aktueller Pfad stephangeue.de / trips / 1999 / 19990521.html

20. Mai 20. Mai22. Mai 22. Mai

21. Mai

Schwäbisch Hall-Sülz – B14xB39 – Hirrweiler – Etzlenswenden – Großbottwar – Mundelsheim – Besigheim – Freudental – Illingen – B10 – Mühlacker – Pforzheim – Neuenbürg – Bad Herrenalb – Gernsbach – Gaggenau – Bischweier – Muggensturm – Ötigheim (162 km)

Guten Morgen! Es regnet. Es regnet, und es sieht so aus, als würde es noch lange regnen. Inzwischen weiß ich, wie ein Himmel aussieht, aus dem noch mindestens eine Stunde lang Regen fällt. Er ist entweder einheitlich grau, oder unter einer hell- bis mittelgrauen strukturlosen Wolkendecke ziehen vereinzelte dunkelgraue Fetzen dahin. Wichtig ist, dass jede Struktur fehlt. Denn dann sind die Wolken dicht und dick, und das garantiert Dauer. Da hilft auch kein ausführliches Frühstück und keine Debatte über Gott und die Welt. Irgendwann muss ich ’raus, und in Frankreich wird sowieso alles besser. Schließlich habe ich eine Regenjacke mitgeschleppt, die auch bei Schnee und 10 Grad unter Null trage, und eine Regenhose, die ebenso kältetauglich ist. Eigentlich sollte mir diese Kältefähigkeit zu denken geben. Aber ich werde noch früh genug darauf kommen, dass es eine Temperaturobergrenze gibt, oberhalb derer eine Badehose die geeignetere Regenkleidung ist (sofern man eine dabei hat).

Also los! Zunächst mal muss ich auf die Hauptstraße zurück, und dann geht es nach Westen hinauf, in die Waldenburger Berge. Es ist kein steiler Berg, aber es zieht sich hin. Im Grunde sollte ich bei dieser Anstrengung nicht gerade Winterkleidung tragen, aber das ist es, was mich gegen den Regen schützt. Ich muss mich nur eben entscheiden, ob ich lieber von außen oder von innen nass werde.

So zieht sich das hin. Wer den Blick bei Regen einmal durch den Sucher eines Fotoapparates zwängt, der weiß, wie Kontrast spendend Sonnenlicht sein kann, dass hier kaum ein Foto wirklich gut wird, dass auch das reale Erleben viel grauer ist als bei schönem Wetter, dass also mit einem Satz der Spaß höchstens der halbe ist. Kurz vor Löwenstein muss ich links abbiegen, um auf Umwegen in die Ebene des Neckar hinabzurollen. In Baden-Württemberg scheinen Wahlen anzustehen, wahrscheinlich Kommunalwahlen; jedenfalls hängen viele Plakate entlang der Straße, und in dieser Gegend scheinen nur die Reps zu plakatieren. Braunes Volk!

Dort komme ich auch durch die erste Weingegend. Es wird wohl nicht die letzte sein. Immerhin werde ich noch durchs Elsaß und durch die Champagne fahren. Aber eins nach dem anderen. Jetzt hat sich erst mal das Wetter gebessert, und das kommt mir natürlich gelegen. Auf dem Weg nach Pforzheim halte ich mal wieder Ausschau nach einem Friseur. Aber erstens haben die selten ihren Laden direkt an den Fernstraßen, und zweitens habe ich noch eine lange Strecke vor mir und nicht mehr so viel Zeit. Also, das wird heute nichts mehr mit dem Haareschneiden. Und in Frankreich?

In der Goldstadt setzt wieder ein leichter Regen ein. Nach einigen Schnörkeln finde ich auch die richtige Ausfahrt nach Südwesten, und in Kürze geht es mal wieder ordentlich zur Sache: Schwarzwald, Berge! Im feuchten Milieu, verbreitet weniger durch den Regen von oben als durch die Reifen vorbeifahrender Autos, erarbeite ich mir einen Meter nach dem anderen. Ich hatte befürchtet, dass meine fehlende Ausdauer hier erste Zeichen setzen würde. Wahrscheinlich kann ich das durch eine gewisse Gelassenheit kompensieren. Jedenfalls verzeichne ich vorerst keine Einbrüche. Bad Herrenalb wird (topologisch) das erste Zwischentief sein, bemerkenswert ist sein Straßenbahnanschluss nach Karlsruhe, unverkennbar der Charakter der Kurstadt mit all ihren Häusern Rosi und Renate und wie sie so heißen.

