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24. Mai

Ferdrupt – N66 – Rupt-sur-Moselle – Col du Mont de Fourche – D6 – Raddon – D18 – Fougerolles – D83 – Corbenay – Saint Loup-sur-Semouse – D417 – Mailleroncourt-Saint Pancras – Departement-Grenze bei Grignoncourt – Mailleroncourt-Saint Pancras – Bourbonne-les-Bains – Montigny-le-Roi (158 km)

Als ich erwache, ist tolles Wetter: Die Vogesen liegen hinter mir, die Wolken ebenfalls, und Pfingsten…, nein, heute ist ja erst Montag. Also muss ich noch »aus dem Koffer leben«. Es wird schon gehen. Meine Energierationen sind jedenfalls beeindruckend, nahezu unangetastet. Wie es um den Rest bestellt ist, muss eine Inventur zeigen. Ich rolle meinen Schlafsack zusammen, packe alles ein, hieve den ganzen Kram wieder ins »Parterre« – na ja, wie ein Wohnzimmer sieht ein Sägewerk nicht aus –, und los geht’s. Schnell weg, falls mich jemand beim Verlassen des Grundstücks gesehen haben sollte.

Indes fällt mir beim Fahren bald wieder ein, welche Sorgen ich gestern in den Bergen mit der Technik hatte. Wegen des Frühstücks muss ich ohnehin bald anhalten. Nach wenigen Kilometern liegt rechts ein Rastplatz an der Straße, leer, schön übersichtlich, in der prallen Morgensonne. Ideal zumindest zum Frühstücken, und fürs Reparieren zumindest einer der geeignetsten Orte, wenn man einmal davon absieht, dass Reparieren auf großer Fahrt grundsätzlich unerwünscht ist.

Ich beschließe, die Nabe im gleißenden Prüflicht in alle Einzelteile zu zerlegen. Nun, bis zur letzten Feder wird’s dann doch nichts, aber ich bin selten so weit vorgedrungen, und wie fast jedes Mal, so kann ich auch bei dieser Inspektion nichts Verdächtiges erkennen. Das, was gefettet werden muss, erhält Fett, die übrigen Teile einen Tropfen Öl, und das Einzige, was ich wohl anders mache als bei der letzten Montage, ist der Platz, den ich den Lagern diesmal lasse, sprich: Das Ganze wird nicht so fest gekontert. Dieses Geheimrezept habe ich von Heiner im E-Werk, und es wird Gelegenheit sein zu prüfen, ob es etwas taugt. Nach einem Ausflug in die Büsche packe ich wieder alles auf und schwinge mich in den Sattel. Nach wenigen Sekunden gibt es einen Schlag, dass ich denke, die ganze Nabe fliegt auseinander. Da habe ich wohl einen Fehler gemacht. Aber was soll ich jetzt tun? Erst mal weiter.

Nach wenigen Minuten erreiche ich Rupt-sur-Moselle. Nachdem ich gestern die geplante Abfahrt nach Südwesten verpasst habe, will ich nun hier von der Nationalstraße herunter. Als ich anhalte, um mich auf der Karte zu orientieren, sehe ich an der Straße einen Fleischerladen, einen geöffneten, wohlgemerkt. Wenn am Pfingstmontag sonst schon nichts offen ist, warum soll ich mir dann nicht ein paar Eiweißspender besorgen? Vorausgesetzt, das scheitert nicht an meinen Sprachkenntnissen. Also, bon courage und hinein ins Abenteuer! Die Preise sind nicht schlecht: Wenn hier alles so gesalzen ist… Aber es ist schließlich Feiertag, auch wenn ich den Verdacht hege, dass das damit wenig zu tun hat. Außerdem muss ich bedenken, dass ich in Deutschland selten beim Fleischer bin, stattdessen meist im Supermarkt einkaufe, und da existieren eben auch Preisunterschiede. Und zu guter Letzt kauft man ja Milch und Käse normalerweise nicht beim Fleischer, und wenn man es doch tut, so muss man schon damit rechnen, dass diese etwas branchenfremden Produkte auch etwas andere Preise nach sich ziehen. Ich stelle mich bescheiden in eine Ecke, bis die andere Kundschaft bedient ist, damit ich mich wenigstens nicht vor mehr Leuten als unbedingt notwendig blamiere. Der Fleischer merkt wohl schon, bevor ich den Mund öffne, was los ist, jedenfalls geht er ganz unverkrampft an die Verständigung. Ich kaufe mir noch etwas Wurst, auch wenn die irgendwie künstlich aussieht (und so besonders schmeckt sie auch nicht, wie ich später merke), eine in Scheiben, die andere comme ça (also ungeschnitten), und dann geht’s auf in die Berge.

