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21. Mai 21. Mai

20. Mai

Erlangen-Büchenbach – Herzogenaurach – Emskirchen – Markt Erlbach – B470 – Burg Bernheim – Nordenberg – Linden – Windelsbach – Linden – Wachsenberg – Rothenburg ob der Tauber – Rothenburg-Bettenfeld – Reusch – Leuzendorf – Speckheim – Blaufelden – Langenburg – Braunsbach – B19 – Schwäbisch Hall – Schwäbisch Hall-Sülz (150 km)

Eigentlich wollte ich ja schon um fünf aufstehen, denn das Gepäck liegt mitnichten griffbereit. Es ist zwar alles schon da, aber die Sachen liegen ohne Konzept in der Wohnung verteilt. Auf dem Herd türmt sich der höchste Haufen. – Um sechs meldet der Wecker die revidierte Weckzeit. Das gibt heute mal keine Probleme. Und das Wetter? Na ja, draußen ist es ziemlich grau. Aber weil das Wetter in Deutschland nicht so sicher ist, fahre ich ja nach Frankreich. Also sollte mich schlechtes Wetter eher anspornen.

Der Kram wirkt zwar unübersichtlich, aber erträglich. Was wird er wohl wiegen? Nein, es kann nicht einfach eingepackt werden. Erst mal muss ich mich selbst zurechtmachen, die Reisekluft muss sitzen, dann kommt das Sortieren dran, und das dauert am längsten. Obwohl das Problem jedes Jahr dasselbe ist, habe ich noch keine goldene Regel, in welche Tasche nun was kommt (so dass ich unterwegs nach einem bestimmten Stück nicht erst alle Gepäckteile durchsuchen muss). Aber aus diesem Grund versuche ich ja, möglichst wenig mitzunehmen.

Es zeigt sich, dass ich mit den Ortlieb-Taschen doch eine kleine Probefahrt hätte machen sollen. Erst einmal müssen sie haltbar an den Lowridern festgemacht werden, und dabei stellt sich heraus, dass sie nicht ganz passen. Es lässt sich zwar viel an ihnen einstellen und ändern, aber das Problem der Halterung wird nur so weit gelöst, dass ich damit eben losfahren kann. Überzeugend ist es nicht. Aber bevor es auf die Reise geht, will ich dann doch noch wissen, wie schwer der Kram ist. Also steige ich erst mit den Sachen auf die Waage (du lieber Gott!) und dann ohne. 27 Kilogramm, und dabei war der Kühlschrank diesmal doch gar nicht so voll! (Er wird vor der Fahrt ausgeräumt und alles Verderbliche eingepackt; das kann die Fracht anfangs schon um zwei, drei Kilo erhöhen, aber im Grunde ist das auch nicht mehr, als was ich unterwegs so manchmal auf einen Schwung einkaufe.) Na denn, happy cycling!

Die Zeit vergeht. Also, um acht wollte ich doch wirklich schon unterwegs sein! Aber bei Elisabeth verschwatze ich noch ein paar Minuten, um mich bei ihr für ihre Karte zu bedanken, und dabei ist sie noch privilegiert! Einige Geburtstagsbriefe bleiben ungeöffnet liegen. Ich kann sie jetzt ohnehin nicht beantworten, also lese ich sie nach meiner Rückkehr.

Zehn nach acht sitze ich schließlich im Sattel. Ein feiner Nieselregen hat eingesetzt. Ich kann also gleich ausprobieren, ob ich allein in Oberhemd und leichter Hose noch so weit wetterfest bin, dass mir unter diesen Umständen nicht kalt wird. Über die Dörfer führt mich der Weg in Richtung Westen. Diese Himmelsrichtung wird mit kleinen Abweichungen in den Vogesen für die vor mir liegenden sechs Tage dominierend sein. Es geht zunächst über die kleinen Dörfer, durch die ich oft fahre, wenn ich im Westen von Erlangen unterwegs bin. Mein Gepäck ist halt ein bisschen unübersichtlicher, umfangreicher und ungewöhnlicher, aber da es zwar eine ganze Menge Hügel, aber im Grund kaum Berge gibt, und da ich auch wieder meine bewährte Urlaubsübersetzung eingebaut habe, ist das alles nicht so schlimm. Ich bin nur gespannt, wann ich meine Urlaubsstartkrise kriege, denn zu dieser habe ich dieses Mal allen Grund. Die längste Fahrt zur Vorbereitung habe ich vor einigen Wochen mit Johanna am König-Ludwig-Kanal gemacht, und das waren gerade mal 130 Kilometer fast ohne jedes Gepäck und ohne Berge. Danach war ich ganz schön fertig. Heute, nach Schwäbisch-Hall, kommt von allem mehr: vom Wetter, von den Bergen, vom Gepäck und von der Länge der Strecke.

