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23. Mai

Sainte Marie-aux-Mines – D48 – Col des Bagenelles – D148 – Col du Pré de Raves – Col du Bonhomme – Col du Louchbach – Col du Calvaire – D148xD61 – Col de la Schlucht – D430xD431 – Cernay – Than – Col du Hundsrück – Masevaux – D466xD465 – Col du Ballon – D465xN66 – le Thillot – Ferdrupt (157 km)

Die Nacht war gar nicht so schlecht. Aber bei aller Freude auf den Urlaub (der mir sicherlich noch besseres Wetter und interessantere Landschaften bieten wird, als was ich bisher gesehen habe) bzw. über die drei Tage, die ich inzwischen erlebt habe, gehe ich doch nicht so weit zu behaupten, das sei eine abenteuerlich-romantische Nacht gewesen, die einer baldigen Wiederholung bedürfe. Jetzt kommt nämlich erst mal ein ganz unromantischer Teil, nämlich der, den Hinterhof zu verlassen, ohne jemandem (unangenehm) aufzufallen (Was macht der Kerl in meinem Stall?!). Ich packe also alles so unauffällig wie möglich zusammen, lege in meiner »Herberge« alles wieder dorthin, wo es zuvor gelegen hat, werfe einen Blick aus dem Fenster – niemand zu sehen, wer denn auch am Sonntagmorgen um 7? – öffne vorsichtig die Tür, schiebe meine Fracht ins Freie, mich hinterher, schließe die Tür leise und sehe dann zu, dass ich Land gewinne. Die Nacht ist, wenn schon kein Gewinn gewesen, so doch gewonnen.

Ohne Frühstück will ich jedoch nicht in die Berge. Wenige Meter weiter, auf einem Platz vor der Kirche, halte ich also wieder an und mache mich über die verbliebenen Vorräte her. Sie sind weniger geworden. Aber vorläufig droht mir kein Hunger. Ich habe mehrere Kilogramm Powerbar im Gepäck. Das reicht aus der indischen Tiefebene bis auf die höchsten Pfade des Himalaja. Aber es ist natürlich keine Nahrung für den ganzen Tag, schon gar nicht bei diesen Temperaturen. Da taugt es bestenfalls als Plombenzieher. Und Getränke vermag es natürlich auch nicht zu ersetzen. Damit habe ich aber noch keine Probleme und fahre bald wieder los. Es ist kühl, der Himmel bedeckt: Kein schöner Pfingstsonntag. Aber solange es nicht regnet, will ich mich bescheiden und über jeden gesparten Schweißtropfen am Hang fröhlich sein.

Der Anfang lässt sich gut an. Es geht im Tal aufwärts, jedoch zunächst neben einem Bach und einigermaßen flach, gerade richtig für ein Greenhorn in den Bergen, also für ein diesjähriges Greenhorn. Ansonsten halte ich mir ja durchaus eine gewisse Bergfähigkeit zugute. Ich werde sehen, wie sich die Maßstäbe an den Realitäten dieses Jahres machen.

Frankreich, Vogesen

Nach ein paar Kurven wird sichtbar, dass das Tal ein steiles Ende nimmt. Und da ich laut Karte einen Pass vor mir habe, werde ich dieses steile Hindernis wohl überwinden müssen. Am Fuße der Steigung macht die Straße um ein Gehöft herum eine lange 180-Grad-Kurve, und dann geht es in den Wald und etwas steiler nach oben. Nun denn. Da es kühl ist, ist es kein schweißtreibender Aufstieg. An einer Kehre stehen ein paar Motorräder mit deutschen Kennzeichen, an einem Bach machen sich die Fahrer zu schaffen, waschen sich und kochen Kaffee. Hinter den Büschen steht eine Hütte, in der sie offensichtlich übernachtet haben. Ich mache Halt, denn heute morgen habe ich weder richtig gefrühstückt noch mir die Zähne putzen können. Wir kommen ein bisschen ins Gespräch. Mit meinen Plänen halte ich mich zurück – schließlich ist der Anteil der Reise, der noch vor mir liegt, erdrückend groß. Wer weiß, welche Streiche mir die Technik noch spielen wird. Die Männer sind nur über das verlängerte Wochenende unterwegs. So richtig Glück haben sie mit dem Wetter nicht, aber das lässt sich nun mal nicht planen. Weil in der letzten Nacht leider kein geheiztes Bad in meinem Stall war, mache ich auch gleich noch eine kleine Wäsche, obwohl das eher ein Luxus ist: Schließlich bin ich noch nicht oben und werde trotz günstiger äußerer Bedingungen sicherlich noch ein bisschen schwitzen. Aber was soll’s.

