorthin, wo allmählich die Sonne sich dem Horizont zuneigt. Zuerst überquere ich einen größeren See, dann den Höhepunkt der heutigen Fahrt, und in Lormes hat die Schnörkelei vorerst ein Ende: Jetzt habe ich wieder – in ganz, ganz großer Entfernung – das Mittelmeer vor mir. Es wird nun Zeit, an eine Übernachtung zu denken. Allerdings ist bislang weder die Sonne untergegangen noch gibt der Stand des Kilometerzählers Anlaß zu besonderem Stolz. Da darf ruhig noch was kommen.

Parc Regional du Morvan

Parc Regional du Morvan

Die nächsten Kilometer führen leicht und elegant wieder in die Niederungen der Gegend, wobei die Aussicht keineswegs vermuten lässt, dass ich mich im Weiteren nur noch dort unten bewegen werde. Es ist eher ein vorübergehender Abstieg.

Ich könnte mich heute Abend durchaus mal mit einem Hotel anfreunden. Ich muss mir nur noch überlegen, welcher Preis mir akzeptabel erscheint, und dann muss ich natürlich noch eins finden. In Vauclaix ist damit erst mal Fehlanzeige. Darf’s heute vielleicht noch Château-Chinon sein? Hm, das ist noch 25 Kilometer hin. Das wird wohl nichts mehr. Aber vielleicht habe ich ja unterwegs Glück.

»Unterwegs« ist indes nicht so einfach. Die Landschaft ist respektabel hügelig. Irgendwie scheint aber die Luft ’raus zu sein. Als ich daher einige Kilometer später an der Straße einen Gasthof sehe, zögere ich nicht, mir »die Sache« wenigstens mal anzusehen. Was wird es wohl kosten, hier eine Nacht zu verbringen und, was viel wichtiger ist, mal eine Dusche zu nehmen? Und werde ich mich verständlich machen können?

Es geht ganz gut. Ich erfahre ja in erster Linie Zahlen. Die habe ich gelernt, und wenn alles nichts hilft, kann man sie international verständlich aufschreiben. Etwa 50 Mark soll eine Nacht kosten. Das sind jedenfalls die günstigsten Zimmer, also diejenigen ohne Dusche. Diese befindet sich dann auf dem Flur. Das Zimmer selbst ist nicht schön, aber ich will damit auch nicht angeben, sondern darin schlafen, und zwar weich und tief und sauber. Das Fahrrad kommt in die Garage, das Gepäck nehme ich zum größten Teil mit ins Zimmer. Meine Herren, das möchte ich ja keine 400 Meter tragen müssen! Auch wenn die ganze Chose durch den Drahtesel noch mal um 20 kg schwerer wird, lässt sie sich doch so unglaublich viel eleganter transportieren. Es ist das alte Loblied auf die Erfindung des Rades im Allgemeinen und auf die des Fahrrades im Besonderen.

Dann kommt die Dusche und die Wäsche. Schließlich hat sich einiges angesammelt. Es ist unbeschreiblich, zu welchem Ereignis eine banale Dusche werden kann, wenn man sie nicht allzu oft kriegt. Wie viele Tage ist das jetzt her? Fünf. Wurde auch Zeit! Die Wäsche macht zwar noch etwas Arbeit, aber als es dunkel wird, kann ich in die Federn, und da mache ich auch nicht lange ’rum, sondern schlafe.

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