So schlimm sieht’s nicht aus, und so unüberwindlich ist dieses Hindernis auch in der Realität nicht. Wenn ich ernsthaft etwas beim Zusammensetzen der Nabe falsch gemacht habe, wird sie jetzt sicherlich Laut geben. Sie schweigt. Ich deute das vorsichtig als vorläufigen Waffenstillstand.

bei Saint Loup-sur-Semouse

Das Tal vor mir scheint höher zu liegen als das der Mosel. Es ist jedenfalls flacher, aber nach links geht’s doch immerhin so weit hinauf, dass ich vermuten darf, auf der geplanten Route wäre ich noch höher gefahren. An der Straße und einem Bach liegen kleine Ortschaften. Das könnte auch irgendwo zwischen Röhn und Thüringer Wald sein. Nett, wenn auch nicht spektakulär. Aber das hatte ich hier ja auch nicht erwartet.

Nach gut 15 Kilometern wechselt die Szene: Links löst eine Ebene die Hügel ab, und rechts liegen die Berge dafür etwas dichter an der Straße. Dann weiß ich ja, was mich erwartet; denn demnächst muss ich dort hinüber. Hier unten ist die Landschaft auch nicht besonders interessant. Und bevor ich abbiege, diesmal in Richtung Nordwesten, gehe ich noch mal einkaufen. Diesmal stehen Schokolade und anderer Süßkram auf dem Wunschzettel, und dass das hier keine Aldi-Preise sind, nehme ich nur noch als Phänomen Frankreichs und vielleicht der kleinen Läden zur Kenntnis. Jedenfalls hoffe ich nicht mehr, am Dienstag günstigere Konditionen vorzufinden.

Der Abzweig führt auf eine unbedeutende Nebenstraße. Das muss man dem Michelin-Atlas lassen: Es scheint alles eingezeichnet zu sein, was asphaltiert ist, vielleicht auch noch der eine oder andere unbefestigte Weg. Diese Straße führt zunächst in die Berge und Wälder. Im Forst machen sich einige Arbeiter zu schaffen. Sie scheinen Feuerholz zu schlagen, jedenfalls werden die Bäume in ziemlich kleine Stücke zersägt. Derweil bietet die Sonne alles auf, was ihr Ende Mai möglich ist. Da bin ich ganz froh, wenig später im Schatten der Buchen fahren zu können. Das hätte mir mal gestern oder vorgestern jemand erzählen sollen.

Den nächsten Halt mache ich in Mailleroncourt-St.-Pancras an einem Brunnen. Haarewaschen ist angesagt. Ich lege den Fotoapparat zur Seite. Hoffentlich vergesse ich den nachher nicht. Angesichts der Temperaturen landen alle Klamotten im Wasser, einschließlich Hut. Dann wasche ich zuerst mich, danach die Sachen, soweit das mit einem bisschen Seife geht, aber ich will hier ja keinen Modewettbewerb gewinnen. Ich ziehe das Zeug auch gleich wieder an, packe Haarwaschmittel und Seife weg, und weiter geht’s.

Wenige Kilometer später halte ich wieder an: Pause, Futter fassen und ein bisschen in den Schatten legen. Abseits der Straße liegen riesige Splitthaufen (ein Teil davon ist offenbar schon auf der bereits zurückgelegten Strecke verteilt worden), und dort mache ich mich breit. Wie weit werde ich heute wohl noch kommen? Das ist ja fast nie geplant. Vielleicht Châteauvillain, am Ende der D107? Aber um dorthin zu kommen, muss ich erst mal meine Trägheit überwinden. Auf denn also!

Hinter einer Ortschaft überhole ich eine Familie, die einen Nachmittagsausflug mit dem Fahrrad macht. Schade, dass ich nicht genügend französisch kann, um einen Scherz auszutauschen oder eine Frage zu stellen (obwohl ich eigentlich keine Frage habe). Wieder zehn Kilometer später erreiche ich die Grenze des Departements am Ende eines Waldstücks. Ist die Szene vielleicht mal wieder ein Fotomotiv? Die rechte Hand greift mechanisch an die Brust, um den Trageriemen der Kamera zu verschieben. Na ja. Da ist bloß keiner. Wieder einmal gibt es einen Geistesblitz, nur dauert er diesmal etwas länger als eine halbe Sekunde: Vergessen. Wie vermutet. Verdammt! Was jetzt? Zurück? Oder endlich eine neue kaufen? Dann kann ich ja alle anderen Objektive wegschmeißen. Also nicht. Wie weit muss ich nun zurück? Und ist der Apparat noch da? Es ist keine Frage, dass mir die Kamera nicht erst am Splitthaufen abhanden kam, sondern am Brunnen. Die Karte liefert genauere Informationen über das Extra des Tages: 20 Kilometer einfache Strecke. Na prima! Was vom Gepäck irgendwie entbehrlich ist – also eigentlich alles außer dem Flickzeug und den Papieren – landet im Gebüsch, und dergestalt erleichtert mache ich mich auf die Rückfahrt. Also, mit Châteauvillain wird das unter diesen Umständen natürlich heute nichts mehr. Hoffentlich ist der Fotoapparat nun überhaupt noch da. Aber einen solchen Oldtimer wird ja wohl hoffentlich niemand klauen. Wer zum Bezahlen zu faul ist, ist auch zum Messen und Einstellen der Zeiten und Schärfe zu faul – unterstelle ich jetzt einfach mal, um mir Mut zu machen.