Es sind nicht die letzten Biker. In einer anderen Kurve werde ich gelobt: »Vorbildlich!«. Ja, ja, denke ich und erwidere: »Nachmachen!« Das löst nur eingeschränkte Begeisterung aus. »Aber nicht mit diesen Reifen!« ist die Antwort. Freilich, die weiße Alarmspur ist breit und deutlich zu sehen. Auf den ersten Blick würde ich einem solchen Pneu auch keine großen Chancen mehr einräumen. Aber er macht es noch eine Weile, und als Antwort verweise ich auf den Reservereifen, den ich auf den Gepäckträger geklemmt habe.

Frankreich, Fahrrad mit Gepäck

Weiter geht’s nach oben, und weil der Pass letztlich eher zu den harmlosen gehört (jedenfalls für alpine Maßstäbe), bin ich schließlich oben. Der Papierfilm ist immer noch nicht voll, die Aussicht ist im Grunde belämmert; fotografiere ich halt meinen Drahtesel. Jetzt ist schließlich noch alles dran und intakt. Wer weiß, wie lange noch. – Der Pass ist eine Besonderheit. Es gibt zwar auf der anderen Seite einen Weg nach unten, aber mich führt der Weg nach rechts, und da geht es noch weiter nach oben. Ich bin jetzt auf der Route des Crêtes, und das wirft für mich schon einige Fragen auf. »Crêtes« wird wohl nicht ohne Grund großgeschrieben worden sein. Das muss ein Eigenname sein. Von wem? Den Kreten? Schlecht, dass ich mich in der älteren Geschichte der Völker Mitteleuropas überhaupt nicht auskenne. Die Goten, die Kelten, die …, was weiß ich, die Kreten meinetwegen. Hier sind sie also langgezogen. Ich nun hinterher. Zuerst einmal aber ganz gemächlich, weil nach oben. Ich probiere ein(en) Powerbar. Scheußlich, das Zeug, wenn es bei 15 Grad verabreicht wird. Hier ist es wahrscheinlich sogar noch kühler, und im Oberhemd ist zu viel frische Luft, als dass sich der Riegel am Körper nennenswert erwärmen könnte. Aber vielleicht hilft’s. Ich möchte jedenfalls erst mal versuchen, die Zivilisationspfunde abzunehmen, um einfacher die Berge hinaufzukommen, und da haben sich, mit Erinnerung an meine USA-Reise, diese Riegel als wirksam erwiesen. Vielleicht wirken sie ja auch in Europa.

Frankreich, Vogesen

Ich nähere mich dem Col du Bonhomme. Die Straße ist allmählich in die Horizontale übergegangen. Ein Rennfahrer überholt mich. Ich bin in Frankreich. Da werden sie mir wohl noch öfter begegnen. Da, vorne eine Kreuzung, auf der anderen Seite ein Haus. Und da schießt es mir durch den Kopf, fast so wie vorgestern in Ötigheim: 31. Dezember 1992, Fahrt nach St. Dié in klirrender Kälte, der Hauptpass in den Vogesen. Ich war damals von links gekommen, aus der Rheinebene. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals die Querstraße wahrgenommen habe, aber die Szene hat sich eingeprägt, denn damals machte ich Pause, zwar mit einigen Francs in den Taschen, aber ohne Sprachkenntnisse, die über merci und bon jour wesentlich hinausgegangen wären. Also bin ich nicht in die Gaststätte gegangen, habe zwar draußen nicht gerade gefroren, aber warm war mir auch nicht geworden. Die Szene muss sich aber gut eingeprägt haben, sonst hätte es jetzt nicht geblitzt.

Frankreich, Vogesen Frankreich, Vogesen

Diesmal mache ich nicht lange ’rum, sondern überquere die Hauptstraße, um den Anstieg auf der anderen Seite in Angriff zu nehmen. Er ist nicht so wild, aber der Pass ist ein typischer Sattel, ein tiefer Punkt im Kamm also, und auf diesem scheine ich unterwegs zu sein. So geht es auch bald mal wieder bergab, nach einem Abzweig nach links aber wieder hinauf, und permanent bleibt es trüb, trocken und kühl. Es ist fast eine herbstliche Stimmung hier auf der Höhe. Der Laubwald ist immerhin von Zeit zu Zeit fast still, wenn die Motorradfahrer mal mehrere Kilometer entfernt sind. In einer Rechtskurve parken links Autos, viele Autos. Was ist hier los? Eine Tafel verheißt Wanderziele. Mal sehen. Vielleicht kann ich ja eine Pause machen. Ein schwarzer, ein grüner und ein weißer See werden in Aussicht gestellt, aber sie sind ein ganzes Stück entfernt, und ich mag meinen ganzen Kram nicht so weit und so lange aus den Augen lassen. Also überlasse ich die Seen den anderen und fahre weiter.

