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22. Mai

Ötigheim – Steinmauern – Plittersdorf – Wintersdorf – DxF – D87xD468 – Strasbourg – D392 – Entzheim – Altorf – D127 – Bischoffsheim – Obernai – Ottrott – D426xD214 – Champ du Feu – D214xD57xD425xD424 – Villé – D424xN59 – Sainte Marie-aux-Mines (162 km)

Nach der nicht übermäßig großen Anstrengung von gestern werde ich relativ früh wach. Jedenfalls herrscht noch Stille im Haus. Ich sortiere meine Sachen um mich herum, soweit ich sie überhaupt am Abend zuvor aus den Taschen gekramt habe (Schlafsack und Isomatte waren bei derart komfortablen Verhältnissen ja überflüssig). Mir fällt wieder ein, was ich alles unbedingt noch am Abend hatte machen wollen und was jetzt womöglich am Morgen gänzlich ausfallen wird. Eines aber ist wichtig: Ich muss die Nabe noch etwas straffer kontern. Den Ärger mit defekten Kugellagern wegen zu lasch oder zu straff gekonterter Naben hatte ich schon auf zwei Reisen. Das muss ich dieses Jahr nicht schon wieder haben.

Aber erst mal gibt’s Frühstück. Alina schmeißt zur Feier des Tages ihren Lieblingsteller auf den Boden, und überhaupt produzieren sich die Kinder natürlich in Gegenwart eines Gastes, wie das nun mal so üblich ist. Die Eltern sind angesichts dessen relativ ruhig. Für Uwe scheint es überhaupt ein Stress der besonders entspannenden Art zu sein, wenn er sich am Wochenende mit seinen Kindern auseinandersetzen darf. Mal sehen, ob er das in einem viertel Jahr noch genauso sieht.

Wenn ich bedenke, dass ich gern um acht losgefahren wäre, stecke ich natürlich tief in den roten Zahlen. Es ist bereits deutlich nach acht, und am Fahrrad ist noch nichts gemacht. Nun aber rasch. Es muss allerdings ohne die dritte Hand, den Schraubstock, gehen. Kontern mit zwei Werkzeugen und zwei Händen ist gewöhnlich ein ziemlich mühseliges Geschäft. Aber es macht sich überraschend gut, und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Ob das Fahrrad dies auch so sieht, wird sich zeigen.

Das Wetter verspricht nichts. Jedenfalls nichts Gutes. Es sieht nach einem stabil grauen Himmel aus. Hoffen wir, dass es auch so stabil trocken bleibt. Ich nehme Abschied, und nun geht die Reise eigentlich erst so richtig los. Uwe hat mir empfohlen, über Steinmauren zu fahren, um so Rastatt zu umfahren. Nun, das wäre nicht die größte Metropole der Reise, durch die ich käme, aber ich folge seinem Rat. Die Fähren über den Rhein seien derzeit wegen Hochwassers außer Betrieb. Verständlich nach den letzten Nachrichten. Also werde ich den Fluss bei Beinheim überqueren.

Die Fahrt ist entspannt und zügig – kein Wunder bei diesen äußeren Bedingungen: kaum Wind, kein Hügel, die Technik und ich in Ordnung. Mit mir zusammen macht sich eine alte Bahnlinie auf den Weg nach Frankreich. Sie sieht allerdings so aus, als sei dort schon lange nichts mehr gefahren. Und da kommt auch das Grenzschild. Es ist nun so, dass ich ja durchaus schon mal in Frankreich war, mehrere Male sogar und auch für mehr als nur ein paar Stunden. Es ist aber dennoch ein besonderes Gefühl, ein bisschen so, als bräche eine Brücke hinter mir ab – nicht auf einmal, aber Stück für Stück wird sie immer schmaler, der Weg ans rettende Ufer immer weiter, falls hier in der Fremde alles schief gehen sollte.

Das erste Wort, das ich neu lerne, ist das für Gewerbegebiet. Das ist nämlich das Erste, was ich in Frankreich sehe. Und Kreisverkehr. Sollten die das hier auch schon eingeführt haben? Der Kreisverkehr, so hatte ich gelernt, sei besonders auf ermüdenden Fernstraßen eine immer populärere Aufmunterungsmaßnahme. Na ja, eine Fernstraße ist das zwar nicht, aber wenn’s hübsch gemacht wird, mag’s angehen. Ich habe nichts gegen Kreise. Bereits am ersten vollführe ich eine 270-Grad-Drehung und bin nun auf dem Weg nach Südwesten, rheinaufwärts in Richtung Strasbourg.

