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25. Mai

Montigny-le-Roi – Nogent – Foulain – Richebourg – Châteauvillain – D107xD396xD145 – Cunfin – D67 – Essoyes – D70 – Gyé-sur-Seine – les Riceys – D17 – Chaource – D444xD944 – Tonnerre – (TGV-Strecke) (162 km)

So ohne Dach wird’s morgens natürlich nicht nur frisch, sondern auch feucht. Da habe ich Glück, dass der Schlafsack reine Synthetik ist. Erstens verträgt er die Feuchtigkeit also, und zweitens muss es eine ganze Menge sein, bis sie durchkommt. Sie kam nicht durch. Ich habe also gut geschlafen, auch wenn ich in der Nacht einige Male wach wurde. Sobald die Sonne sich auf ihre Bahn macht – und sie tut das auf meiner Seite des Hanges –, rolle ich meine Sachen zusammen und suche nach Eßbarem im Gepäck. Ich will mich hier lieber nicht zu lange aufhalten, jedenfalls nicht als jemand, der offensichtlich am Platz übernachtet hat, damit nicht am frühen Morgen noch jemand kassieren kommt.

Martigny-le-Roi

Als ich so weit bin, dass es losgehen kann, sind auch meine deutschen Nachbarn wach. Wir kommen ins Gespräch. Sie erzählen mir, wo sie schon überall waren, aus der Heimat natürlich, und ich mache einige Andeutungen über meine Vorhaben. Vorsichtig natürlich noch, denn große Leistungen waren das ja bisher nicht, und wer bei Kilometer 800 erzählt, er habe noch mehr als 6000 vor sich, der riskiert leicht ungläubige und anderweitige Blicke. Und am Ende wird’s ja gar nichts. Aber dann geht’s los. Die Strecke hier wollte ich ja eigentlich schon gestern zurückgelegt haben. Die D107 soll es heute sein, jedenfalls für den Vormittag. Nach einigem Suchen und Abbiegen gelange ich an der richtigen Stelle zum Ortsausgang. Die Straße wird mich jetzt auf den nächsten 40…50 Kilometern begleiten. Mal sehen, wie sie sich macht.

In Troyes, einer größeren Stadt an der Seine, gibt es eine Servas-Dachgeberin. Das wird eine aufregende Sache, wenn ich sie anrufe. Im Laufe des Vormittags will ich den ersten Versuch starten. Von Christoph Schäfers (Adtranz) habe ich eine französische Telefonkarte mit noch 21 Einheiten bekommen; also muss ich mich nicht auch noch vorher in das Abenteuer stürzen, eine solche Karte zu kaufen – obwohl, das wäre wahrscheinlich die leichtere Übung, weil das kein so komplexer Vorgang ist, ich meinen Gesprächspartner dabei sehe und natürlich keinen Telefonhörer dazu brauche. Aber ich habe keine Wahl. Stopp an der nächsten Telefonzelle. In den Dingern wird es tagsüber immer so wunderbar heiß. Wer nicht weiß, was ein Treibhauseffekt ist, kann es hier lernen. Der erste Versuch endet am Anrufbeantworter. Er singt mir ein Lied vor. Na, prächtig! Das war zwar nicht anstrengend, aber vergeblich. Weiter!

Forêt de Chateauvillain et d'Arc Forêt de Chateauvillain et d'Arc

Die D107 macht was her. Zwischen Richebourg und Châteauvillain verläuft sie ziemlich geradlinig durch einen langen Buchenwald, der nach den Seiten hin schier undurchdringlich scheint. Nur ab und zu führen kleine Schneisen ins Gehölz, die sauber aufgeräumt scheinen. Hier ein Häuschen, und dich findet kein Mensch. Aber es wäre wohl etwas einsam. – Gegen Mittag verlasse ich die D107. Die Landschaft lockert auf, weniger Wald, mehr Felder, Weinfelder: Ich nähere mich der Champagne. In Essoyes mache ich neben einem Fluss Halt. Einkauf, Rast, neuer Versuch in einer Telefonzelle. Wieder ein Lied. Das wird ein richtig erfolgreicher Tag!