Einige Kilometer hinter Herzogenaurach fällt mir ein, dass ich vergessen habe, die Badehose einzupacken. Na prächtig! Da fahre ich also in den Süden, ans Meer, ins Warme, und jetzt werde ich nicht baden können! Zurück also? Nö, das wäre ja noch schöner. Einen Badeurlaub habe ich ohnehin nicht geplant, und wenn’s notwendig oder unwiderstehlich wird, muss ich eben nackt baden. Den Gedanken, mir unterwegs noch eine Badehose zu kaufen, erwäge ich nur kurz. Schließlich muss, wer eine Badehose anziehen will, zuvor eine andere ausziehen. Ohne Bademantel bin ich unter diesen Umständen dann auch erst mal ohne.

Die nächste Überlegung gilt meinem Haarschnitt. Ich bin aus Mangel an Gelegenheit ohne Urlaubsfrisur losgefahren. Das dürfte also lustig werden, wenn die ersten schweißtreibenden Abschnitte beginnen. Und in sieben Wochen wächst ja noch einiges nach. Ich werde also unterwegs die Angebote studieren. Nur: Mit Bittkau kann ohnehin keiner konkurrieren, wahrscheinlich nicht einmal annähernd.

Wenige Kilometer später beginnt terra incognita. Noch nie gesehen und auch schon etwas uneben. Es geht hinauf. Bevor ich nach Bad Windsheim rollen kann, muss ich in die Berge. Na ja, diese Bezeichnung wird sich später sicherlich relativieren. Einstweilen genügt ein entschiedenes Runterschalten, um ohne größeren Kraftaufwand zu klettern. Das erste Mal denke ich darüber nach, wie sich das hier wohl auf einem neuen Fahrrad mit »gescheiter« Schaltung machen würde. Aber ich hab’s ja nun nicht, also muss es so gehen.

Das Wetter hat sich inzwischen deutlich gebessert. Die Sonne ist herausgekommen; an meiner Garderobe ändere ich aber erst mal nichts: also keine Handschuhe, kein Hut und keine Sonnenbrille. Wer weiß, wann der nächste Niederschlag kommt.

Nach der Abfahrt nach Bad Windsheim (die eigentlich eher an der Stadt vorbeiführt als in sie hinein) wird’s ein bisschen langweilig: Bundesstraße. Die einzige Abwechslung ist ein Bundeswehrhubschrauber, der oben seine Kreise zieht. Wahrscheinlich macht er einen Übungsflug. Die Karte verspricht jedoch kurz nach der Überquerung der B13 Abwechslung. Da geht es nämlich links ab nach Burg Bernheim. Hinter dem Ort erheben sich die Berge. Sie sind wahrscheinlich nicht der leichteste Weg nach Rothenburg, aber interessanter als die Bundesstraße werden sie wohl allemal sein.

Zuerst mal machen sie sich noch nicht bemerkbar. Es geht wirklich total eben in das Dorf oder die kleine Stadt, und erst nach einer Weile beginnt allmählich der Anstieg. Die letzte Straße macht dann langsam ernst. Hinter einer Brücke unter der Eisenbahn droht gar ein 15%-Schild. Na fein! Dabei wollte ich doch meine Schaltung nicht gleich am ersten Tag kaputtmachen. Aber es ist nicht nur meine Schaltung. Vor allem ich bin offensichtlich nicht in dem Maße fit, wie die Topologie es erfordert. Also fahre ich in Schlängellinien durch den Wald in die Höhe. Dass es am ersten Tag immer so heftig kommen muss!

Nach diesem gebührenden Prolog wird es etwas milder, und ich werde mit einer Fahrt durch den Nordenberger Forst für den Betrieb auf der Bundesstraße entschädigt. Hier ist nämlich nicht viel los. Außer viel Wald fällt mir an einer Stelle der Strecke nur ein Tier auf, das vor mir die Straße überquert. Die Größe passt vielleicht zu einer Katze, aber die Bewegungen sind dafür zu ungeschickt. Es muss ein junges Tier sein. Offensichtlich ist es auch scheu; ich bin mir bald ziemlich sicher, dass dies ein junger Fuchs war, aber überprüfen kann ich es natürlich nicht mehr.

Auf der Anhöhe »darf« ich noch etwas länger bleiben: In Linden nehme ich die falsche Richtung, stelle das nach einer längeren, aber glücklicherweise flachen Abfahrt bis nach Windelsbach auch schließlich fest, und so geht es erst wieder zurück, und dann richtig weiter in Richtung Rothenburg. Über diese Stadt habe ich schon viel gehört: Der Tourismus hier soll bedeutend, der Autoverkehr ziemlich schnell unterwegs sein. Alles natürlich ein bisschen detaillierter, aber diese Punkte sind mir im Gedächtnis geblieben, und sie sollen nun mit der Realität abgeglichen werden.