Aber was heißt schon rheinaufwärts? Es ist flach, kein Hügel ist in Sicht, überzeugendes Wetter auch nicht, aber immerhin trocken. Das ist doch schon mal was im Gedenken an gestern. Meine erste Sorge gilt dem Geld. Im Moment habe ich nämlich noch nicht einmal einen einzige Sou, brauche auch erst mal nichts, aber es ist Samstag, und irgendwann ist der letzte Kanten alle, die Getränke sowieso, und dann kriege ich ohne französisches Geld ein ernstes Problem. In diesem Jahr reise ich zum ersten Mal nicht mit dem Postsparbuch, sondern mit einer Karte. Frankreich hatte für das Sparbuch ein dichtes Netz von Postfilialen, in denen man Bargeld günstig abheben konnte. Probiert habe ich es jedoch nie. Ich werde nun sehen, wie es um die Akzeptanz des Plastiks bestellt ist. In jedem Ort versuche ich zu erahnen, wo wohl ein Postamt sein könnte. Lange Zeit bleibe ich allerdings ahnungslos. Fragen könnte man ja auch mal. Aber das lasse ich lieber. Die Konversation wird sowieso spätestens bei den Verhandlungen mit den Postbeamten beginnen.

Regen kommt auf. In einer größeren Ortschaft biege ich rechts ab, und nach einer längeren Strecke finde ich rechts die Post. Na also, das Geld habe ich doch schon so gut wie in der Tasche. Die deutsche Post hat vorgesorgt und die Reisenden mit den entsprechenden Formulierungen in allen relevanten europäischen Sprachen ausgestattet. Der Mann versteht mein Anliegen offensichtlich, aber anstatt Geld zu sehen kriege ich einen Redeschwall zu hören. Ich verstehe nur Bahnhof. Das merkt der Beamte offenbar und fügt noch etwas auf Englisch hinzu, das in mir den Gedanken keimen lässt, dass Geldabheben mit dieser Karte nur am Automaten möglich ist. Na gut, aber welche Post hat einen Automaten? Diese jedenfalls nicht. Ja, die Bank vorn an der Hauptstraße, bekomme ich noch gesagt, und tatsächlich, da ist eine Bank. Da vor mir jemand zum Automaten stürmt, gewinnt die Skepsis in mir die Oberhand, ob die Benutzung der Karte an irgendeinem Automaten – und nicht an einem der Post – ebenso kostenlos ist, wie mir bei der Kontoeröffnung versprochen wurde. Ich setze mich wieder aufs Rad und fahre ohne Geld weiter.

Bis Strasbourg passiert nichts Außergewöhnliches. In einer Ortschaft ist eine Baustelle, und ich fahre ein paar Male im Kreis, bis ich die richtige Ausfahrt finde. An Bahnübergängen lese ich (immer wieder), dass hinter einem Zug ein weiterer kommen kann (wobei mir nicht so richtig klar wird, ob damit ein Zug auf demselben oder dem zweiten Gleis gemeint ist). Die Landschaft wirkt nicht ungewöhnlich, die Menschen auch nicht. Na ja, was soll ich nach ein, zwei Stunden im fremden Land schon erwarten?

Strasbourg kündigt sich lange vorher an. Die Vororte ziehen sich hin, der Verkehr wird stärker, der Regen lässt vorübergehend nach. Ich frage mich, was ich jetzt hier anfange. In Strasbourg ist man schließlich nicht alle Tage. Da muss es doch irgendetwas geben, über das ich später notfalls mal mitreden kann. Diese Ansicht scheinen viele Touristen zu teilen, jedenfalls schieben sie sich ziemlich dicht durch das Stadtzentrum, werden auch gefahren, was bei dem Niesel niemandem zu verdenken ist. Ich steuere den Münster an. Da ist ein Kommen und Gehen. Und 100 Meter entfernt steht ein Postamt, und da ist doch wahrhaftig ein Geldautomat. Nach fünf Minuten verlasse ich mit einem wesentlich besseren Gefühl das Gebäude. So schnell wird mich während der nächsten Tage nichts erschüttern können! Und jetzt den Münster. Die nagelneuen Ortliebtaschen nehme ich lieber ab. Hier ist mir der Touristenrummel einfach zu groß. Da kann schnell mal was verloren gehen. – Allein, die Kirche ist enttäuschend. Habe ich etwas was mit den Augen? Oder liegt es am grauen Himmel? Jedenfalls sind die vielen Kerzen fast das Einzige, das für Licht sorgt, und das ist spärlich. Ich kann für mich nicht viel entdecken, und so verlasse ich nach kurzer Zeit wieder die Kirche.