Nach Gernsbach führt die Straße noch ein letztes Mal über den Berg. Aber er hält sich in Grenzen. Das Beste an der Abfahrt ist jedoch, dass der Himmel langsam aufklart. Eigentlich ist es verrückt: Der Regen kommt doch meist von Westen, und diesmal sieht es fast so aus, als staute er sich auf der Ostseite des Schwarzwaldes. Es kann natürlich auch sein, dass gerade mal der Schönwetterteil des Tiefdruckgebietes kommt, und zwar wiederum von Westen.

Auch wenn noch ein ganzes Stück vom Rhein entfernt, spüre ich doch, dass ich jetzt unten bin, in der Rheinebene. Das ist an der Temperatur zu merken, an der Vegetation, und das Flüsschen Murg hat auch einen so flachen Verlauf, dass da keine großen Wasserfälle mehr kommen können. Also habe auch ich keine Höhengutschriften mehr und muss folglich einfach Kraft einsetzen, wenn ich nicht zu spät in Ötigheim ankommen will. Gaggenau zieht sich in die Länge. Mercedes hat hier große Fertigungsanlagen, ist vermutlich der größte Arbeitgeber des Ortes. Auf der anderen Rheinseite müssten dann ebenfalls Werke mit dem Stern stehen, denn Uwe erzählte mal, der einzige Unterschied zwischen der Produktion der Nutzfahrzeuge auf französischer Seite und der A-Klasse auf Deutscher Seite bestünde darin, dass die Franzosen die größeren Kipper bauten. Inzwischen sind die Elchwitze aber nicht mehr so neu, und die PKW scheinen mittlerweile auch eine gute Straßenlage zu haben.

Über Bischweier und Muggensturm geht es weiter in Richtung Westen. Inzwischen bin ich fast wieder trocken, die Straße sowieso, die durch ausgedehnte Obstplantagen führt. Für einen kleinen Imbiss ist es leider noch viel zu früh – vielleicht in zwei Monaten. In Ötigheim muss ich erst mal an der Schranke warten. Ich übe mich in Geduld, denn wahrscheinlich ist dies das ICE-Gleis, und vielleicht kommt ja sogar mal eine der oft erwähnten Straßenbahnen darauf entlang. Allein, es ist nur ein alter Silberling, und zu allem Überfluss lässt er uns lange warten. Als sich die Schranke dann endlich wieder hebt, stehe ich vor dem Problem, dass ich Uwes Adresse nicht mehr weiß, buchstäblich nichts mehr außer der Tatsache, dass das Haus sich hier im Ort befinden muss, unweit der Kirche und einer Durchgangsstraße steht (vielleicht dieser), ja, und wie es ungefähr aussieht. Daran kann ich mich von meiner Übernachtung im Urlaub 1997 noch vage erinnern. Leute kann ich auch keine fragen, denn es ist nach acht Uhr, und da ist die Straße buchstäblich wie leergefegt. Also fahre ich erst mal der Nase nach und suche die Kirche. Der Schwerpunkt des Ortes scheint links zu liegen, also muss ich dort wohl auch die Kirche finden. Im Vorbeifahren werfe ich einen Blick in die linken Seitenstraßen. Da, halt! Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Kein Kirche, aber der Giebel eines Hauses oder was weiß ich. Es ist unglaublich! Die Straße ist richtig, nach 50 Metern sehe ich das Haus. Was ist da eben abgelaufen? Ich habe mir doch niemals diese Straße bewusst eingeprägt. Das Haus selbst steht eingerückt, ist also von der Hauptstraße aus gar nicht zu sehen. Unklar! Welche Information war da gespeichert, und welcher Vorgang hat sie in Sekundenbruchteilen selektiert und erkannt? Wenn das doch auch so perfekt bei Französischvokabeln funktionieren würde!

Für Pascal und Alina geht der Tag inzwischen zu Ende. Aber mit Bettina und Uwe unterhalte ich mich am Abend noch eine Weile. Uwe macht einen entspannten Eindruck. Sein Wechsel nach Karlsruhe ist jetzt in trockenen Tüchern; er wird von nun an nicht mehr am Wochenende stundenlang auf der Autobahn sein müssen, dafür jeden Morgen und Abend gute 20 Kilometer pendeln. Auf jeden Fall hat er damit weniger Kilometer zurückzulegen und natürlich mehr Zeit für seine Kinder.

Noch einmal suche ich ein ordentliches Bett auf (wer weiß, wann das das nächste Mal der Fall sein wird), und dann ist Nachtruhe.

20. Mai 20. Mai22. Mai 22. Mai