Der Ortseingang ist zunächst wenig spektakulär. Zwar sehe ich bereits Einrichtungen des Fremdenverkehrsamtes, aber da sind weder historische Bauten noch ein Fluss im Tal zu sehen. Kommt wohl noch, denke ich mir und fädele mich so nach und nach in die inneren Zirkel der Stadt. Dort werden sie auch sichtbar, die unvergleichlich überflüssigen, aber doch für eine Stadt wie diese unentbehrlichen kleinen Läden mit all dem Kitsch, den Trinkgläsern, Ansichtskarten, Schweizer Taschenmessern, … ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht so genau, was es da alles gibt. Aber in all ihrer Vielfalt sind sie doch unverkennbar von einem Genre.

Rothenburg, Schlossgarten von Schloss Langenburg Rothenburg, Taubertal

Nach Westen hin geht es den Hügel hinab, und irgendwann sollte dort doch auch die Tauber kommen. Schließlich ist sie da, und sie liegt so tief, und der Abhang ist so steil, dass keine Straße hinabführt – jedenfalls sehe ich keine. Also immer an der Wand lang. Mit meinem Gefährt bin ich nicht gerade wendig, verglichen jedenfalls mit Fußgängern. Es ist vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar, welche Masse bei jedem Wendemanöver ausbalanciert werden muss, aber mit einem konkreten Tagesziel vor den Augen und ausreichend Zeit für die verbleibende Strecke kann ich all diese Kurven mit Ruhe nehmen.

Die Stadt ist wirklich an vielen Stellen im späten Mittelalter stehen geblieben. Die Wohngebäude des Zentrums, die Kirchen sowieso, die Stadtmauer und auf ihr die überdachten hölzernen Wandelgänge (das dürfte wohl einige Male gebrannt haben) und nicht zuletzt das Image, das die Kommune wie das Land fleißig pflegen, locken viele Leute an, und heute dürften sie angesichts des nicht zu warmem Wetters (im Moment regnet’s aber auch nicht) auch zufrieden sein. Die Legende der Raser kann ich nicht bestätigen, aber vielleicht hätte ich dazu in den Außenbezirken etwas genauer hinschauen müssen. Der Ort selbst könnte später vielleicht noch mal mit weniger Gepäck und mehr Zeit bereist werden. Vorerst suche ich die Ausfahrt. Schwäbisch Hall ruft.

Nach der Überquerung der Tauber im Tal wird das Panorama wieder ländlich, aber es bietet nichts Besonderes. Ich konzentriere mich also auf die Streckenvorgabe und habe damit in dem Zickzack (die ursprünglich geplante Ausfahrt aus Rothenburg habe ich nicht gefunden und mache nun eine Südumfahrung) auch genügend zu tun. Die Gemeinden sind unseligerweise häufig nicht identisch mit den Siedlungen; so gibt es ein knappes dutzend Schrozbergs, alles eine Gemeinde, aber jedes von Fall zu Fall mit noch einem Extranamen oder auch nicht ausgestattet. Die Landkarten tragen diesem Umstand nach eigenem Gutdünken Rechnung. Und dann fängt es auch noch an zu regnen, so richtig sogar, viel zu viel für meine Landkarte, und nachdem diese bereits im zehnten Jahr ist, beschließe ich, sie vor der Überfahrt nach Frankreich aus dem Verkehr zu ziehen – ist ja dann auch wieder ein kleines Stückchen weniger Gepäck.