Draußen stehe ich ein bisschen ratlos herum. Strasbourg muss doch noch mehr zu bieten haben. Das EU-Parlament fällt mir in diesem Moment leider nicht ein, aber dann wäre ja immer noch zu klären, wo sich das wohl befindet. In meinen Grübeleien tritt ein Mann an mich heran, der noch ein bisschen mehr heruntergekommen ist als ich, ich sage mal, ein Penner. Leider dauert es eine Weile, bis ich verstehe, dass er mich zunächst nur fragt, woher ich komme. Schande! Das war eine der ersten Fragen im Französischunterricht. Nachdem wir das geklärt haben, erzählt er mir (nun auf Englisch), dass er hier zu einem Fußballspiel war, und fügt stolz hinzu, die letzte Nacht in der Kirche verbracht zu haben. Nun, wenn er nicht geschnarcht hat, dürfte das in der Dunkelheit kaum aufgefallen sein. Aber trotz dieses originellen Einfalls habe ich mir die Begegnung mit den »richtigen« Franzosen etwas anders vorgestellt. Nach einigen Minuten mache ich Anstalten, weiterzufahren, und er hindert mich auch nicht.

Ein wenig kurve ich noch in Strasbourg herum, obwohl ich schon eine klare Vorstellung davon habe, in welche Richtung ich aus der Stadt heraus muss, und als sich dann all die Dinge, derentwegen Touristen hier herkommen, wieder einmal in einem Regenschauer auflösen, schöpfe ich Hoffnung auf die Schönheit der Natur außerhalb der Stadt und vielleicht auch jenseits dieses Tiefdruckgebietes und fahre nun zielstrebig in den Südwesten der Stadt. Dort muss es hinausgehen in Richtung Flughafen, später nach Obernai und schließlich in die Berge.

Aber eins nach dem anderen. Die Metropole zieht sich hin. Als sich dann jedoch die Traufhöhen langsam verringern, die Besiedlung kleinstädtischer wird, da erscheint der Tag nicht nur wegen der niedrigeren Häuser heller – auch die Wolken liegen nicht mehr ganz so dicht über dem Land. Und als ich gar die letzten Häuser hinter mir lasse, scheint hier und dort sogar die Sonne durch. Fesselnd ist die Landstraße freilich nicht; erst so nach und nach sind im Dunst die Hänge der Vogesen auszumachen. Dort geht’s hin. Leider nicht so schnell, wie ich mir das wünsche. Immer wieder muss ich auf die Karte schauen, und dieses Monstrum (DIN A3) will jedes Mal aus der Tasche geholt, ausgepackt, aufgeschlagen, wieder eingepackt und verstaut werden. Es dauert nicht lange, und ich lasse den ersten sowie letzten Schritt weg. Die Plastiktüte muss reichen, aber angesichts des unsicheren Wetters bleibt wenigstens sie unverzichtbar.

Wenig später überhole ich zwei Mädchen, die an der Landstraße entlanggehen. Ein seltenes Bild: Wanderer über Land auf der Straße. Aber sie wandern nicht wirklich. Sie müssen nur von einem Ort in den nächsten. Wenig später überholen sie mich, von zwei Mopeds mitgenommen. Die letzte Begegnung bleibt es dennoch nicht; denn schon im nächsten Dorf überhole ich sie erneut. Dort verpasse ich am Ortseingang die Ausfahrt und fahre stattdessen in den Dorfkern. Der Ort liegt bereits am Hang, und ich darf erstmalig auf französischem Boden ausprobieren, wie viel Wendigkeit mit einem halben Zentner Gepäck bleibt, wenn es »uneben« wird. Es geht. Die Vogesen sind auch nicht viel anders als der Schwarzwald, und zwanzig Meter Höhenunterschied kann ich schließlich fast überall haben.