Nach einiger Zeit erreiche ich den Col de la Schlucht. Ist schon ein merkwürdiger Name. Er hat ganz eindeutig deutschen Ursprung. Die rheinseitige Straße windet sich tatsächlich aus einer tiefen Schlucht herauf. Hier wird endlich der Film voll. Wer wird sich wohl jemals diese Papierbilder anschauen? Egal. Da angesichts des trüben Wetters keine so atemberaubenden Panoramen zu erkennen sind, halte ich mich nicht lange auf und verfolge weiter den Weg der Kreten. Die Straße folgt weiter dem Kamm und muss den geologischen Gegebenheiten Rechnung tragen. Es ist eine kurvige Strecke, selten übersichtlich, und hin und wieder geht es ein paar Meter hinauf, dann wieder hinab. Rechts öffnet sich ein tiefes Tal. Die Farbenvielfalt ist zwar nicht so üppig wie im Herbst, aber dafür enthält sie mehr Grünfacetten als ein Herbstwald: Dunkel die Nadelbäume und heller abgestuft die Laubbäume mit frischen Trieben. Hin und wieder ein See, auch mal eine kleine Siedlung. Die haben bestimmt selten Sonnenschein, so eingeengt zwischen den Bergen.

Frankreich, Vogesen, Col de la Schlucht Frankreich, Vogesen, am Col de la Schlucht
Frankreich, Vogesen Frankreich, Vogesen
Frankreich, Vogesen Frankreich, Vogesen
Frankreich, Vogesen Frankreich, Vogesen

Frankreich, Vogesen

Vor mir habe ich den Grand Ballon, mit über 1400 Metern vorläufig der höchste Berg der bisherigen Tour. Unterwegs habe ich einen jungen Deutschen aufgegabelt. Mit ihm fahre ich auf dieses Zwischenziel zu, und am Nachmittag erreichen wir einen Parkplatz an der Straße, die hier die Bergspitze umrundet. Es ist kalt, oben liegt sogar noch alter Schnee, und angesichts der vielen Touristen habe ich keine Lust, mein Fahrrad hier stehenzulassen, um zu Fuß die Spitze zu erklimmen. Dafür sind 1424 Meter Höhe und die Aussicht nicht hoch genug. Nach einer kurzen Pause mit einem Foto trennen wir uns wieder. Jetzt geht es in weitem Zickzack nach unten. Einen kurzen Halt mache ich noch mal am Hartmannswillerkopf, einer Gedenkstätte für die Gefallenen vor allem des ersten Weltkrieges, allerdings liegen die Grabfelder uneinsehbar abseits der Straße.

Frankreich, Stephan Geue

Wenig später tritt die Rheinebene wieder ins Blickfeld, der Fluss selbst liegt allerdings im Dunst. Nach einer viertel Stunde hat die Talfahrt ein Ende. Es wird wieder warm, wie sich das für einen durchschnittlichen Maitag gehört, die Sicht wird klarer, weil ich den Wolken nicht mehr so nahe bin, und der Architektur nach bin ich praktisch wieder in Deutschland. Praktisch trennen mich allerdings ca. 30 Kilometer von der Grenze. Wenn ich mich jetzt wieder in Richtung Westen abwende, dann wird dies eine gewisse Endgültigkeit haben. Wenig später, in Thann, mache ich noch einmal kurz Pause und gönne mir einen Döner. Der Preis ist heiß: 20 Francs. Das ist Spitze. Eigentlich muss man so viel nur in München zahlen. Und so toll ist das Stück auch nicht. Aber der Türke oder Grieche kann auch ein bisschen deutsch, und so kann ich noch ein paar letzte Worte wechseln, bevor es ins französische Kernland geht.