Essoyes an der l'Ource l'Ource in Essoyes

Mit meinen Einkäufen setze ich mich auf eine Bank und beginne zu stopfen. Der Fluss ist toll. Im Ort soll Renoir geboren worden sein oder zumindest ein Atelier gehabt haben. Aber mit einem Besuch dieser Kulturstätte wird’s wohl nix. Für einen Apfel beginne ich, in meiner Seitentasche nach dem Messer zu fahnden. Diese tiefen Hosentaschen sind schrecklich praktisch, weil so viel ’reinpasst. Problematisch daran ist nur, dass das Gesuchte stets ganz unten liegt. Ich wühle. Gerade habe ich das Messer erhascht, als aus unerfindlichen Gründen mein Kamm den Weg ins Freie gefunden hat. Nun, normalerweise würde ich ihn aufheben und wieder einstecken. Dumm ist nur, dass ich direkt neben dem Fluss sitze, und deshalb liegt das wertvolle Stück jetzt einen halben Meter tief im steingefassten Flussbett – mit schöner Strömung natürlich. Und nun? Natürlich muss ich den wieder haben. Da das Wasser klar ist, raffe ich die Hosen und steige publikumswirksam in die Fluten. Hat ihn!

Das wird rasch trocknen. Glücklicherweise ist das Wasser klar. Und die Sonne heiß. Ich setze meine Mahlzeit fort. Da fällt mir ein junger Vogel auf, der traurig und verloren ganz in meiner Nähe hockt. Oben im Baum sitzen Mama und Papa und piepen. Da hat es wohl einen Unfall gegeben. Was macht der Kleine nun hier? Irgendwie will oder kann er nicht wegfliegen. Ich habe zwar keine vogelkindgerechte Nahrung, aber ein Stückchen Baguette will ich riskieren. Indes, er hat wohl schon mit dem Leben abgeschlossen, jedenfalls reizt ihn das Zeug nicht so sonderlich. Ich fürchte, da kann ich ihm nicht mehr helfen. Anfassen geht ja auch nicht.

Es ist jetzt so, dass Troyes gute 40 Kilometer abseits meiner Route liegt. Also sollte ich nicht hinfahren, wenn ich dort ohnehin nicht übernachten kann. Aber heute ist Werktag, und da kann ich nicht erwarten, dass jeder zu Hause sitzt und auf Anrufe von fremden Menschen lauert. 20 Kilometer will ich noch entlang meiner Route fahren. Dann ergibt sich die Möglichkeit, ein längeres Stückchen auf die Verbindungsstraße zwischen meinem eigentlich Tagesziel und Troyes zuzufahren, zwar ein Abweichen von der eigentlichen Route und auch ein Umweg, falls das in Troyes nichts werden sollte, aber zu beiden Orten wäre der Umweg nicht länger als 15 oder 20 Kilometer. Das ist schon vertretbar.

Im nächsten Ort überquere ich die Seine. Das ist hier eher ein unscheinbares Flüsschen im Vergleich zu Paris. Da muss also noch einiges zusammenfließen, bis ein Hauptstadtgewässer draus wird.

Champagne

Die Gegend steht voll im Zeichen des Champagner. In den Ortschaften reiht sich ein Hof an den anderen, überall werden Möglichkeiten zur Verkostung, Bewirtung und natürlich zum Einkauf angeboten, und die Grundstücke, die als Kelterei und Keller ausgewiesen sind, zeugen von Wohlstand. Und die Felder um die Ortschaften sind mit Wein bepflanzt. Traktoren versprühen Gift. Oder was sonst? Jedenfalls regt sich neben dem Wein kein unerwünschtes Grün. Bloß weg hier, sonst hole ich mir noch einen Hautausschlag!