Weiter geht die Fahrt, nun am Fuß der Berge bis nach Obernai. Dieser Ort hat es in sich! Fußgänger, Autos, vor allem Touristen, und ein Grund dafür müssen die vielen schönen Fachwerkhäuser sein. Es ist wirklich bemerkenswert, wie dominant sie sind, und erinnert mich irgendwie an Wernigerode. Dort sind die Häuser aber, wenn ich mich recht erinnere, höher, haben also mehr Geschosse. Hier gibt es auch viel mehr Cafes. Langsam bewege ich mich durch die Ortschaft – dort, wo Autos fahren dürfen, noch im gemäßigten Reisetempo, denn die Autos müssen schließlich auch auf die vielen Fußgänger achten, und wahrscheinlich wollen auch die Fahrer noch ein wenig sehen, und in der Fußgängerzone praktisch im Schritttempo. Ich könnte eigentlich zu Fuß gehen, aber Schieben ist so überhaupt nicht standesgemäß, und außerdem bin ich im Sattel noch gute zehn Zentimeter größer und sehe mehr.

Von Obernai aus geht es bereits aufwärts, nach Ottrott, und schon bin ich in den Vogesen. Von hier aus gibt es kein Entrinnen mehr, es geht ins Gebirge. Zunächst verläuft die Straße noch zwei Kilometer im Tal, und anlässlich eines kleinen Teiches lerne ich die französische Übersetzung für die Wörter ›Teich‹ und ›fischen‹. Aber dann kommt der Abzweig, der zum Champ du Feu führt, und von da an hat der Spaß ein Ende. Über allerlei Kurven gewinnt die Straße durch den Wald (das sind hier Forste, die einzelnen Schildern zufolge bestimmten Kommunen gehören) allmählich an Höhe. Ab und zu kommt ein Auto, gelegentlich auch mal ein paar Motorradfahrer, aber sehr viel ist nicht los, besonders, wenn man bedenkt, dass Pfingstsamstag ist. Allerdings ist das Wetter auch nicht gerade einladend: kühl, bedeckt, diesig, fehlt nur noch Regen, aber der bleibt mir glücklicherweise erspart, und so kann ich die Fahrt ganz einfach im Oberhemd machen und auch erst mal auf den Hut verzichten.

Nach einer Weile erreiche ich den ersten Abzweig. Eine Schautafel weist den nicht vorhandenen Wanderern den Weg. Beim Gasthaus auf der gegenüber liegenden Straßenseite fehlen nicht nur die Gäste, sondern auch noch das Personal. Es ist geschlossen. Der Ort ist nicht so einladend. Und mir wird langsam kalt. Da hilft nur Weiterfahren. Aber wärmer wird’s auch nicht. Also, ich könnte ja einen Pullover herausholen. Aber dann ist es bestimmt wieder zu viel.

Frankreich, Vogesen, Blick vom Champ du Feu

Die Vegetation wird karger, und der Wald weicht Heidelandschaft, die von großen Steinen durchsetzt ist. Und da kommt er, der Champ du Feu, der Leuchtturm, ein Turm jedenfalls… Wann und warum soll denn hier ein ganzes Feld gebrannt oder geleuchtet haben? Der Turm reicht mir, seine frühere Funktion ist mir völlig egal; er markiert jedenfalls den höchsten Punkt der heutigen Fahrt, und von nun an wird es vorrangig bergab gehen. Aber erst mal halte ich an, greife mir den Fotoapparat und steige im Innern des Turms die enge Wendeltreppe hinauf. Oben ist es windig und noch kälter als unten. Keine Spur von Frühling, kein Sonnenstrahl, keine Aussicht auf Wochenendwetter. Die Sicht reicht vielleicht einen knappen Kilometer weit. Bei solchen Motiven macht man eigentlich keine Fotos. Aber ich möchte endlich den Papierfilm vollmachen, damit ein Diafilm in den Apparat kann. Wem soll ich denn Landschaftspostkarten zeigen?

Frankreich, Vogesen, Blick vom Champ du Feu

Abseits der Straße haben sich ein paar Motorradfahrer aus Deutschland neben einer Hütte ein Feuer gemacht. Ich werde mich jetzt auch mit Wärme versorgen müssen. Also wird mein Reisegepäck geplündert. Und dann geht’s los: Aus 1100 Meter Höhe hinunter fast wieder bis in die Rheinebene. Es dauert schon einige Minuten, bis ich das Gefühl habe, dass die Temperatur langsam wieder steigt. Aber nachdem ich dick vermummt bin, ist mir die Kälte relativ egal, und solange ich mich nicht bewege, auch die Wärme, wenn denn welche kommen sollte.