Frankreich, Vogesen, Rheinebene

Eine frühabendliche Erwärmungsrunde stellt die Auffahrt zum Col du Hundsrück dar, und auf der Abfahrt nach Masevaux stellt sich zum ersten Mal die Frage, ob ich die Nacht noch diesseits oder schon jenseits der Vogesen verbringen will; denn den Col du Hundsrück hätte ich zur Not auch ohne große Umwege ebenerdig umfahren können. Im Moment ist es aber einfach zu früh, um einfach anzuhalten und mich in die Büsche zu schlagen. Also folge ich weiter der Straße in Richtung Westen. Rechts und links begrenzen hohe Berge das Tal, nach vorne ist kein Ausweg erkennbar. Wie auch – zu ebener Erde existiert keiner. Der Col du Ballon liegt in enormer Höhe über mir, ist aber von hier aus nicht erkennbar.

Zur Weiterfahrt wird der Fahrrad- und Fußgängerverkehr auf eine ehemalige Eisenbahnlinie umgeleitet. Normalerweise bin ich Radwegen gegenüber (die ich nicht kenne) ziemlich misstrauisch. Aber eine alte Gleisanlage garantiert meist eine exzellente Streckenführung. Es fährt sich sehr schön. Nur am Vorderrad surrt etwas ungewöhnlich, ein leichtes Scheppern. Und zu den Dingen, die mich auf dem Fahrrad fuchtig machen, sind ungeklärte Geräusche. Ich beuge mich hinab. Nichts zu lokalisieren. Ein Zwischenstopp bringt Licht ins Dunkel: Der Lowrider ist gebrochen. Na prima! Die Bruchstelle hat zwar keine tragende Funktion, sie verhinderte aber bislang seitliches Schwingen der Packtaschen. Künftig werden diese stärker schwingen, und für die verbliebene Aluminiumkonstruktion ist das natürlich das reinste Gift. Ein Bruch an sensibler Stelle ist so nur noch eine Frage der Zeit. Eine Reparatur ist unmöglich, aber glücklicherweise ist die Angelegenheit kein blocking point – ich kann also weiterfahren.

Nach einer halben Stunde kommt der letzte Ort vor der Auffahrt zum Pass. Zwar ging es schon die ganze Zeit leicht nach oben, aber angesichts der in Aussicht stehenden Steigungen war das eher vernachlässigbar. Na gut, dann also los! Die Fahrt geht vorbei an den letzten kleinen Stauseen und schließlich in die Kurven. Hinter einer von denen stehen plötzlich Ziegen auf Straße. Na ja, mit meinem Fußgängertempo umfahre ich sie ohne Probleme, und sie machen sich auch nichts aus mir. Aber wenn Autos kommen… Kurz darauf begegne ich einem Wagen und gebe ihm Zeichen, langsamer zu fahren. Der Fahrer scheint tatsächlich meinem Rat zu folgen, jedenfalls gehen die Bremslichter an, und dort, wo die Tiere auf der Straße waren, wird er ohne Reifenquietschen nochmals langsamer.

Weiter geht’s. Der Berg zieht sich, und der Anstieg ist nicht gerade flach. Nach einer Weile bemerke ich ein Geräusch, das anscheinend aus der Hinterradnabe kommt und das mir nicht gefällt. Das passt jetzt natürlich glänzend: Abends, am Berg, im Wald, ohne Beleuchtung, schon am vierten Reisetag… irgendwas ist da nicht in Ordnung. Ich steige ab, bocke das Rad auf und drehe das Hinterrad: Nichts auffälliges. Ich prüfe das erforderliche Drehmoment beim Drehen des Rades; na ja, es könnte vielleicht etwas leichter gehen. Gibt es ein seitliches Spiel des Rades, d.h., ist es zu schwach gekontert? Nein, keinesfalls. Möglicherweise ist es also gestern früh bei Uwe zu straff gestellt worden. Hm, jetzt kann ich aber erst mal nichts anderes tun als weiterzufahren. Hier lässt sich nur im Fall einer Katastrophe etwas retten.

Bei der Weiterfahrt bin ich natürlich sensibilisiert, und ich höre schabende und feilende Geräusche. Prachtvoll! Wie lange macht die Schaltung das wohl mit? Ich schmiede erste Krisenpläne für das Szenario »Totalausfall an der Côte d’Azur«. Die helfen jetzt aber auch nicht. Und der Berg ist noch lang. Bei all dem Grün um mich herum habe ich leider kaum Ausblick auf das, was mir noch bevorsteht bzw. was ich schon unter mir gelassen habe. Da hilft nur weiterfahren.