Vorerst – nach einer kleinen Essenspause von zehn Minuten – brauche ich sie aber noch. In Langenburg knickt die Route nach Süden ab. Sie tut dies aber nicht so einfach, sondern führt vorher ins Jagsttal hinunter. Bevor ich dort hinunterrolle, schaue ich mir die Anlagen eines Schlosses an, das ähnlich wie Rothenburg über dem Tal thront. Da das Wetter inzwischen gemischt ist und vielleicht auch die Konkurrenz durch Rothenburg zu groß, ist hier touristisch nicht viel los. Das Innere von Schlössern interessiert mich auch nicht, also nehme ich den neuen Aufstieg in Angriff. Die Abfahrt ist ja schnell zurückgelegt. Auf der Rückseite des Berges weiß ich eine weitere Abfahrt, diesmal ins Kochertal, und bevor ich nach Schwäbisch Hall komme, werde ich die Kocherbrücke unterqueren, über die ich erst vorgestern mit meinen Kollegen auf dem Weg nach Stuttgart gebrettert bin. Bei dieser Fahrt war von der Brücke nicht viel zu sehen. Vielleicht ist es gut, dass den Autofahrern während der Überfahrt das Panorama verwehrt wird. Wer weiß, wie viele Unfälle es sonst gäbe. Jetzt gucke ich mir dieses von weitem filigran erscheinende Stahlbetonwerk von unten an. So aus der Nähe würde ich es nicht schön nennen, aber von weitem ist es schon erstaunlich, über welche Spannweiten hunderte Tonnen Fahrzeuglast in einer Weise getragen werden, wie sie jeder traditionellen Kraftabführung (von der Romanik bis in unser Jahrhundert hinein) über Rund- und Spitzbögen zu widersprechen scheint. Aus der Nähe werden die Pfeiler allerdings dann schon voluminös und wuchtig, und was die Masse nicht bringt, muss der Stahlbeton erledigen. Sie steht jedenfalls, und zu hören ist fast nichts, so dass der Eingriff in das Tal eigentlich nur optisch erfolgt. Ich weiß allerdings nicht, welchen Weg die Autoabgase bei Windstille nehmen.

Kochertalautobahnbrücke

Zum Glück schaue ich vor der Teilung des Tals nach Südosten und Südwesten noch einmal genau auf die Karte, und während ich Sülz bislang bei Sulzdorf vermutet hatte (wofür ich dem Fluss Bühler hätte folgen müssen), entdecke ich den Ortsteil jetzt nordwestlich von Schwäbisch Hall, und das lässt mich im Kochertal bleiben.

Es gibt keinen Weg an Schwäbisch Hall vorbei in die Berge, also, vielleicht doch einen Weg, aber jedenfalls keine Straße, die einigermaßen gemäßigt in die Höhe führen würde, und so viel ist inzwischen klar: Das heutige Ziel liegt nicht im Tal. Also fahre ich mit dem Hauptverkehr in die Stadt, und weil ich einmal dort bin und auch noch genügend Zeit ist, mache ich einen kleinen Abstecher in die Fußgängerzone. Dort hält gerade einer eine Rede gegen den Krieg auf dem Balkan und den Einsatz deutscher Truppen. Etwa einhundert Menschen stehen um ihn herum und klatschen gelegentlich Beifall. Na ja.

Die Ausfahrt kenne ich. Zwar bin ich sie noch nicht hinaufgefahren, aber vor einigen Jahren war ich mal auf einer Hauptversammlung in Schwäbisch Hall und habe sie gesehen. Nach einigem Zirkeln bin ich auf dem Radweg und folge ambitioniert einem Mädchen, das – allerdings ohne Gepäck – ebenfalls auf dem Weg nach oben ist.

Als wir den Wald hinter uns lassen und es flacher wird, biegen die ersten Straßen nach rechts ab. Eine von diesen muss es sein. Ich überhole meine Schrittmacherin und frage sie nach dem Weg. Die Auskunft ist eher vage, aber ich biege trotzdem ab und versuche mein Glück. Nach weiteren zwei Dörfern kommt schließlich Sülz in Sicht, eine Ansammlung von wenigen Häusern, und eine gute viertel Stunde zu früh erreiche ich die verabredete Adresse bei den Dachgebern. Ich nutze die Zeit für ein erstes frühes Abendessen im Schatten einer Linde. Da wären noch saure Heringe aus dem Kühlschrank. Das Glas mit der vielen Marinade muss ich ja nun wirklich nicht noch durch die halbe Welt schleppen. Also wird es vertilgt.

Pünktlich um sieben klopfe ich an, und ein Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich, macht mir auf. Der Mann ist Lehrer an einer Waldorfschule, aber gerade kommt er aus seiner Schreinerei, und später zeigt er mir, woran er arbeitet: Musikinstrumente. Das ist ja nicht gerade das, wobei sich Anfänger des Holzes ihren ersten Span in die Finger ziehen, und ich habe gehörigen Respekt vor seiner Kunst. Oben ist seine Frau. Kinder haben sie keine, aber im Laufe des Abends zeigt sich, dass das Haus, der Beruf und die Hobbies keine Langeweile aufkommen lassen. Er erzählt mir, wie sie in eine Ruine eingezogen waren, dass er auf die Scheune ein Windrad setzen will, wie sie im Herbst immer Obstsaft mit einer uralten Obstpresse machen, wo alle kurbeln müssen, und zu diesen Erzählungen gibt es Kaiserschmarrn, den seine Frau gemacht hat. Mein Schlaflager finde ich auf der Küchenbank, wo ich die erste Nacht der Reise gut verbringe.

21. Mai 21. Mai