Frankreich, Stephan Geue

Im Tal angekommen, muss ich mir langsam um die Übernachtung Gedanken machen. Das ist nun das erste Mal in Frankreich in diesem Urlaub. Ein Gasthof gefällig? Oder das Hotel zum freien Himmel? Bei diesem Wetter? Es ist überraschend schnell dämmerig geworden. Ich muss bald was finden, wenn ich es noch wirklich in Augenschein nehmen will. Nach dem letzten Hakenschlag geht es nun geradewegs in Richtung Sainte Marie-aux-Mines. Acht Kilometer vor dieser Stadt und Wegmarke wird die Straße zur Magistrale, vierspurig und für Radfahrer eigentlich nicht zugelassen. Diese »dürfen« hinunter ins Tal und dort über die Dörfer fahren. Ohne einen Blick auf die Karte, die ich bei der Dunkelheit sowieso nicht mehr lesen kann, fahre ich einfach weiter. Es ist ja genug Platz für Radfahrer und Autos. Begeistert sind diese trotzdem nicht, einen schlecht beleuchteten Radfahrer (das Rücklicht streikt) auf ihrer Piste zu finden. Und ich finde die Straße letztlich auch nicht so toll. Sie schlägt sich quasi in die Berge, um im Tal nicht in Erscheinung zu treten; also muss ich mit hinauf, obwohl es doch keinen geologischen Grund für die Berg- und Talfahrt gibt.

Schließlich erreiche ich den Ort. Gleich am Eingang lockt rechts ein Sägewerk mit überdachten Bretterstapeln. Wer glaubt, dass ich um diese Zeit noch eine preiswerte Herberge finde, muss ganz schön optimistisch sein. Aber auf dem offenen Grundstück ist noch Leben. Ich habe keine Lust, mich mit Arbeitern oder gar Eigentümern herumzustreiten und trolle mich. Ein paar Meter weiter: ein Schuppen. Nein, das ist dann doch zu unfein für den Anfang. Ich fahre ins Stadtzentrum und drehe dort ein paar Runden. Es ist, als wären die Bürgersteige hochgeklappt. Um zehn Uhr schläft die Stadt, kaum ein Mensch auf den Straßen, gerade mal ein paar Laternen leuchten noch. Na gut, in der Dunkelheit sind alle Katzen grau. Es wird mich dann wohl auch kaum jemand sehen können. Irgendwo finde ich ein eingerüstetes Haus. Baustellen sind meistens gut (sofern schon ein Dach existiert), zumal in der Nacht zum Sonntag (da kommt am nächsten Morgen keiner, um Baulärm zu machen). Aber diese wirkt ziemlich verriegelt. Das ist wohl nichts. Daneben führt eine Toreinfahrt auf einen Hinterhof. Die fortgeschrittene Uhrzeit macht mich bescheiden, so dass ich ihn mir einmal ansehe. Da ist nicht viel. Es gibt einen gemauerten Stall… Und der ist offen! Na, da ist doch zumindest schon mal Ruhe und Trockenheit, und wenn ich ein bisschen Glück habe, belästigt mich auch niemand heute Nacht.

Als erstes hieve ich mein Fahrrad hinein und schließe die Tür. Aus dem Fenster des ersten Stocks beobachtet mich eine Katze. Besser als ein Hund; der würde womöglich Lärm schlagen. Ich suche meine Taschenlampe und preise meine Entscheidung, trotz der hellen Jahreszeit und langen Abende auf eine Leuchte nicht verzichtet zu haben. Freilich muss sie mit Bedacht benutzt werden. Schließlich ist solch ein Schein im Dunkeln besonders leicht zu sehen. Ich muss sie abschirmen, während ich das Inventar inspiziere. Da sind ein paar Teppichfetzen, die ich auf dem steinernen Boden ausbreite, damit mir die erste Nacht auf französischem Boden ein wenig weicher werde. Es dauert dann so seine Zeit, bis die Zähne geputzt sind und alles bereit ist für die Nachtruhe. Aber dann hat alles seinen Platz, ich verkrieche mich im Schlafsack und muss nach dem ersten Pass über 1000 Meter nicht lange auf den Schlummer warten.

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