Als die Straße sich allmählich aus dem Gedärm des Aufstiegs herauswindet und den Weg in Richtung Westen mit etwas mehr Kontinuität einschlägt, wird sie flacher und lichter. Die Höhe ist inzwischen recht respektabel, das Tageslicht indes nicht mehr so sehr. Ich bin mir nicht sicher, ob die Sonne noch über oder schon unter dem Horizont steht, aber Zeit für eine Quartiersuche ist es sicher. Rechts beginnen ein paar eingezäunte Grundstücke. Da steht so etwas wie ein Wetterhäuschen. Es hat immerhin ein Dach. Wie wär’s also damit? Ich schaue es mir genauer an, und dabei zeigt sich, dass es einerseits relativ verschlossen wirkt, andererseits aber jede Menge Glas herumliegt. Ist wohl doch nicht so das Richtige. Also geht’s erst mal weiter.

An der nächsten Gabelung biege ich rechts ab. Etwas später taucht rechts ein hotelähnliches Gebäude auf. Vor dem Haus steht ein Kastenwagen, vor dessen rückseitiger Tür ein Mann ein Rennrad repariert. Die Szene muss wohl was mit Radsport zu tun haben. Ich stelle mein Fahrrad ab und trete ein. Im Erdgeschoss ist gar nichts los – wohl doch kein Hotel. Im ersten Stock dann gibt es so etwas wie einen Empfang. Ich frage nach, ob das ein Hotel ist, aber die Antwort klingt sehr nach »alles voll«. Na ja, wäre wohl eh zu teuer gewesen. Also geht’s weiter.

Wenig später steht rechts wieder ein Gebäude, diesmal eher ein Ferienhaus, aber es sieht verschlossen und leer aus. Na, umso eher ist es interessant. Aber die Elsässer schließen ihre Häuser sorgfältig ab. Da ist nichts zu machen. Ich erklimme den Balkon im ersten Stock und kriege erst mal einen Schreck: Da brennt Licht. Aber das scheint wohl jemand genau aus diesem Grund angelassen zu haben – oder eben versehentlich. Weil der Himmel noch immer sehr unsicher aussieht, ist mir ein Dach über dem Kopf wichtig, und der Balkon bietet erstens zu wenig Schutz vor Regen bei auch nur leichten südlichen Böen, und zweitens ist er von der Straße sehr gut einsehbar. Ich klettere wieder hinunter. Wieder nichts.

Frankreich, Vogesen

Vielleicht sollte ich nicht jedes zweite Haus untersuchen, sonst komme ich nicht weiter. Jedenfalls ist es jetzt nicht mehr weit bis zum Col du Ballon. Die Bergsteigerei hat ein Ende. Und da, in faszinierender Unscheinbarkeit, wie ein rosa Stück Papier ohne Leuchtkraft über den Horizont gehängt: Die Sonne. Sie muss es sein. Der ganze Himmel ist bedeckt, und nur dort, wo das Zentralgestirn kurz vorm Verschwinden ist, scheint der Vorhang etwas dünner zu sein. Allerdings kommt von dort keine Wärme, und für die Abfahrt muss ich mich gut einpacken.

Als das Tal und damit auch die Hauptstraße (die E512) erreicht ist, bricht die Finsternis mit Macht herein. Ja, und wo soll ich hier bleiben? Die Besiedlung ist in den Dörfern natürlich dichter, aber ich muss lernen, dass zwar viele Häuser leer stehen, mindestens genauso viele aber nur so aussehen, als seien sie unbewohnt, wie sich dann bei genauerem Hinsehen zeigt.

In der Finsternis bekomme ich nicht mit, dass ich le Thillot erreiche, wo ich laut Planung eigentlich links abbiegen wollte. Die Dunkelheit hat nur den einen Vorteil, dass ich als Fußgänger nicht mehr sichtbar bin, wenn ich zum Auskundschaften eines Grundstücks das Fahrrad mit seinem verräterischen Standlicht und die Straße verlasse. Einige Kilometer später ist links ein Sägewerk erkennbar. Einige Stämme liegen auf einem Lagerplatz davor, und ich halte zur Erkundung an. Wieder preise ich mich weise, eine Taschenlampe eingepackt zu haben. Ich durchstöbere die gesamte Halle, die besonders bei diesen Beleuchtungsverhältnissen jede Menge Unfallrisiken bereithält. Schließlich mache ich die »Buchung«, schleppe mein Fahrrad eine Holztreppe hoch, um so weder von der Straße noch von Leuten, die direkt an der Holzrampe stehen, gesehen werden zu können, und nach kurzer Toilette ist Nachtruhe. Hoffentlich wird hier am Pfingstmontag nicht gearbeitet, denke ich noch.

22. Mai 22. Mai24. Mai 24. Mai