In Chaource muss ich mich entscheiden. Auch beim dritten Mal nur der Anrufbeantworter. Nun reicht’s! Das kostet schließlich auch Geld. Also, auf nach Süden. Die Strecke ist auf der Karte als wichtige Straße ohne grünen Streifen ausgewiesen, und sie ist auch nicht so besonders schön, aber es lässt sich gut aushalten. Tonnerre wird nun voraussichtlich mein Nachtquartier. Wegen des letztlich überflüssigen Umwegs komme ich heute wahrscheinlich nicht weiter. Die Stadt liegt im Tal und an dessen Südhang. Ich sehe sie unter mir liegen, oder eher: vor mir. So tief ist das Tal nun auch wieder nicht. Hier wäre es mal an der Zeit, einen telefonischen Gruß in die Heimat zu senden. Ich drehe meine Kreise durch die Stadt, und was ich suche, weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht ein Hotel? Oder eine andere Herberge? Na, jedenfalls erst mal ein Telefon. Ich rufe an, erkläre, wo ich bin und neben freudiger Erleichterung vernehme ich den Rat, dass es wohl für heute dann langsam reiche. Na, stimmt ja eigentlich auch. Aber mir wird schon eine Lösung einfallen.

Auf der Karte ist hinter der Stadt eine TGV-Strecke eingezeichnet. Das wäre doch ein Quartier. So einen Zug möchte ich schon mal sehen. Wer weiß, wie lange ich darauf werde warten müssen. Also schwinge ich mich wieder in den Sattel, suche mir die steilste Ausfahrt und kurbele mich im Stehen den Berg hinauf. Es hätte wirklich bequemere Ausfahrten gegeben, aber das sehe ich erst, als ich oben die Karte konsultiere. Das ist hier jetzt zwar schön übersichtlich, aber ich bin erst mal schweißgebadet. So gefällt’s mir eigentlich nicht für die Lagersuche, aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Noch sind die Gleise auch nicht erreicht. Erst mal unterquere ich eine Umgehungsstraße. Dann ist der Scheitelpunkt erreicht und es geht wieder leicht bergab. Da hinten, zwischen den Hügeln scheint ein Gleis zu verlaufen. Rasch näher, sonst verpasse ich womöglich den einzigen Abendzug. Aber wann der kommt, weiß ich natürlich überhaupt nicht.

Unter einer unscheinbaren Brücke geht’s hindurch. Das Einzige, was an Modernität gemahnt, ist die elektrische Oberleitung. Gleich hinter der Brücke biegt links ein Weg ab. Rechts daneben ein Maisfeld, teilweise abgeerntet. Dort werde ich mich hinpflanzen, mit dem Blick nach Norden auf den Bahndamm. Dann werde ich die Eisenbahn ja hoffentlich nicht verpassen, wenn mal eine kommt. Ich bocke das Rad auf, da höre ich ein Geräusch, das eigentlich nicht von Autos kommen kann. Der TGV! Mensch, habe ich ein Glück! Noch keine fünf Minuten hier, und schon kommt einer. Das ist wirklich ein schneller Zug. In 100 Meter Entfernung wird das auch akustisch klar. Anderthalb Sekunden später donnert er ohrenbetäubend an mir vorbei. Der Lärm macht ihn glatt 100 km/h schneller. Das waren bestimmt über 300 km/h. So muss ein schneller Zug fahren. (Vielleicht nicht so laut.) Mal sehen, wann ich das mal bei der Deutschen Bahn erlebe. Aber wir arbeiten ja fleißig am ICE3.

In den nächsten Minuten rolle ich die Isomatte und den Schlafsack aus, zufrieden, den Zug so günstig abgepasst zu haben. Da, der nächste! Wahnsinn! Der fährt in dieselbe Richtung, und das nach gerade fünf Minuten?! Na, mir soll’s recht sein. Habe ich halt gleich zwei gesehen. Schön sind diese Züge allerdings nicht. Ich suche mein Quartier auf, und als nach zehn Minuten wieder einer vorüberdonnert, schwant mir, dass der TGV vielleicht öfter fährt als der ICE und dass dieser Schlafplatz möglicherweise nur ein Liegeplatz ist.

Das geht so bis 23 Uhr. Dann scheinen die Geschäftsleute aus dem Süden alle wieder in Paris zu sein, und der Spuk hat ein Ende. Nur einmal, zwischen zwei TGVs, tuckelt eine kleine Inspektionslok über die Strecke. Die muss machen, dass sie nicht vom Gleis geschubst wird, denke ich. Aber bevor der nächste Kracher kommt, ist sie wieder verschwunden.

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