Aber auch ohne Gepäck fährt das Fahrrad nicht von allein. Es dauert ungefähr eine Stunde, bis ich den Brunnen wieder erreiche. Und – die Kamera ist weg! Gleichzeitig mit diesem Erkenntnisgewinn sehe ich aber, dass dort jetzt ein mit Steinen beschwerter Zettel liegt. Eine Französischlektion. Grandios! »Monsieur!« Die Kamera befindet sich unter dem Fenster des Hauses, das gegenüber der »Fontaine« steht. Die Fontaine scheint wohl der Ort zu sein, an dem ich den Zettel gefunden habe. In der Tat, eine Minute später halte ich das gute Stück wieder in Händen. Natürlich möchte ich mich bedanken. Aber es ist niemand da, wie ja auch aus dem Zettel hervorgeht. So will ich mir wenigstens die Adresse aufschreiben. Die angegebene Telefonnummer nützt mir vor dem Jahre 2003 (oder wann immer ich einigermaßen telefontaugliches Französisch auf die Beine bringe) nichts. Aber vielleicht langt’s zu einer Karte oder einen kurzen Brief.

Und nun wieder zurück. Was ist jetzt, frage ich mich als Nächstes, wenn nun das versteckte Gepäck weg ist – oder ein Teil davon fehlt? So wahnsinnig aufregend ist die dritte Passage dieser Strecke natürlich trotzdem nicht mehr. Hinzu kommt (das Gepäck findet sich übrigens noch komplett im Gebüsch), dass die Verbindung zwischen Bourbonne und Montigny eine klassische Römerstraße ist. Die Karte verrät es bereits: schnurgerade und ohne Rücksicht auf die Topologie. Die habe ich dann auszubaden – bzw. die Gangschaltung. Aber der steile Anstieg ist kurz, und das Einzige, was mich demnächst wirklich stoppen wird, ist die hereinbrechende Dunkelheit. Trotz aller guten Vorsätze werde ich heute wohl nicht weiter als bis Montigny kommen. Sei’s drum.

Abendstimmung bei Bourbonne-les-Bains.jpg

Ich überquere die erste französische Autobahn – da ist nicht viel los – und erreiche eine Ortschaft auf einem Berg. Vielleicht darf es heute eine preiswerte Herberge sein? Duschen wäre ja kein Fehler. Am Stadtplan orientiere ich mich. Aha, da gibt es auch einen Zeltplatz. Das wäre immerhin eine Ersatzlösung. Bevor ich die Angebote jedoch vergleichen kann, muss ich einen mordsmäßigen Anstieg hinauf. Ich fahre Serpentinen auf der Straße, und überhaupt sollte ich im Interesse der Technik und wahrscheinlich auch meiner Gelenke lieber schieben, aber so ist das nun mal mit den Leuten im Sattel: Wann steigen die schon ab?

Mit Herbergen sieht es am höchsten Punkt der Ortschaft nicht so gut aus. Es ist überhaupt nicht viel los. Na ja, die Feiertage sind nun endgültig vorbei. Morgen muss wieder gearbeitet werden. Kultur- und Entertainmentpaläste stehen auch nicht herum. Da bleibt man doch lieber zu Hause. Außerdem ist nicht ganz sicher, ob der Ort ein großes Dorf oder eine kleine Stadt ist. Ich werde mal sehen, wie der Zeltplatz beschaffen ist.

Es geht ein kleines Stückchen wieder hinab, und dann, auf der rechten Seite, kommt die Zufahrt. Abends nach neun wartet hier niemand mehr auf mich, aber der Empfang deklariert, dass der Zeltplatz entweder von Niederländern gemanagt oder vorwiegend für diese gedacht ist. Das suggeriert jedenfalls die am häufigsten verwendete Sprache. Ganz sicher befindet sich am Eingang eine Dusche. Ich mache gar nicht lange ’rum. Bevor ich irgendetwas anderes unternehme, ist jetzt erst mal Körperpflege angesagt.

Mit einem viel besseren Gefühl und abgeschaltetem Licht fahre ich in der Dämmerung den Weg entlang, der nach den ersten 100 Metern von einzelnen Zelten gesäumt wird. An einem Platz, der etwas abseits liegt, einen Blick auf die letzten 15 Kilometer der Tour, den halben Ort und ein Stückchen der Autobahn freigibt, breite ich die Isomatte und den Schlafsack aus und halte Nachtruhe. Wegen irgendwelcher Registrierungen oder Gebühren begegne ich niemandem und kann lautes Lamentieren über diesen unordentlichen Umstand gerade noch zurückhalten.

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